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Alles ändert sich ... von Wolf Sugata Schneider


Es ist so viel von Innovation und Disruption die Rede. Im Management dreht sich alles um Change Management, und auch in unseren privaten Beziehungen scheint alles in Bewegung zu sein. Kaum etwas ist noch fest und gibt uns Sicherheit. Wird das Geld seinen Wert behalten? Werden die Staaten mit ihren Sozialsystemen bleiben oder werden sie von Migranten überrannt und zerfallen? Werden die Stürme mehr, die Sommer heißer, die Nahrungsmittel knapper und giftiger? Es scheint, dass die Ungewissheit über den Erhalt des uns trotz aller Schäden noch immer irgendwie tragenden Biotops sich bis in unsere Beziehungen ausbreitet, in die Arbeitsbeziehungen ebenso wie die privaten Beziehungen und Familien.

Festhalten und loslassen
Ändert sich wirklich alles? Nur die Veränderung bleibt, sagen Zyniker. Das Leiden bleibt, weil wir an der Idee eines Selbst, eines authentischen Ich festhalten, sagt der Buddha. Alle lieben die Freiheit, aber wenn wir an der Idee einer grenzenlosen Freiheit "festhalten", dann ist auf nichts mehr Verlass, es fehlt jeglicher Halt, die Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat und einem Nest unter dem grenzenlosen Himmel bleibt unerfüllt. Dann verfolgt sie uns in unseren Träumen, im Unbewussten und dem Schatten, den wir auf andere projizieren. So holt uns nach dem Aufbruch in die Freiheit die Bindung dann doch wieder ein. Landen wir nach einem solchen Ausbruch ins Grenzenlose in einem sozialen Netz oder eher einem sozialen Filz? Wer weiß. Die Unterscheidung zwischen Netz und Filz braucht ja eine Wertung, und die Devise nicht zu werten und keinesfalls zu urteilen, ist weit verbreitet und wird sich dabei als Hindernis erweisen.

Stirb und Werde
Manchmal finden wir die Lösung für so scheinbar unlösbare Probleme wie das zwischen Bindung und Freiheit, Bewertung und Neutralität, Loslassen und Festhalten bei einem der Alten: "Und so lang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde" schrieb Goethe 1814 nach einer Begegnung mit den Schriften von Hafiz in der letzten Strophe seines Gedichts "Selige Sehnsucht". Das ist nun gut 200 Jahre her und steht in seiner Weisheit und Tiefe den Sutren von Buddha, Rumis Gedichten und dem Daodejing in nichts nach. Wenn wir uns nicht der permanenten Wandlung bewusst sind, der flatterhaften Fiktivität unseres Ich, Selbst oder Ego, dann sind wir nur trübe Gäste auf der dunklen Erde, vor uns hindämmernd, unerlöst durch das Licht der Einsicht, des Bewusstseins, der Erkenntnis.

Apocalypse now
Wer würde da noch einen Sprung ins Ungewisse wagen? Falsch gefragt, denn nicht zu springen, heißt ja nicht in Sicherheit zu sein. Mutig auf die Unsicherheiten zuzugehen könnte die bessere Strategie sein, denn wer ängstlich verharrt, den erwischt es auch. Niemand ist vor dem Wandel sicher. Sich Vorräte anzulegen für die kommenden Katastrophen wird kaum helfen. Zum einen, weil die meisten der angekündigten Katastrophen ein Geschäftsmodell für die Zielgruppe ängstlicher Apokalyptiker ist, so wie 2012 - wenn die Katastrophe dann nicht eintrifft, erfinden ihre Nutznießer eine neue. Zum andern, weil man sich vor den meisten der angekündigten Katastrophen nirgendwohin retten kann, denn da werden dann alle im globalen Dorf erfasst.

Paradise now
Wenn das so ist, dann doch lieber: Paradise now! So hieß eine Produktion der anarchistischen Theatergruppe "The Living Theatre" von Julian Beck und Judith Malina, die 1970 in Berlin auftrat und lieber das Paradies jetzt haben wollte als die Apokalypse. Eigentlich eine gute Idee, auch wenn es nicht so leicht ist, sich all der religiösen Verschiebung ins Jenseits zu entledigen und den Himmel auf die Erde oder das Glück ins Hier-und-Jetzt zu verlegen, wie alle wissen, die das schon versucht haben. Denn es ändert sich zwar alles, aber manches nicht so schnell, wie wir uns das wünschen, und anderes schneller, als wir es uns wünschen. Als evolutionär entstandene, aufs Überleben unter Steinzeitbedingungen designte Wesen erschlafft das Glück, wenn glückliche Umstände bleiben, ebenso wie der Schmerz nachlässt, wenn man sich an schreckliche Umstände gewöhnt.

Der Zen-Geist des Anfängers
Offenbar braucht es eine spirituelle Praxis, um den Zen-Geist des Anfängers einzuüben und beizubehalten. Erst wenn wir diesen Spirit intus haben, können wir "heiter Raum um Raum durchschreiten" ohne dabei an einem wie an einer Heimat hängen zu bleiben, wie Hesse es in seinem Gedicht "Stufen" nannte. "Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise" wird lähmender Gewöhnung sich entraffen, schrieb er, sodass dann auch die Todesstunde uns noch neuen Räumen jung entgegen sendet.
Auch Hesse war einer von denen, die mitten im säkularen Europa einen Weg fanden, der Unbestechlichkeit des Gesetzes der ewigen Veränderung etwas Positives abzugewinnen. Müssen wir unter dem Wandel leiden? Nein, denn solange wir am Vergänglichen nicht haften, leiden wir nicht, sagt der Buddhismus. Nur wenn wir versuchen, das Erwünschte, Begehrte zu halten, leiden wir, ebenso wie wir am Weg-haben-wollen des Unerwünschten leiden.

Sprung ins Freie
Vor vielen Jahren habe ich einnmal eine fünftägige Selbsterfahrungsgruppe angeboten, die für den vierten Tag einen Sprung aus dem Flugzeug beinhaltete. Ein Sprung ins Ungewisse? Nicht wirklich, hatten wir doch für diesen Sprung Fallschirme vorgesehen, die uns auffangen würden. Trotzdem ist ein solcher "Sprung ins Freie" - so nannte ich die Gruppe - eine Herausforderung, denn der Sprung aus dem Flugzeug konfrontiert uns auf echtere, körperlich realere Weise mit der Angst vor der Haltlosigkeit. Für den bei einem solchen Sprung erfahrbaren freien Fall braucht es erstmal, in den Sekunden des Absprungs, mehr Mut als für eine unternehmerische Existenzgründung, eine Kündigung ohne neuen Job, oder eine Trennung vom Lebenspartner ohne neue Bindung in petto.

Das existenzielle Zittern
Heute versuche ich nicht mehr mich abenteuerlichen Situationen auszusetzen, die ich extra initiieren muss - das Leben selbst verschafft sie mir ohne mein Zutun. Ich versuche allerdings auch nicht, sie aufwändig zu vermeiden. Je besser ich mich selbst wahrnehme, meine Veränderungen und die in meiner Umgebung, je feiner ich dort der Nuancen gewahr werde, als umso spannender, aufregender, abenteuerlicher, ungewisser und unabsehbarer erscheint mir das Leben. Manchmal ängstigt mich das, weil ja wirklich kaum etwas vorhersagbar ist. Dann durchfährt mich ein existenzielles Zittern, was sich auch mal physisch äußert. Mein ganzer Leib zittert dann in einer Erregung, die nicht nur unangenehm ist.

Tanz der Gegensätze
Und auch wenn ich nicht körperlich zittere, fällt es mir meist nicht schwer, der Ungewissheit von fast allem viel Positives abzugewinnen. Langeweile habe ich zum letzten Mal im Alter von 17 Jahren erfahren. Unterhaltungsliteratur, Filme oder Romane brauche ich nicht. Das Vorüberziehen der einzelnen Stunden, Minuten, ja Sekunden wahrzunehmen, sei es das Fallen eines Blattes vom Baum oder das Fließen meines Atems, ist doch jedes Mal anders, neu und geschieht in unendlich verschiedenen Variationen. "Das Leben bleibt spannend", sage ich mir dann, obwohl ich auch die Entspannung liebe. Ja, es ist ein Tanz. So wie der von Shiva Nataraj, dem König der Tänzer und höchsten der Götter, der in der Mythologie Indiens den Tanz der Polaritäten symbolisiert.


Wolf Sugata Schneider Jg. 52 , Autor, Redakteur, Humorist. 1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection. Kontakt: schneider@connection.de Blog: www.connection.de , Seminare: www.bewusstseinserheiterung.info

Hinweis zum Artikelbild: © alphaspirit_AdobeStock



Häutungen – Sich von inneren Panzern befreien ... von Helga Reimund


Als ich an einem der wunderbar warmen Sommerabende vergangenes Jahr durch eine platanenbestandene Straße in Berlin ging, hörte ich immer wieder ein lautes Platschen. Große Rindenstücke, die von den Bäumen herabfielen, machten dieses Geräusch. Irgendwann verfehlte mich ein besonders großes Stück nur knapp. Ich bekam einen ordentlichen Schreck. Was passierte da? Es fiel mir sozusagen wie Schuppen nicht nur vor die Füße, sondern auch von den Augen: Die Platanen häuteten sich. Ihr altes Kleid war ihnen zu eng geworden. Und anders als uns Menschen schien es den Platanen ganz leicht zu fallen, dieses Korsett zu sprengen und einfach von sich zu werfen. Kurze Zeit später hörte ich im Radio die botanische Erklärung. Im vergangenen Frühjahr hatte es viel geregnet, kurz darauf wurde es sehr warm, für die Platanen beste Voraussetzungen für einen gewaltigen Wachstumsschub. Sie können gar nicht anders, als ihre alte Rinde abzuwerfen, um weiterzuwachsen.

Wie schön wäre es, wenn auch wir unsere zu klein gewordenen Panzer, also alte Verhaltensmuster, einschränkende Selbstwahrnehmungen oder falsche Glaubenssätze so einfach ablegen könnten. Stattdessen passiert es leider oft, dass wir neue Muster dazulernen und als weitere Panzer über die alten legen. Das macht das Leben nicht leichter!
"Wann immer Sie sich anstrengen, ist es eine Botschaft des Lebens, dass es anders leichter ginge." Kurt Tepperwein

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir bestimmte Verhaltensweisen und manchmal auch Symptome. Sei es aggressives Auftreten oder eine ganz besonders fürsorgliche Art, sei es ein Leben als Mauerblümchen oder als Klassenclown oder eine psychische Störungen wie Depressionen oder psychosomatische Krankheiten. Meistens sind es Strategien, die uns als Kinder nahegelegt oder von unseren Eltern vorgelebt wurden. Manchmal sind es Krankheiten oder Störungen, die unsere Seele wählt, um auf ihre Not aufmerksam zu machen.
Besonders nachteilig sind im späteren Leben solche, die wir aus Situationen in der Kindheit "mitgenommen" haben, in denen wir unsere Sicherheit bedroht fühlten. Das ist zum Beispiel schon der Fall, wenn ein Kind von seinen Eltern oder Geschwistern beschämt wird. Das Gefühl der Scham signalisiert dem Gehirn, dass wir Gefahr laufen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Für eine Gemeinschaft von Erwachsenen mag das ein passendes Regulativ sein. In der Kindererziehung ist es verheerend. Besonders dramatisch sind natürlich traumatische Erfahrungen wie Misshandlung oder Missbrauch. Ein Kind fühlt sich oft gezwungen, sich von den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu distanzieren. Das geht schon los, bevor es überhaupt in der Lage ist zu verstehen, was die Erwachsenen eigentlich von ihm wollen. Und immer dann entstehen neue Panzer, die uns einerseits schützen sollen, aber auch unsere Bewegungsfreiheit einschränken.
Man kann sich gut vorstellen, wie diese Panzer uns bei jeder Bewegung beeinträchtigen. Je mehr Panzer wir uns im Laufe unseres Lebens anlegen mussten, umso schwieriger wird es, uns überhaupt noch zu bewegen. Aber Leben ist Bewegung. Ohne Bewegung bleiben wir auf der Stelle, wir entwickeln uns nicht mehr, sondern verteidigen unseren Status Quo, nur um unseren Schmerz über ungelebtes Leben nicht spüren zu müssen.
Schon in frühester Kindheit fangen wir also an uns zu panzern. Wenn wir in die Welt kommen sind wir völlig hilflos und ohne unsere Eltern nicht lebensfähig. Zudem können wir noch kein Konzept haben, dass uns verstehen lässt, warum wir nicht immer das bekommen, was wir gerade am nötigsten brauchen.
Ob wir hungrig sind oder durstig, frieren oder Bauchschmerzen haben oder einfach Angst, weil niemand in der Nähe ist, wir haben nur ein Mittel uns mitzuteilen. Und das ist Schreien. Leider können auch die einfühlsamsten Väter und Mütter darauf nicht immer richtig eingehen, zum Teil mit verheerenden Folgen. Nur ein Baby, dessen Bedürfnisse in den ersten Monaten zuverlässig befriedigt werden, kann sein Beruhigungssystem ausbilden. Dabei wird ein Gen regelrecht angeschaltet. Und dieser Vorgang stellt schon ganz am Beginn eines jeden Menschenlebens wichtige Weichen. Klappt das nicht, bleibt das Kind lebenslang auf einem erhöhten Stressniveau und das Risiko für Angststörungen oder Depressionen im späteren Leben erhöht sich enorm. Depressionen wiederum erhöhen das Risiko an bestimmten Krebsarten zu erkranken. Weil wir uns als Babys nicht selbst helfen können, kommen wir Menschen mit einem voll funktionsfähigen Stress-System auf die Welt. Wir müssen Alarm schlagen können! Und wir müssen uns darauf verlassen können, dass sich unsere Eltern dann um uns kümmern. Nur so können wir lernen, uns später selbst zu beruhigen.
Stresstoleranz ist also keineswegs angeboren, sondern erworben. Das gilt übrigens für alle Säugetiere. Ausgiebig bemutterte Junge werden als erwachsene Tiere stressresistenter, haben eine höhere Frustrationstoleranz und sind lernfähiger, genau wie Menschenkinder. Wichtig ist für alle die Anwesenheit und Fürsorge einer konstanten, liebevollen Bezugsperson.

Panzerungen: Mir erscheint dieses Bild, das auch von der Bioenergetik benutzt wird, sehr passend, da unsere eingeübten Muster uns ja ursprünglich vor Gefahren schützen sollten. Und zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns ein Verhalten angewöhnen, tut es das im Allgemeinen auch.
Schwierig wird es, wenn die Panzer immer zahlreicher werden und aufgrund geänderter Lebensumstände nicht mehr passen. So kann beispielsweise eine Frau sehr in sich gekehrt und schüchtern sein, weil sie in der Kindheit dadurch den Attacken eines jähzornigen Vaters oder einer strafenden Mutter entgangen ist.
Jetzt ist sie erwachsen und kann sich dadurch vielleicht im Beruf nicht behaupten, wird immer übergangen und wünscht sich, daran etwas zu ändern. Statt ihren Panzer "Schüchternheit" abzulegen, bemüht sie sich, ein forscheres Auftreten an den Tag zu legen. Das ist zunächst vielleicht einfacher, packt aber letztlich nur einen weiteren Panzer auf die bestehenden. Mit der Zeit wird die Last so immer schwerer und die Panzer immer erdrückender. Es kann sogar sein, dass der gewünschte Erfolg im Beruf oder im Privatleben sich einstellt. Aber dieses Leben verzehrt immer mehr Energie. Es fehlen Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit und Freiheit.
Oder nehmen wir Sebastian. Er ist ein Mann, dem beruflicher Erfolg immer über alles ging. Mit Mitte vierzig muss er feststellen, dass seine 60-Stunden-Arbeitswoche seinem Herz zu schaffen macht. Seine Ärztin rät zu Entspannungstraining. Sebastian entscheidet sich für einen Yogakurs, um in Zukunft "etwas für sich zu tun". Den besucht er dann dreimal wöchentlich, gewöhnt sich auch eine regelmäßige Meditationspraxis an und wird tatsächlich etwas entspannter. Sogar seine Arbeitszeit konnte er auf ca. 50 Stunden pro Woche reduzieren, was ihm durch veränderte Organisation, Setzen von Prioritäten und mehr Delegieren gut gelingt. Ein Wochenendseminar hat geholfen, diese Schritte umzusetzen. Sein Chef lobt ihn, weil er noch bessere Ergebnisse für sein Unternehmen bringt, noch effizienter geworden ist.
Sebastian genießt die Anerkennung. Er kann sein Ego weiter mit genau dem füttern, was er seit seiner Kindheit als Nahrung für seine Seele kennengelernt hat.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Yoga und Meditation sind wertvoll. Und auch Sebastian profitiert davon. Bei ihm wird es trotzdem nur zu einem weiteren Panzer. Bald beginnt er, auch beim Yoga Erfolge einzufahren. Er weicht keinen Millimeter von seinem Jahrzehnte eingefahrenen Gleis ab. Doch dieser Weg ist kräftezehrend. Und macht er ihn wirklich glücklich?
Sein unstillbares Verlangen nach Erfolg hält er für einen produktiven "Hunger", ein Bild, das er von seinem ehemaligen Trainer übernommen hat. In seiner Jugend war Sebastian Leistungssportler. Sein Trainer sprach oft von diesem "Hunger" als dem wesentlichen Merkmal der "Sieger". Und diesen Hunger müsse man sich erhalten, um es zu etwas zu bringen. Seit damals hat Sebastian ein Wort für seine Art im Leben zu sein.
Hunger ist ein passendes Wort. Und Sebastians Hunger ist unstillbar. Er hätte die Trainerworte nicht gebraucht. Er wurde schon früh auf Erfolg getrimmt.
"Erfolg oder Misserfolg ist nicht wichtig, die Stimmigkeit ist wichtig." Alfried Längle
Seine Eltern konnten ihm das Gefühl, um seiner selbst willen geliebt zu werden, nicht geben. Sein Vater behandelte ihn nach der Devise "nicht geschimpft ist genug gelobt". Er hatte selten Zeit für seinen Sohn und wenn er sich mal mit ihm beschäftigte, erzählte er meistens von sich und seinen Leistungen. Seine Mutter kontrollierte immer seine Schulaufgaben und lobte ihn überschwänglich für gute Noten. Ansonsten gab es auch von ihr wenig Beachtung, von Zärtlichkeit oder Mitgefühl ganz zu schweigen. Hatte er sich mal die Knie aufgeschlagen, sagten beide nur: "Hättest halt besser aufpassen müssen."
Vor Verwandten und Bekannten erzählten beide Eltern aber immer viel von den Leistungen ihres Sohnes. Er hatte schon im ersten Schuljahr das beste Zeugnis der Klasse, er war schon mit 14 Monaten "trocken", er hatte schon mit 10 Monaten angefangen zu laufen. Sebastian stand daneben, fühlte sich bewertet, aber immerhin geschätzt. Bewertung wurde für ihn wie die Luft zum Atmen. Und je älter er wurde, umso mehr jagte er dem Gefühl, geschätzt und anerkannt zu werden, hinterher.
Leider füllt Anerkennung den Ort in unserem Innern an dem Liebe gebraucht wird nie.
So kam es dazu, dass Sebastian die Hilferufe seines Herzens als Aufforderung zu einem Mehr an Leistung missverstanden hat.
Seine Yoga- und Meditationspraxis ist so leider nur ein weiterer Panzer, den er sich anlegt, um sich selbst, seinen wahren Kern, und die Bedürftigkeit seines inneren Kindes nicht zu spüren. Man will ihn wachrütteln: "Schau hin, entdecke deine Liebe und dein Mitgefühl für diesen bedürftigen kleinen Jungen, den du schon so lange überforderst!" Würde er es verstehen?
Auch wenn es anfangs schwer scheint, jeder kann lernen, dieses verletzte und einsame innere Kind zu spüren und sich ihm liebevoll zuzuwenden.
Schon wenige Schritte auf diesem neuen Weg helfen, allmählich die schweren und lange schon zu engen Panzer einen nach dem anderen abzulegen. Dann wird endlich die ganze eingefrorene Lebendigkeit befreit, kann die in uns steckende Kreativität sich ausdrücken. Und mit Erstaunen stellen wir fest, dass dieser Kern, den wir für beschädigt gehalten hatten, immer heil geblieben ist. Dass er nur einsam und traurig war und eingeschnürt in viele Panzer, die wir sprengen, wenn wir beginnen, uns selber das zu geben, was uns als Kind gefehlt hat.
Als kleine Kinder sind wir schwach und schutzlos. Von der Unterstützung durch unsere Eltern hing tatsächlich unser Leben ab. Und alle Menschen sind von Anfang an auf Bindung programmiert. Können Eltern diese Bindung nicht geben, vielleicht weil sie keine Zeit haben, depressiv sind oder selber nie genug davon bekommen haben, leiden Kinder sehr. Sie hängen trotzdem an ihren Eltern und lieben sie. Sie nehmen das, was sie bekommen, und halten es für das Wertvollste im Leben. So wie Sebastian, der immer noch glaubt, sein Wert hinge von seiner Leistung ab und nur durch Leistung könne er sich Anerkennung als Ersatz für Liebe sichern. Mit dieser Anerkennung wird er möglicherweise sein Leben lang versuchen, seinen Hunger nach Liebe zu stillen. Es wird vergeblich sein, der Platz für Liebe bleibt leer und der Platz für Anerkennung bleibt ein Fass ohne Boden. Nie genug, weil es nie das Richtige ist.
Der Volksmund sagt "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr". Doch das stimmt nicht. Neurobiologie und Hirnforschung haben zweifelsfrei bewiesen, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter plastisch bleibt; also immer wieder Neues lernen kann.
Immer, wenn ich heute durch die Straßen gehe, fällt mir auf, wie schön die Platanen in ihren hellen, frischen Gewändern aussehen. Bereit, neue Wachstumsschritte zu vollziehen, da die neuen Kleider noch flexibel sind und jede Bewegung leicht und bereitwillig mitmachen. Wir können von ihnen lernen.


Helga Reimund ist Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet mit Integrativer Psychotherapie, Hypnose und EMDR. Jeder Mensch ist einzigartig und hat ein Recht auf seinen ganz eigenen Weg zu wahrem Lebensglück. Diesen manchmal überwucherten Weg zu einem glücklichen Leben zu ebnen, ist ihr Hauptanliegen. Besondere Aufmerksamkeit schenkt sie der Verbindung mit dem inneren Kind. Mehr auf www.psychotherapie-und-coaching-berlin.de

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Selbstentdeckung durch Perspektivwechsel. Den eigenen "Roten Faden" finden ... von Hermann Häfele


Wir könnten zunächst fragen, was wir von der Selbstentdeckung haben. Uns selbst zu ent-decken. Oder auch, was wir davon haben, eben das nicht zu tun. Es ist nämlich in aller Regel nicht im Interesse unserer inneren Muster und antrainierten Programme, dass wir uns überhaupt damit beschäftigen. Und, ja, es gibt zahlreiche Kräfte und Einflüsse im Außen, die das ebenfalls nicht so toll finden, denn wir sollen ja lieber "funktionieren" und ganz "der oder die Alte" bleiben. Warum? Die inneren und die äußeren Kräfte wollen, dass wir uns ablenken lassen, beide wollen unsere Aufmerksamkeit und, dass wir ihnen glauben, was sie uns in Form von Gedanken und Glaubenssätzen vorgaukeln. Die beiden Haupttreiber - es sind gewiss nicht die einzigen, die uns oft in unseren inneren Zwängen und Schleifen verweilen lassen, sind zwei mächtige Faktoren: Miniglücksgefühle und Sicherheit.

Zunächst ins Außen:
Der neurowissenschaftliche Hintergrund dazu ist gut erforscht: Es ist das Hormon Dopamin, das da am Werke ist. Es verschafft uns immer wieder winzig kleine Glücksgefühle. Die uns umgebende Welt ist heute stark darauf ausgerichtet, mit allen Finessen und Tricks unsere Aufmerksamkeit zu erlangen und das Belohnungszentrum in unserem Hirn anzusprechen. Bei Medien wie z. B. Facebook, WhatsApp, YouTube, Online-Spiele, das Smartphone insgesamt oder bei anderen Quellen sind die Ablenkungen meist so gestaltet, dass ein Teil unseres Hirns stets nach immer mehr verlangt. Es entsteht eine echte Sucht danach, denn das Dopamin wirkt direkt auf eben dieses Belohnungszentrum. Auf einem völlig anderen Blatt steht, dass in den allermeisten Fällen viele Daten über uns gesammelt und damit enorm viel Geld verdient wird.

Und wie sieht's innen aus?
Wir funktionieren. Die eine oder der andere besser oder schlechter. Aber die Dinge laufen so vor sich hin - und letztlich entspricht es oft nicht uns, was wir tun, sondern wir folgen nur Mustern, die wir einmal vor langer Zeit gelernt haben. Hier und da halten wir es einfach nicht mehr aus - sind erschöpft und kommen gar nicht mehr in unsere Kraft. Doch dann holen wir uns auf unseren bevorzugten Wegen die kleine oder auch mal größere Belohnungs-/Dopamin-Einheit und schon geht es wieder - irgendwie. "Muss ja" oder "So bin ich halt", sind die Ausreden vor uns selbst.
Und ohne jede Warnung fängt ein neuer Tag an. Bei manchen allerdings geht es so Stück für Stück in Richtung Depression, ausgebrannt sein und/oder in andere destruktive Süchte. Wir wollen einfach weg - von uns selbst.

Was passiert da? Unterschwellig - und manchmal spüren wir das - ist da eine fehler-suchende Instanz, die unser Tun, unser Verhalten, unser Handeln - letztlich also uns selbst - ständig beurteilt. Wir sind zu dünn, zu dick, zu wenig fit, zu schüchtern, zu wenig erfolgreich (nach welcher Definition auch immer), wir sind minderwertig, zu wenig oder zu viel dies oder das. Irgendwo ist immer ein Fehler und in gewisser Weise - so sagen wir uns auf dieser Ebene - muss es ja doch so sein, dass wir selbst ein Fehler sind. Es gilt also, daran herumzuwerkeln und herumzukritisieren, und vielleicht werden wir dann irgendwann endlich so, wie wir sein sollen. Nur, wie sollen oder wollen wir denn genau sein? Seltsamerweise gibt die Fehlersuch-Instanz nie Ruhe, für sie ist es ohnehin nie genug und wir weichen dieser Frage auch meistens aus. Doch wieso machen wir trotzdem immer weiter - und halten diesen inneren Zustand aus? Bis beispielsweise die Depression ausbricht? Das ist der zweite große Faktor: Es ist etwas makaber, aber dieser Zustand gibt uns Sicherheit.

Es gibt einen Spruch: "Am Ende der Nerven ist oft noch zu viel Kind übrig" - Ich meine, so ist es tatsächlich. Da unser Hirn Veränderungen gar nicht mag und unsere Muster immer um ihr Fortbestehen kämpfen, kann es also durchaus sein, dass es schwierig ist, da rauszukommen. Es geht uns womöglich nicht besonders gut, doch obwohl diese "Komfortzone" oft wenig mit Komfortgefühl zu tun hat, fühlt sich das für bestimmte Anteile in uns doch wenigstens "sicher" und bekannt an. Da wir aber trotzdem im Leiden sind, landen wir in der nächsten "Falle": Wir gehen in den Widerstand, gegen unsere Gefühle, gegen die Welt, gegen uns selbst. Dieser Teufelskreis führt dann manchmal bis zum Burnout/Depression, Süchten oder auch zu abnormen körperlichen Phänomenen.

Natürlich gibt es auch noch weitere Dinge, die unser Leben beeinflussen. Doch die ununterbrochene "Verführung" zu kleinen Glücksgefühlen sowie unser Sicherheitsbedürfnis sind zwei sehr starke Faktoren.

Was können wir tun, wenn wir merken, wir "funktionieren" mehr als dass wir "leben"? Wie finden wir wieder zu uns selbst?

Hier die gute Nachricht:
Der erste Schritt ist bereits getan, wenn wir uns eben diese Zwickmühle bewusst machen. Selbstbewusstheit ist dabei nicht etwas, was wir an- oder ausknipsen. Es ist tatsächlich ein Stück vergleichbar mit einer Situation, in der wir einen kaum benutzten Muskel erstmal trainieren müssen, bis wir ihn (wieder) gut nutzen können. Darüber gelingt uns dann oft der zweite Schritt: Es gilt, sowohl den zahlreichen Einflüssen im Außen als auch den inneren, immer wieder ablaufenden alten "Schallplatten" nicht länger zu glauben.
Es geht also darum, nicht länger an sich selbst zu zweifeln, sondern an den Konzepten, die sich zwischen uns und unser Leben stellen. "Glaube nicht alles, was du denkst" ist ein sehr heilsames Motto. Was ist es, was unseren inneren Raum besetzt hält? Und wie gelingt es uns, Platz zu schaffen für neue Perspektiven und für die echte Entfaltung unseres Lebens?
Genau das will unser Leben, dass wir uns selbst annehmen und entwickeln. Es findet seinen eigenen "Roten Faden", wenn wir es lassen und wirklich erwachsen werden wollen - auch wenn dieser "Rote Faden" manchmal anders verläuft, als wir denken. Das können wir tun: in uns hineinhorchen und möglichst bewusst wahrnehmen, was wir uns (immer noch) für Hindernisse in den Weg legen oder legen lassen, sei es durch äußere oder durch innere Einflüsse - und darüber hinaus wahrnehmen, in welche Richtung es uns zieht und unserem Herzen folgen. Wir sind die Erfüllung der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Braucht eine solche Selbstentwicklung Mut?
Ja, natürlich. Und das Synonym für Mut ist Courage: Das kommt aus dem Französischen und beinhaltet das Wort coeur, also Herz(!): So schließt sich der Kreis!

Auf diese Weise wird "Selbst-Ent-Deckung" möglich und das eigene Leben zu einem großen, wunderbaren Abenteuer.
Seneca, der römische Philosoph, brachte es vor etwa 2000 Jahren bereits ziemlich auf den Punkt:

"Nicht weil es schwer ist, wagen wir's nicht - sondern weil wir's nicht wagen ist es schwer!"

Hermann Häfele unterstützt und begleitet Menschen, ihren eigenen „Roten Faden“ (wieder)zu finden – für die eigene Positionierung, bei Krisenüberwindung und/oder bei persönlicher Weiterentwicklung in allen Lebensfeldern. Mehr Infos auf www.roter-faden-coaching.de

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Hochsensibilität als Superkraft. Mache deine Schwäche zu deiner Stärke ... von Lore Sülwald


Im Jahr 2006, ich arbeitete zu dieser Zeit im Buchhandel, bestellte ein sympathischer älterer Herr ein Buch bei mir mit folgenden Worten: "Das müssen Sie unbedingt lesen! Das hat mir ein Trainer empfohlen, da werden Sie sich ganz neu verstehen." Es war ein Buch von Georg Parlow über Hochsensibilität. Meine Reaktion war damals: Hochsensibilität? Von diesem Wort fühlte ich mich regelrecht abgestoßen. Was sollte das sein? Und was für ein merkwürdiger Trainer empfiehlt so ein Buch?

Ich wollte um jeden Preis weniger sensibel sein und war unter Hochdruck auf der Suche nach Strategien, unempfindlicher zu werden. Seit meiner Kindheit wurde mir erzählt, dass ich alles zu ernst nahm. Dass ich mir ein ‚dickeres Fell' zulegen müsse, wenn ich erfolgreich sein wolle. Ich wollte die Welt so sehen, fühlen und erleben können wie alle anderen. Ein dickes Fell, so glaubte ich, würde jedes meiner Probleme lösen. Darüber brauchte ich ein Buch, nicht über Hokuspokus-Hochsensibilität!
Sensibilität (lat. sensibilitas) hat laut Brockhaus eine physiologische und eine psychologische Bedeutung. So bezeichnet der Begriff zum einen die Fähigkeit, Sinnesreize zu empfangen und zu verarbeiten, zum anderen meint er die Fähigkeit, auf Reize mit seelischen Vorgängen zu reagieren. Sensibilität ist eine menschliche Eigenschaft, über die im Grunde jeder Mensch verfügt und die uns überlebensfähig macht.
Nun sind unsere Fähigkeiten aber stets verschieden stark ausgeprägt. Deswegen halten wir einige Menschen in bestimmten Bereichen für begabter als andere. Neueste Forschungen* haben ergeben, dass auch die Intensität der Sensibilität von Menschen variiert und sich auf einer Skala von niedrig über mittel bis hoch bewegt. Die Verteilung liegt dabei bei etwa 30 % (niedrig), 40 % (mittel) und 30 % (hoch). *(Pluess, M. [2015]: Individual Differences in Environmental Sensitivity. Child Development Perspectives, 9[3], 138-143). 30 % der Menschen bewegen sich also innerhalb des Skalenbereichs einer hohen Sensibilität - sie gelten als hochsensibel.
Hochsensible Menschen verfügen über die Fähigkeit, sehr viele Sinnesreize empfangen und verarbeiten zu können. Manche nennen dies auch "Wahrnehmungsbegabung"; ein schöner Begriff, wie ich finde. Dabei kann es sich um gleichzeitig auftretende Reize handeln oder auch um eine intensivere Wahrnehmung einiger Reize. Auch die Verarbeitung dieser Reize im inneren, seelischen Kontext ist sehr viel intensiver und nachhaltiger.
Damals in der Buchhandlung hatte ich davon noch keine Ahnung. Und natürlich habe ich das empfohlene Buch nicht gelesen. Da Lektüre zu diesem Thema 2006 noch rar war, wurde der ‚Geheimtipp' jedoch immer wieder bei mir bestellt. Schließlich lieh ich mir das Buch in der Universitätsbibliothek aus. Als ich zu lesen anfing, war das ein unglaubliches Aha-Erlebnis. Da schrieb jemand über mich, über mein Leben, meine Empfindungen, meine Wahrnehmungen! Alles schien sich plötzlich an seinen Platz zu schieben.

Meine drei größten Erkenntnisse waren:

1. Hochsensibilität ist eine körperliche Konstitution, ich kann mir gar kein dickeres Fell wachsen lassen.
2. Ich bin nicht allein, es gibt noch viel mehr Menschen, die sind wie ich.
3. Die anderen tun nicht immer so, als ob sie mich nicht verstehen wollen - sie empfinden einfach vollkommen anders als ich.

Dieser Moment war lebensverändernd für mich, und genau dies höre ich auch immer wieder von anderen hochsensiblen Menschen. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich meine Energie dafür nutzen, meine eigene, persönliche und individuelle Hochsensibilität zu erkunden und zu verstehen. Allmählich hörte ich auf, mich mit Menschen zu vergleichen, die mittel oder sogar niedrig sensibel sind. Ich konnte viele Ereignisse in meinem Leben neu betrachten und auch neu bewerten.

Mit dem Wissen um die eigene Hochsensibilität können wir uns erlauben, für uns selbst zu sorgen und zu handeln, sodass wir Energie und Kraft gewinnen. Statt auf laute Jahrmärkte zu gehen, weil wir denken: "Das machen doch alle, das müsste mir doch auch Spaß machen" oder "Ich will kein Spielverderber sein", können wir ganz gelassen sagen: "Das ist nichts für mich. Geh lieber mit einer anderen Person, genießt dort eure gemeinsame Zeit."
Wir brauchen nicht mehr von anderen Menschen zu erwarten, dass sie uns verstehen. Wir können uns Gleichgesinnte suchen, mit denen wir uns austauschen. Wir können sowohl uns selbst wie auch die anderen annehmen.
Wenn wir etwas als Schwäche empfinden, geht es ganz besonders darum, den eigenen Fokus zu verändern. Alles hat mehrere Seiten und ist aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Jede Schwäche hat Stärken und jede Stärke hat Schwächen.
Mittlerweile versuchen viele Menschen, durch Achtsamkeitskurse und Meditationen empathischer zu werden. Uns hochsensiblen Menschen wurde Empathiefähigkeit mit unserer Geburt in die Wiege gelegt. Ein großes Einfühlungsvermögen birgt die Gefahr, sich in anderen Menschen zu verlieren oder bis zur Kraftlosigkeit mitzuleiden. Es kann für uns aber auch eine regelrechte Superkraft sein, denn es befähigt uns zu einer sehr guten Intuition und dem Vermögen, Lüge und Wahrheit schnell voneinander zu unterscheiden. Menschen, deren Körpersprache nicht mit ihren Worten einhergeht, entlarven hochsensible Menschen schnell. Auch die Fähigkeit, Stimmungen in Gruppen wahrzunehmen und Trends in der Gesellschaft zu erkennen, fällt uns auf ganz natürliche Weise leicht.
Je länger ich mich mit Hochsensibilität beschäftige, desto bunter und beeindruckender wird mein Bild von dieser Begabung. Die Schwäche liegt nicht bei hochsensiblen Menschen, sie liegt in der Haltung unserer Gesellschaft, in der Definition von Stärke und dem Unwillen, Diversität anzuerkennen. Jede hochsensible Person, die sich mit ihrer Hochsensibilität auseinandersetzt und sie als Stärke annimmt, befreit nicht nur sich selbst, sondern gestaltet damit eine offenere, gesündere und vielfältigere Gesellschaft.

Ich wünsche allen hochsensiblen Menschen viel Freude, Kraft und Zuversicht auf diesem Weg!

Lore Sülwald ist systemischer Coach, Kulturwissenschaftlerin B.A. und Industriekauffrau IHK. Als Expertin fur Hochsensibilitat ist es ihr personliches Anliegen, Menschen mit ihrer Einzigartigkeit und Fulle miteinander in Kontakt zu bringen. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Rahnefeld bietet sie Info- und Themenabende und spezielle Workshops für hochsensible Menschen an, die ihre Hochsensibilität als Kraft leben wollen. Weitere Infos unter: www.coachingbaum.de oder www.katrin-rahnefeld.de

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Auch Du hast ein Handicap! Mach was draus! Wie wir Schwächen in Stärken verwandeln ... von Christian Salvesen


Ich stehe da in meiner ausgeleierten Unterhose und merke, wie mir heiß wird. Horst ist einen Kopf größer als ich und schaut jetzt provozierend langsam an mir herunter. Sein Blick bleibt an meinem Bein hängen. Er grinst, als würde er sich freuen, den wundesten Punkt seines Gegners gefunden zu haben. Dann sagt er laut und verächtlich: "Du mit deinem Elefantenfuß hast hier überhaupt nichts zu melden."
Seine Worte treffen mich wie die Kugeln einer Hinrichtung. Ich krümme mich, meine Hand sucht Halt an dem Metallgestell. Er hat ausgesprochen, was ich schon lange ahne: "Du mit deinem Bein bist anders, du bist nicht normal und du gehörst nicht dazu."
So beschreibt Stefan Rascher in seinem Buch "Du bist eine Naturgewalt. Wie ich erkannte, was ich besser kann als alle", wie er als Junge wegen seiner Behinderung, medizinischer Fachausdruck ist das Klippel-Trénaunay-Syndrom (KTS) in der Schule aufgezogen wird. Die angeborene Venenerkrankung ist sein Handicap. Er ist deutlich langsamer als seine Mitschüler, muss einen Stützstumpf tragen, wird ärztlich betreut und von der Mutter überbehütet. Wie geht man/frau mit einer solchen "Schwäche" um? Bleibe ich zeitlebens ein Opfer, bemitleidenswert, schutzbedürftig? Oder kann ich daraus eine Stärke machen? Und wie soll das gehen?
Wir kennen alle Geschichten von Menschen, die trotz - oder sogar wegen - einer Behinderung Herausragendes geleistet haben. Ein Held muss eine schwierige Situation meistern, das macht eine gute Story aus. Der junge David ist dem erfahrenen Kämpfer Goliath körperlich und waffentechnisch hoffnungslos unterlegen. Doch er besiegt den übermächtigen Gegner mit seiner simplen Steinschleuder, die er mit Mut und Geschick einzusetzen weiß.
Wie Menschen trotz einer lebensverändernden Krankheit erfüllt und selbstbestimmt ihren Alltag gestalten können, ist stets berührend und inspirierend. Prominentes Beispiel: Im Alter von 21 Jahren wird bei dem später weltbekannten Physiker Stephen Hawking Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert - eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems - welche ihn zunehmend lähmt. Er konzentriert seine geistigen Kräfte ganz auf die Forschung und wird zum bedeutendsten Astrophysiker unserer Zeit. Die Ärzte gaben ihm nach der verheerenden Diagnose nur noch wenige Jahre zu leben. Er verstarb am 14. März 2018 im Alter von 76 Jahren.

Was lerne ich aus so einer Geschichte?
Eine solche Geschichte kann durchaus dazu inspirieren, in einer schwierigen Ausgangslage nicht den Kopf hängen zu lassen. Dies gilt ebenso für die Geschichte von Stefan Rascher, der sein Handicap als Herausforderung nahm, etliche Marathonläufe absolvierte und zum erfolgreichen Unternehmer und Trainer geworden ist.
Stefan litt unter einer Krankheit, die zwar nicht geheilt wurde, mit der er aber zu leben gelernt hat. Laut der Deutschen Stiftung für chronisch Kranke ist mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung chronisch krank (www.dsck.de). Jeder achte Mensch hat hierzulande laut Statistischem Bundesamt eine Behinderung. Für sehr viele könnte also die Frage dringlich sein: Wie mache ich das Beste aus dieser Situation?
Doch auch ohne eine Krankheit - sei sie angeboren oder erst kürzlich aufgetreten - ist es sehr wahrscheinlich, dass Ihnen bereits eine Eigenschaft an sich aufgefallen ist, die Sie empfindlich stört. Reagieren Sie besonders verletzt auf Kritik? Brausen Sie leicht auf und bereuen Ihr Verhalten schon bald wieder? Wollen Sie alles derart kontrollieren und perfekt machen, dass Sie im Dauerstress sind? Empfinden Sie sich in zu vielen Situationen nicht kompetent genug? Sind Sie unzufrieden mit Ihrem Aussehen, Körpergewicht, Alter? Wünschen Sie sich mehr Lebensfreude und Tatendrang?
Das alles sind Beispiele für mögliche Schwächen, die in eine Stärke verwandelt werden könnten. Vor allem im Zusammenhang mit dem Beruf, der Jobsuche und einer Bewerbung werden in diesem Bereich viele praktische Tipps gegeben.
Die Diplom-Psychologin und Unternehmensberaterin Ute Zander empfiehlt, Eigenschaften wie nicht Nein sagen können, Perfektionismus oder Bescheidenheit so einzusetzen, dass sie sich positiv am Arbeitsplatz auswirken: "Wer die eigene Bescheidenheit als Stärke einsetzt, lässt anderen zwar den Vortritt, rückt anschließend aber nach." (Ute Zander: Das David-Geheimnis. Schwierige Situationen meistern, Orell Füssli Verlag)
Bewerbungshelfer Gerhard Winkler weiß, worauf es bei der Frage nach der Selbsteinschätzung in einem Fragebogen oder Gespräch ankommt. Weder übertrieben positiv und einschmeichelnd noch zu selbstkritisch sollte die Auskunft sein. Ein oder zwei Eigenschaften dürfen wie ein Manko erscheinen, das sich aber bei näherer Betrachtung als Impuls für Lernbereitschaft oder noch nicht voll ausgeschöpfte Kompetenz erweist. "Sie sollten zu beidem in der Lage sein: eigene Schwächen im Bewerbungsgespräch operational einzusetzen und an ihnen zu arbeiten." (Gerhard Winkler, www.jova-nova.com/bewerbung/interview-test/machen-sie-ihre-schwaechen-zu-staerken/)

Gesundheit, Partnerschaft und Meditation
Das Thema Schwächen und Stärken ist schier unerschöpflich. Je nach Lebensbereich ergeben sich unterschiedliche Aspekte.
Im weiten Feld von Krankheit-Gesundheit ist darauf zu achten, dass jeder Mensch einzigartig ist - was in der üblichen medizinischen Behandlung selten berücksichtigt wird. Eine Therapie, die bei dem einen gut anschlägt, mag bei einem anderen kaum wirken oder unangenehme Nebenwirkungen haben. Die innere Stärke liegt hier in meinem ganz eigenen Gespür für meinen Körper. Was tut mir wirklich gut und was nicht? Hätte Stefan Rascher stets den Rat seiner Ärzte befolgt hätte er nie die außergewöhnlichen, sportlichen Höchstleistungen vollbracht, die seinem kranken Bein letztlich sogar - zur Überraschung der Ärzte - geholfen haben.
In einer Partnerschaft ist Stärke nicht unbedingt die Trumpfkarte, vor allem dann nicht, wenn darunter Recht haben und sich durchsetzen verstanden wird. "I'd rather be happy than right", singt Songwriter Michael Franks. "Lieber glücklich sein als Recht haben" ist seine Devise für eine gelungene Partnerschaft. Was im Beruf von Vorteil ist, kann in einer Paarbeziehung genau das Falsche sein. Auch in diesem Punkt gibt Stefan Rascher Einblicke in seine Erfahrungen. Wer zu sehr auf Erfolg und Höchstleistung im Beruf und im Sport fixiert ist, vernachlässigt womöglich die eigene Familie. Hier - im Privaten - kann Schwäche zeigen eine Tugend sein. Im Beruf gilt es eher als Manko.
(((Und schließlich: Wie steht es mit dem Verhältnis von Stärken und Schwächen im religiösen, ethischen, spirituellen Bereich? Der Gott der Christen opfert seinen einzigen Sohn, der sich ans Kreuz schlagen lässt, um die Menschen zu erlösen. In der äußersten Demütigung und Erniedrigung erscheint Jesus als Triumphator. Dem schwachen Menschen gilt seine Nächstenliebe ganz besonders. Die christliche Ethik unterscheidet sich grundsätzlich von dem Prinzip, nach dem der Stärkste gewinnt. Dieses scheint in der Natur und in der Machtpolitik zu gelten. Und eben auch in der kapitalistischen Wirtschaft. Doch je mehr ich mich nach innen wende und in die Stille gehe, desto mehr scheinen sich die Vorzeichen zu verkehren. Das kommt auch in der taoistischen Weisheit zum Ausdruck, dass Wasser stärker ist als Fels. Stille hat eine enorme Kraft. Sie wird nur meist weniger beachtet als große Worte.)))

Wie gehe ich konkret vor?
Die eigenen Stärken entdecken ist ein Entwicklungsprozess, bei dem ganz verschiedene Umstände - für jeden individuell - eine Rolle spielen. Stefan Rascher setzt auf der Grundlage seiner Erfahrung auf etwas, das er "das Raue" nennt. Das kann eine riskante, herausfordernde Situation sein, in der ich schnell, "aus dem Bauch heraus" handeln oder irgendwie anders als gewohnt, reagieren muss. Dabei kommen die wahren Stärken zum Vorschein. Stefan ging einige Tage ohne Gepäck in die Wildnis, schlug sich nachts bei Regen und mit knurrendem Magen durch und machte schließlich eine höchst überraschende Erkenntnis. Welche, das sollten Sie selber in seinem Buch lesen oder in seinem Online-Seminar erfahren.
Doch was würde Ihnen als geeignet erscheinen, um unbekannte Seiten an sich selbst zu entdecken? Eine mehrtägige Kanutour? Einmal an der Straße stehen und trampen? Eine Tanzstunde mit dem Partner buchen? Einen Tag still sein? Oder fasten? Machen Sie eine Liste mit Eigenschaften, von denen Sie glauben: Das stimmt für mich, das könnte eine Stärke sein. Und dann skizzieren Sie ein bis drei Situationen, in denen Sie testen können, ob und wie sich diese oder auch ganz unerwartete Eigenschaften zeigen und zum Einsatz kommen.
Vermeiden Sie, sich selbst dauernd mit anderen zu vergleichen. So finden Sie nicht Ihre wahren Stärken und Qualitäten, weil Sie von Äußerem und von allen möglichen Gedanken und Emotionen abgelenkt sind. Ziehen Sie sich für eine gewisse Zeit zurück, sitzen einfach still und aufrecht, achten auf den Atem. Meditation verbindet Sie mit einer Kraft, die überpersönlich ist.
So wie diese Kraft gibt es Qualitäten, die niemandem gehören und die jeder anzapfen kann. Geduld zum Beispiel ist eine allgemeine Tugend, die nötig sein kann, um Ihre ganz eigene Stärke zu finden. Und eine zuversichtliche Einstellung hilft, die guten Qualitäten an sich selbst wahrzunehmen und anzuerkennen. Das wiederum stärkt das Selbstwertgefühl. Eine positive Schleife ist in Gang gesetzt, die sich nachweislich auch im Gehirn über bestimmte neuronale Schaltkreise etabliert. Indem wir unsere Denkmuster beobachten und lernen, unser Gehirn mit neuen Mustern zu programmieren, können wir die Zyklen durchbrechen, die uns gefangen hielten, und uns für neue Wachstumsmöglichkeiten, Glück und emotionale Zufriedenheit öffnen. (Quelle: Dr. Joseph Dispenza: Schöpfer der Wirklichkeit - Der Mensch und sein Gehirn - Wunderwerk der Evolution. Koha)

Innere Stärke und Verletzlichkeit
Die Schwächen in Stärken verwandeln und dadurch erfolgreich im Beruf sein, das ist sicher ein wichtiger Aspekt. Doch das Leben ist sehr viel umfassender. Stefan Rascher gewann auf seiner Heldenreise mit ihrem bewegenden Auf und Ab immer wieder neue Einsichten. Ein starkes Selbstvertrauen hilft in allen Lebensbereichen. Und es ist letztlich nicht von der Meinung und Anerkennung von anderen abhängig. Ja, nicht einmal von der eigenen.

Christian Salvesen, (1951) Magister der Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften, arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Ghostwriter. Er ist Autor etlicher Bücher und Rundfunksendungen, ist Künstler und Komponist. Homepage: www.Christian-Salvesen.de

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Erkenne, wie wundervoll du bist. Das große Dilemma ... aus dem Buch von Bahar Yilmaz


Im Hier und Jetzt sein und sich gleichzeitig für eine größere Vision öffnen
Die meisten Menschen haben weder Gegenwart noch Zukunft. Sie leben eine Kopie ihrer Vergangenheit.


Die Abgeschiedenheit des Klosters auf einem Hügel bewirkte, dass ich mich zumindest oberflächlich gut fühlte. Es lag weit weg von dem Ort, an dem mein Leben zusammengebrochen war, weit weg von allen Menschen, die mich kannten. Mit jeder Woche, die verging, wurde ich mehr und mehr ein Teil der Rituale der Gemeinschaft und des Lebensstils der Mönche. Ich musste mich nicht mit meiner Vergangenheit beschäftigen und auch nicht mit meiner Zukunft. Ich war hier in einer geschützten Blase und meditierte jeden Tag für mehr als acht Stunden.

Immer wieder brachte ich meine Gedanken zurück zu meinem Atem, zurück ins Hier und Jetzt. Alle Gedanken und Gefühle, die aufkamen, deponierte ich für die Zeit im Kloster in einer Ecke meines Bewusstseins. Ich wollte so, wie es mir von einem der Mönche geraten wurde, vollkommen gegenwärtig sein. Meine Gedanken loslassen, in den gedankenstillen Raum eintauchen und einfach nur sein. An manchen Tagen ging das besser als an anderen. Aber ich fühlte mich gut, ich hätte mich an dieses Leben gewöhnen können.

Dann kam der Tag der Rückreise. Am Flughafen war ich innerlich noch immer sehr ruhig, auch wenn die Menschen und der Lärm ein kleiner Schock nach dieser ruhigen Zeit waren. Der Flug verlief wunderbar. Ich machte meine Meditationsübungen. Der Flieger landete. Ich stieg aus. Meine Eltern empfingen mich am Gate. Als ich im Auto saß auf dem Weg nach Ingolstadt wieder zurück ins Elternhaus und mein Vater mich fragte, wie es jetzt mit mir weitergehen würde, brach ich innerlich komplett zusammen. Eine Welle an unterdrückten Emotionen, Gedanken und Sorgen überkam mich dermaßen heftig, dass ich einen Heulkrampf bekam. So etwas hatte ich noch nie gehabt. Ich konnte gar nicht aufhören, zu schluchzen. Alles, was ich in dieser abgelegenen Ecke meines Bewusstseins deponiert hatte, wurde nun wieder freigesetzt und flutete unkontrolliert mein ganzes System. Es überrollte mich wie ein Tsunami aus vielen verschiedenen Emotionen wie Wut, Angst, Unsicherheit und Zweifel. Gleichzeitig verurteilte ich mich selbst dafür, in den Wochen im Kloster kein Stück weitergekommen zu sein, denn sonst hätte mich doch all das nicht so stark mitnehmen können. Ich sah damals noch nicht, dass ich in dieser Klosterzeit eines am intensivsten betrieben hatte: Unterdrückung.

Es vergingen mehr als drei Monate, die die dunkelste Zeit in meinem Leben waren. Ich blieb den ganzen Tag im Bett, aß tagelang nichts und dann wieder alles, was ich finden konnte. Ich wollte niemanden sehen, und ich verletzte Menschen, die ich über alles liebte. Es war eine ganz schlimme Zeit für meine Familie, aber vor allem für meine Schwester. Wir haben eine intensive Verbindung, aber nicht mal sie ließ ich an mich heran. Ich hatte so oft den Gedanken, sterben zu wollen, mich aufzulösen, ich empfand mich als Wesen und Mensch einfach nicht lebenswert.
Vielleicht hast auch du schon einmal so eine Phase in deinem Leben durchlebt. Mittendrin kann es fast unmöglich erscheinen, dort jemals wieder herauszukommen. So war es für mich auch. Ich dachte, dass ich all meine Freude und mein Leuchten verloren hatte. Das war aber nicht so. Ich erholte mich einfach nur von all der Unterdrückung meiner Gefühle, die ich nicht nur während der Wochen im Kloster, sondern über viele Jahre lang betrieben hatte. Meine Emotionen eroberten mich wieder zurück, und das war heftig. Ich fühlte auf einmal all den Schmerz, den ich jahrelang in einer unglücklichen Beziehung und Lebenssituation unterdrückt hatte. Der Schmerz wollte gesehen und erlebt werden. Und er hat mich geformt, reifen lassen, und ich kann heute Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, Hoffnung schenken. Die Hoffnung, dass sich die Dinge verändern werden und dass wir alle einen inneren Reflex zum Leuchten haben, egal wie lange es in uns dunkel war.

Wir alle wurden in den Sternen geschrieben.

Dieser Teil meiner Lebensgeschichte verdeutlicht ziemlich konkret das große Dilemma zwischen dem Sein im "Hier und Jetzt" und der Aufforderung, sich der eigenen Vergangenheit und vor allem der eigenen Zukunft zu widmen. Für viele Menschen erscheint es unlogisch, Gegenwärtigkeit zu üben und sich trotzdem Gedanken über die Zukunft zu machen und zum Beispiel eine ideale Form ihrer Zukunft zu visualisieren. Ich bin der Überzeugung, dass beides möglich ist, und gehe sogar noch einen Schritt weiter: Wenn wir unsere Vergangenheit geheilt und abgeschlossen haben und uns für unsere Visionen öffnen, dann sind wir erst wahrhaft im Hier und Jetzt. Vorher nutzen wir Gegenwärtigkeit eher als ein Ablenkungsmanöver und wollen vor der Tatsache flüchten, uns mit Vergangenheit und Zukunft auseinandersetzen zu müssen. Genau das habe ich damals im Kloster gemacht.
Meine Gegenwärtigkeit war nur eine Unterdrückungsstrategie und oberflächlich. Ich zwang mich mit Kontrolle und Willenskraft, im Hier und Jetzt zu sein, ohne mich voll und ganz all dem hinzugeben, was in mir gerade da war. Emotional ging nämlich die Post ab: Ich glaubte, ich hätte versagt, in meiner Beziehung, in meinem Beruf, familiär, freundschaftlich, nichts war mehr da, und ich fühlte mich komplett fehl am Platz und verloren. Aber das durfte keinen Raum bekommen, ich wollte ja im Hier und Jetzt sein, atmen, mich auf den Moment fokussieren.
Dann würden all diese Verspannungen von allein weggehen. Das taten sie aber nur kurzfristig, um mich später dann komplett einzunehmen. Ich glaube, wir müssen alle irgendwann in unserem Leben erkennen und lernen, dass wir nicht gegen unsere Emotionen arbeiten können und dass sie eine Macht über uns haben, wenn wir sie nicht bewusst spüren, einladen, kommen lassen, von ihnen lernen und sie wieder gehen lassen. Ob im Kloster oder in der Welt.
Ein wichtiger Moment meines Übergangs von der dunklen Nacht meiner Seele hin zu einem Wandel in meinem Leben war, als eine innere Stimme in mir sagte: "Du bist davor weggelaufen, deine Aufgaben zu erledigen, und jetzt laufen deine Aufgaben auf dich zu." Das öffnete mir die Augen, es war ein kleiner Erleuchtungsmoment für mich. Ich sah ein, dass ich mich nun endlich all meinen Ängsten und Emotionen stellen musste, wenn ich meine Seele verwirklichen und meinem Leben wieder Sinn verleihen wollte. (Und natürlich weiß ich heute, dass mir auch die Zeit im Kloster mit all den Erlebnissen dort dabei geholfen hat. Sie bereitete meine Heilung in der Tiefe vor.)

Am Anfang noch ganz leise. Kaum zu hören.
Doch dann immer lauter. Immer stärker.
Wie ein Sturm, der aufkommt.
Du kannst diesen Sturm nicht stoppen. Nichts kann die Stimme deines Herzens übertönen.
Wenn die Zeit gekommen ist, musst du dich für dein Herz entscheiden.


Es gibt eine Magie der energetischen Singularität. Singularität ist ein Begriff, der meist in einem Kontext der Astronomie oder Geografie genutzt wird. Hier wende ich diesen Begriff auf den Moment an, in dem wir absolut offen, verschmolzen und kongruent sind mit all unseren Teilen, Emotionen, Gedanken und Energien. Singularität stammt von singularis aus dem Lateinischen und bedeutet "einzeln", "vereinzelt" oder "außergewöhnlich". Die energetische Singularität geschieht in den Momenten, in denen wir allen Widerstand gegenüber unseren Emotionen und Gedanken verlieren, alles wahrnehmen und spüren, im Frieden mit der Vergangenheit sind und gleichzeitig in der Vorfreude auf eine nicht vollständig bestimmte Zukunft, losgelöst vom Endergebnis und offen für alle Wunder des Lebens. In diesem Moment findet eine Konvergenz in uns statt. Alles richtet sich auf eine innere Mitte aus. Zeit wird inaktiv. Wir spüren alles gleichzeitig. Wir empfinden alles viel intensiver und fühlen uns lebendig und ruhig zugleich. Wir verschmelzen mit all unseren Aspekten, Talenten und Potenzialen. Wir richten uns an einem inneren Kompass aus, denken sehr wenig bis gar nicht und fühlen unser Herz deutlich und stark.
Vielleicht hattest du solch einen Moment schon im Leben. Vielleicht war es ein Moment, in dem dich die Natur mit ihrer Schönheit in ihren Bann gezogen hat und du plötzlich außerhalb deiner Geschichte über dich und dein Leben warst. Oder es war ein Moment der Liebe oder Zuneigung. Vielleicht war es ein Moment voller Lachen und Freude. Vielleicht war es während einer Meditation. Oder du hast so einen Moment noch nicht erlebt.
Diese Momente der energetischen Singularität sind real. Sie verändern uns, indem sie uns mit allem, was wir jemals waren, sind und sein werden, verschmelzen lassen. Ich sehe das gern so, als würde die normalerweise horizontale Zeitachse zu einer vertikalen Zeitachse werden. Alles passiert gleichzeitig in diesem Moment. Die lineare Zeit ist inaktiv, und es öffnet sich dieses Tor hin zur unendlichen Quantensuppe voller Möglichkeiten. Wir können in diesen Raum nicht eintreten, wenn wir uns vor dem schützen wollen, was wir fühlen, denken und sind. Manchmal sind wir so stark in einer Geschichte über uns und unser Leben gefangen, dass wir uns von all dieser Magie abkapseln. Wir wollen lieber recht behalten, als uns zu verändern und zu öffnen.

Was kannst du konkret tun, um diese Magie der energetischen Singularität in deinem Leben immer wieder zu erschaffen und immer mehr Teile deines Lichts zurückzuerobern?

Die folgenden 8 Ratschläge können Sie im Buch weiterlesen. Buchtitel, siehe am Ende dieses Auszugs

Bahar Yilmaz: Vielleicht ist der folgende Satz für dich eine Stütze dafür, dich immer wieder daran zu erinnern, was dich in deinem Aufblühen unterstützen kann.

"Ich kann im Hier und Jetzt sein,
um den Moment voll und ganz zu erleben.
Aber ich bin nicht im Hier und Jetzt,
weil ich Angst vor meiner Vergangenheit habe oder Angst vor meiner Zukunft.
Ich integriere alles jetzt und trete in die Magie der Singularität ein. Danke."


Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Bahar Yilmaz ist eine der bekanntesten Lebenscoaches im deutschsprachigen Raum. Mit ihrer erfrischenden und humorvollen Art erreicht sie Menschen jeden Alters. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Persönlichkeitsentwicklung, ganzheitliche Heilung, Transformation und die Erforschung von Energie, Bewusstsein und Spirit. Buchtipp: Bahar Yilmaz: Du wurdest in den Sternen geschrieben. Erkenne, wie wundervoll du bist, Integral 9.2019, 224 Seiten, 16 Euro, ISBN: 978-3-7787-9296-4

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Bellis perennis – das Gänseblümchen Über das Prinzip der Hoffnung ... Andreas Krüger


H. Schäfer: Wir beginnen ein neues Jahrzehnt. Was ist Ihr homöopathisches Geschenk für das neue Jahr?
Andreas Krüger: Das Gänseblümchen! Es gibt in der Homöopathie sogenannte große und auch kleine Mittel. Nach meiner Erfahrung gibt es weder groß noch klein, sondern es gibt Mittel, von denen man viel weiß und andere, von denen man weniger weiß. Je mehr man über ein Mittel weiß, umso größer wird es empfunden, weil man es einfach besser kennt. Heute möchte ich über ein Mittel sprechen, das ein ganz kleines Mittel in der Homöopathie ist, was aber in meiner Praxis immer häufiger bei schweren psychischen Pathologien eingesetzt wird: Bellis perennis - das Gänseblümchen.

Was sind die klassischen Einsatzgebiete?
Gänseblümchen bevölkern große ungemähte Rasenflächen und werden meistens regelmäßig in einem Massenmord vernichtet. Mit nur einer Rasenmähung wird Millionen von Gänseblümchen der Kopf abgehackt. Nach einer Woche guckt man auf die Wiese und schon sind sie wieder alle da.
Das Gänseblümchen ist in der Homöopathie schon lange bekannt, und es wurde immer gegeben, wenn der Patient als Empfindung ein Wundsein beschreibt. Das können wunde Knochen, wunde Schleimhäute oder Muskelkater sein. Es ist auch ein wichtiges Mittel nach Schwangerschaften, wenn die Bänder gedehnt sind und Weichteile verletzt wurden, oder wenn die Mutter das Gefühl hat, dass die Gebärmutter herausgedrückt wird - gerne auch in Kombination mit Arnica oder/und Sepia. Über die Wirkungen auf die Psyche wusste man wenig.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Wirkungen auf die Psyche?
Vor fünf Jahren hatte ich eine Patientin, die wirklich eine furchtbare Biografie mit kindlichem Missbrauch, Mobbing in der Schule und schrecklichen Beziehungen hatte - es war einfach furchtbar. Ich habe ihr Natrium, Sepia, Ignatia und Aurum gegeben und nichts half. Die einzigen körperlichen Symptome waren Gebärmutterbeschwerden nach drei Geburten von Kindern von drei unterschiedlichen Männern, die sie alle während der Schwangerschaft verlassen hatten. An dieser Frau war auffällig, dass sie nie aufgab. Sie stand immer wieder auf und machte weiter. Ich habe einen therapeutischen Lieblingssatz: hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen. Das gilt auch für mich, denn wenn Mittel nicht so wirken, wie ich hoffe oder wenn Dinge in meiner Therapie scheinbar erfolglos sind, gehe ich trotzdem immer davon aus, dass das, was gerade passiert, helfen wird. Wolf Biermann sagte mal: "Wir müssen besinnungslos sein vor Hoffnung." Ich bin auf jeden Fall als Matrix gut bei schwer kranken Patienten für das Prinzip Hoffnung. Manchmal sitzen hoffnungslose und depressive Menschen auf meinem Sofa und ich muss trotz oder wegen des Leids lächeln, worauf sie immer mit der Frage reagieren, ob ich sie etwa auslache. Ich antworte dann, dass ich lächele, weil ich das so gut kenne. Die Patienten sind jedes Mal völlig erstaunt und meinen, dass ich doch so aussehe, als wenn es mir gut ginge. Heute geht es mir auch gut, ich bin der glücklichste 65-Jährige, den ich kenne. Aber ich hatte Zeiten, wo ich noch nicht mal auf die Straße gegangen bin, weil ich dachte, dass man mich lyncht. Ich war eineinhalb Jahre schlaflos, angstkrank, hatte schwerste Depressionen und Burn-out, aber jetzt geht es mir gut. Es hat lange gedauert und ich habe viel getan. Hiob, der ja auch verzweifelt war und trotzdem weiter geliebt hat, den hat Gott um ein Vielfaches belohnt. Ich habe in meinem Leben erlebt, dass Durchhalten und in der Essenz meiner Liebe zu bleiben auch belohnt wurde. Hoffnung wird belohnt. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zurück zu der Patientin.
Sie machte trotz allem immer weiter und das ist ein Leitsymptom von Bellis perennis: macht immer weiter. Und dann hatte sie einen Traum. Nach fünf Jahren erfolgloser Therapie träumte sie von riesigen Rasenmähern. Und dann zählte ich zusammen: Gebärmutterbeschwerden, viel Leid, steht immer wieder auf und macht trotzdem weiter, träumt von Rasenmähern - Bellis perennis! In diesem Mittel ist die Kraft weiterzumachen. Seitdem setze ich dieses Mittel oft ein. Ich habe ja zu 90 % Menschen, die mit schweren psychischen Schicksalen zu mir kommen, und wenig Knieschmerzen oder Fußpilz in meiner Praxis. Wahrscheinlich, weil ich selbst ein Mensch war, der lange chronische Krankheiten erlebt hatte. Ich hatte 25 Jahre schwere Migräne und war lange angstkrank, bis mich die Homöopathie erlöste und deshalb bin ich diesen Patienten "ähnlich". Es gibt den Satz von Herbert Fritsche "Nur die Hand, die vor Leiden zuckt, kann Leiden heilen." Für mich ist Bellis perennis ein Mittel für Hoffnung. Johannes Mario Simmel war ein Bestsellerautor, der das Buch "Wir heißen euch hoffen" geschrieben hat, das auch verfilmt wurde, und wo es um einen Drogensüchtigen geht. Dieser Satz passt perfekt zu Bellis perennis. Wenn Menschen viel Schweres hinter sich haben, sich seelisch wund fühlen und trotzdem immer wieder aufgestanden sind, so wie diese kleinen Blümchen - hoch, Rasenmäher, hoch, Rasenmäher und sie geben nicht auf und blühen alle drei Tage wieder und - zack - wird der Kopf wieder abgehackt - dann sollten wir an dieses Mittel denken.
Wenn Bellis-Patienten Reinkarnationstherapien machen, träumen sie oft von Erlebnissen, wo sie guillotiniert oder mit einem Schwert enthauptet worden sind. Das kennen wir bisher nur von Hypericum, das Johanniskraut von Johannis dem Täufer, der ja auch enthauptet wurde. Es gibt einen Film auf youTube, der heißt "der Weltenmensch". Er kann die Aura der Menschen sehen und sagt, dass ganz viele noch ihre Stricke um den Hals haben, mit denen sie erhängt wurden oder eine Garotte um den Hals. Es ist furchtbar, aber es ist wichtig, wenn wir um solche Dinge wissen, dass wir sie miteinbeziehen.
Ich liebe viele Therapieformen und habe auch schon viel ausprobiert, aber für mich ist die Homöopathie die wunderbarste Medizin. Du riechst an einer Flasche oder nimmst ein Kügelchen und auf einmal ist das Leben anders, ohne 100 Stunden auf der Couch zu liegen und über das Leben nachzudenken.

Fazit?
Bellis perennis ist das Mittel für Menschen mit sehr schweren Schicksalen und dem Leitsymptom, immer wieder aufzustehen. Andere bleiben liegen. Da braucht es andere Mittel. Bellis perennis sagt von sich, ein Stehaufmännchen zu sein. Und wenn Menschen doch mal verzweifeln und sich wie wund geprügelt fühlen - auch ohne Gebärmuttersymptome und auch Männer - dann gibt ihnen das Gänseblümchen die Kraft eines Stehaufmännchens. Homöopathie heilt ja nicht nur Symptome, sondern hat auch einen Nährpol, d. h. sie kann helfen, dass wir Stehaufmännchen werden. In diesem Sinne: Stellen wir das Prinzip Hoffnung an den Beginn eines neuen Jahrzehnts.

H. Schäfer: Als Astrologin möchte ich noch hinzufügen: Auch die Sternenkonstellationen weisen Anfang des Jahres auf eine leichtere, zwar auch fordernde, aber eben leichtere Zeitqualität für die nächsten 20 Jahre hin. Die Sterne "machen" sie nicht, sie spiegeln lediglich, was möglich ist. Insofern steht dieses Interview über "Hoffnung" an der richtigen Stelle.

Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanische Heilkunst. Mehr über ihn unter: andreaskruegerberlin.de Buchtipp: Heiler und Heiler werden. Andreas Krüger / Haidrun Schäfer. Klappenbroschur, 144 Seiten. ISBN 978-3-922389-99-6, EUR 14,80 Euro. edition herzschlag im Simon+Leutner Verlag

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Mit Heilpflanzen durch das Jahr 2020 – 01: Gerste als „Superfood“... von Cornelia Titzmann


Die Gerste, "Hordeum vulgare", ist ein Gras wie alle unsere Getreidesorten. Sie gehört zur Familie der Süßgräser, mit dem lustigen Namen Poaceae. Schon vor über 10.000 Jahren wurde sie domestiziert und kultiviert aus der wilden Sorte Hordeum spontaneum, im Gebiet des "fruchtbaren Halbmond". Heute sagen wir dazu vorderer Orient. Schon bei Hildegard von Bingen war sie ein wichtiges Heilmittel zum Wärmen und Stärken. Im Mittelalter war sie, als Brei gegessen, ein fester Bestandteil der Nahrung für Mensch und Tier. Noch heute gibt man "schwerfuttrigen" Pferden gerne geschrotete Gerste als Zufutter.
Wenn die Früchte reif sind, neigt sich der Halm, dann bekommt ein Gerstenfeld ein melancholisches Aussehen. Heute verwenden wir Sommer- und Wintergerste. Erstere zum Brauen von Bier, und die Wintergerste wird vorwiegend als Futtergerste genutzt. In der Küche finden wir sie in Müslis, als Mehl, Graupen, Grütze, Flocken und im Brot verbacken.
Die Pflanze enthält Beta-Glucane, die für einen guten Cholesterinspiegel sorgen und die Zuckerwerte im Blut stabil halten, sowie viele Mineralien und Spurenelemente wie Phosphor, Magnesium, Kalium und verschiedene B- Vitamine. Auch die jungen Blätter gelten heute als "Superfood", sie sind sehr bekömmlich für den Magen. Der Verzehr von Gerste in jedweder Form macht länger satt, fördert die Konzentration und wärmt im Winter.

Anwendungstipp
Kochen Sie sich im Winter einfach mal ein "Porridge" aus Gerstenflocken. Alleine oder in Kombination mit Haferflocken. 2-3 Esslöffel Flocken in wenig Wasser und einer Prise Salz aufkochen, kurz quellen lassen. Nach Belieben einen Löffel Mandelmus und Honig hinzufügen. Fertig ist das Superfood.

Cornelia Titzmann, Heilpraktikerin und Dozentin für Phytotherapie, Naturheilpraxis, Horst-Kohl-Straße 2, 12157 Berlin. Weitere Infos und Kurse: www.corneliatitzmann.de

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Jahresthemen 2020 aus astrologischer Sicht ... von Markus Jehle


Langfristige Weichenstellungen
Saturn Konjunktion Pluto in Steinbock

Was wir 2020 entscheiden, hat Folgen, an denen unsere nachfolgenden Generationen noch lange tragen werden. Dies verlangt von uns ein hohes Maß an Reife und Verantwortungsbewusstsein. Manches muss nun ein Ende finden - und sei es mit Schrecken. Es ist der Abschluss mit der Vergangenheit, der es uns ermöglicht, neue tragfähige Fundamente für die Zukunft zu legen. Je gründlicher wir uns aus Strukturen lösen, die uns einschränken und nicht länger tragen, desto mehr können wir mit unserem Neuanfang bewirken. Vieles ordnet sich derzeit grundlegend neu, und es liegt nicht immer in unserer Macht, inwieweit dies zu unserem Vor- oder Nachteil geschieht. Manche Kräfte walten von höherer Ebene aus, und es würde keinen Sinn ergeben, dagegen anzukämpfen. Wenn es uns jetzt gelingt, unser Schicksal zu erkennen, können wir es annehmen und uns darin wiederfinden.

Neue Einnahmequellen
Uranus in Stier

Was uns nährt, sowohl körperlich als auch finanziell, ist gegenwärtig großen Umwälzungen unterworfen. Es sind nicht nur die Besitzverhältnisse, die rasend schnell wechseln. Vieles, was uns bislang lieb und teuer war, verändert seinen Wert und es scheint wenig originell zu sein, es uns in unserer Komfortzone weiterhin bequem zu machen. Unseren Selbstwert aus unserem Einkommen zu beziehen, ist eine Rechnung, die immer weniger aufgeht. Dadurch haben wir die Wahl, entweder unser Besitzdenken zu überwinden oder uns neue Einnahmequellen zu erschließen. Vielleicht sind auch unsere Ressourcen plötzlich erschöpft oder wir haben bislang in der falschen Währung gerechnet. Je mehr wir uns von dem, was wir haben, in Beschlag genommen fühlen, desto freier werden wir uns fühlen, sobald wir uns davon lösen. Wir haben in Zukunft wahrscheinlich mehr davon, unseren Besitz mit anderen zu teilen, anstatt darauf sitzenzubleiben.

Recht auf Freiheit
Saturn in Wassermann

Uns frei zu fühlen, indem wir uns begrenzen, mag uns zunächst vielleicht paradox erscheinen, eröffnet uns jedoch zugleich bislang ein nicht für möglich erachtetes Recht auf Selbstbestimmung. Indem wir uns jetzt freiwillig zu dem verpflichten, wofür wir uns eigenverantwortlich berufen fühlen, gewinnen wir nicht nur an Halt und Sicherheit hinzu, sondern ernten zugleich Respekt und Anerkennung. Es liegt an uns, zu wählen, womit wir unsere Reife und Meisterschaft unter Beweis stellen möchten. Uns aus unserer Verantwortung zu stehlen, bringt uns nicht weiter.
Stattdessen gilt es, Gleichgesinnte um uns zu scharen und zu erkennen, auf wen wir fortan zählen können. Jetzt zeigt sich, was uns unsere Freundschaften wert sind und inwieweit auf unsere Loyalität und Unterstützung Verlass ist. Es ist der Geist des Wassermann-Zeitalters, den es nun in der Realität zu verankern gilt. Uns darin zu beweisen, stellt eine Herausforderung dar, an der wir uns fortan messen und bewähren können.

Krise und Zuversicht
Jupiter Konjunktion Pluto in Steinbock

Realistische Vorstellungen und tragfähige Perspektiven versprechen für 2020 die besten Erfolgsaussichten. Hoffnungen zu hegen, die nicht auf Fakten und Tatsachen beruhen, ergibt fortan keinen Sinn. Wir werden unser Glück nicht erzwingen können, und Wünsche, die auf falschen Vorstellungen beruhen, bescheren uns allenfalls Fortschritte, die in Abgründe münden. Je höher wir hinauswollen, desto mehr geraten wir in Verstrickungen, die uns unsere Verdrängungen vor Augen führen. Um wahre Hoffnung zu finden, gilt es die Tiefen unserer Seele ausloten und nach verborgenen Schätzen zu graben. Nun zeigt sich, wie es wirklich um unsere Moral und unsere Ideale bestellt ist. Mephisto unsere Seele zu verkaufen, würde sich als schlechtes Geschäft erweisen. Stattdessen gilt es, uns auch in Krisensituationen unsere Zuversicht zu bewahren. Es ist das Licht am Ende des Tunnels, das uns jetzt den richtigen Weg weist und auf das wir vertrauen können.

Zweifel und Gewissheit
Aufsteigender Mondknoten in Zwillinge / absteigender Mondknoten in Schütze

Mit alten Glaubenssätzen und gepachteten Gewissheiten im Gepäck, kommen wir 2020 weder in seelischer noch in geistiger Hinsicht gut voran. Es ist der mit Neugier gepaarte Zweifel, der uns Schwung verleiht und uns neue Horizonte eröffnet. Wir verlieren die Orientierung und handeln uns Sinnkrisen ein, sofern wir bereits alles zu wissen glauben. Statt auf unseren Meinungen zu beharren und ständig recht zu haben, wäre es klüger, uns umfassend zu informieren und uns die richtigen Fragen zu stellen. Indem wir selbstkritisch alles hinterfragen, was wir bereits zu wissen glauben, gelangen wir zu Erkenntnissen, die uns unseren Zielen näherbringen. An Weisheiten, die großer Löffel bedürfen, können wir uns leicht verschlucken. Es ist nicht immer zielführend, über alles genau Bescheid zu wissen. Stattdessen gilt es, genau zu wissen, worauf es uns ankommt und uns nicht mit Dingen zu verzetteln, die keinen Sinn ergeben. Es sind die Götter, die uns den richtigen Weg weisen, und wir tun gut daran, ihren Rat zu befolgen.

Studentenliebe
Die rückläufige Zwillinge-Venus

Im Frühsommer 2020 werden in uns schöne Erinnerungen an Menschen und Situationen wach, die Ausdruck unserer Vorliebe für anregende und vielseitige Kontakte und Gespräche sind. Wir schwelgen gewissermaßen in einem studentischen Lebensgefühl und genießen es, unserer Neugier zu folgen und die unterschiedlichsten Interessen zu pflegen. Unser Geist ist rege und wach, und wir wissen den lebendigen Austausch mit interessanten Menschen sehr zu schätzen. Wir haben Freude daran, unser Wissen aufzufrischen und bestimmte Interessen von früher neu zu beleben. Es könnte uns diesen Sommer großes Vergnügen bereiten, mit unserer Schüler- und Studentenliebe von einst wieder in Kontakt zu treten. Oder wir rufen uns andere Themen in Erinnerung, um unser Glück auf die Spitze treiben. Nur eines gilt es zu meiden - uns und andere mit alten Geschichten zu langweilen.

Spirituelle Reifungsprozesse
Steinbock-Jupiter Sextil Fische-Neptun

Damit auch 2020 Wunder geschehen können, sind wir gut beraten, felsenfest daran zu glauben. Aus unseren unverrückbaren Gewissheiten beziehen wir jetzt die Stärke, um unsere Wünsche und Träume zu verwirklichen. Wir brauchen Hoffnungen, die uns tragen, und alles, wovon wir hundertprozentig überzeugt sind, hat Gewicht und verleiht uns Kraft. Um wirklich froh zu sein, benötigen wir womöglich weniger, als wir glauben. Es ist die Kunst der Selbstbeschränkung, die uns neue Möglichkeiten und Horizonte erschließt. Selbst wenn unser Glück gewissen Einschränkungen unterliegt, ist es uns weiterhin möglich, direkt von der Quelle zu trinken und dabei Moral und Aufrichtigkeit zu beweisen. Es bedarf in diesem Jahr einer gewissen Meisterschaft und Reife, um uns in spiritueller Hinsicht weiterzuentwickeln. Wenn wir jetzt von unserem Glauben abfallen, dann stürzen wir ins Bodenlose.

Mit in der Tasche geballten Fäusten
Der rückläufige Widder-Mars

Für unsere aufgestaute Wut und unseren Groll die passenden Ventile zu finden, stellt uns im Herbst 2020 vor große Herausforderungen. Zu plötzlich, zu geballt und zu intensiv schießen unsere Aggressionen hoch, als dass wir sie ohne Weiteres in konstruktive Bahnen und zu unserem Vorteil nutzen könnten. Womöglich richten wir unsere Wut auch gegen uns selbst, schlagen uns nieder und blockieren damit unser Handeln. In manchen Momenten verfallen wir vielleicht auch in ziellosen und blindwütigen Aktionismus oder wagen uns zu weit vor, und haben anschließend mühsame Rückzugsgefechte auszutragen.
Wir müssen mitunter weit in die Vergangenheit zurückgehen, um weiterhin vorne mitzumischen und unsere Interessen zu behaupten. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir dem Faustrecht Einhalt gebieten und keine alten Kriegsbeile ausgraben.

Die Ferse des Achilles
Chiron in Widder

Wir geraten in der zweiten Jahreshälfte 2020 immer wieder in Situationen, in denen wir nicht aus den Startlöchern kommen oder auf der Stelle treten. Solange wir nur unsere eigenen Interessen verfolgen und in unseren Mitmenschen lediglich Konkurrenten sehen, kommen wir nicht voran. Es ist unser Egoismus, mit dem wir uns immer wieder ein Bein stellen und uns selbst verletzen. Dies zu erkennen ermöglicht es uns, für den Umgang mit unserer Wut und unserem Wollen die passenden Rituale zu finden. Vielleicht werden wir bei den Kampfsportarten fündig oder den Traktaten römischer Heerführer und Kaiser. Es ist gefährlich, Kämpfe auszutragen, wenn wir unsere wunden Punkte und unsere Achillesferse nicht kennen. Noch gefährlicher wird es, wenn wir nicht wissen, wohin mit unserer Wut. Wir tun daher gut daran, nur solche Gefechte zu führen, die im Interesse aller stehen und die unserer würdig sind.

Der Kampf um Gerechtigkeit
Lilith in Widder und Priapus in Waage und Skorpion

Im Kampf um Autonomie und Gleichberechtigung in unseren partnerschaftlichen Beziehungen wird 2020 eine neue Runde eingeläutet. Die leidige Frage, wer oben und wer unten liegen darf bzw. muss, gilt es zugunsten eines fairen Neben- und Miteinander zu entscheiden. Solange wir jedoch unsere Triebe und Aggressionen nicht in den Griff bekommen, was in diesem Jahr häufiger als sonst der Fall sein kann, muss der Geschlechterkampf krampfhaft fortgeführt werden. Es ist jedoch wenig originell, mit Macho-Allüren uns selbst in Fahrt und andere auf die Palme zu bringen. Vielleicht werden wir auch zwischenzeitlich von Harmoniebedürfnissen überwältigt, um am Ende dann doch wieder mit Bosheiten zu punkten. Langeweile müssen wir weder über noch unter der Bettdecke fürchten, es sei denn, unsere Lust ist tiefer vergraben, als wir denken oder wir verausgaben uns schneller als erhofft.

Literatur: Markus Jehle, Himmlische Konstellationen 2020, Astrologisches Jahrbuch, erhältlich unter www.mariusverlag.de Weitere Infos zu Markus Jehle und zur Astrologie unter www.astrologie-zentrum-berlin.de

Hinweis zum Artikelbild: © KGS Berlin


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