Artikel_2021.07 - KGS Berlin 2021

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Artikel_2021.07

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Art. 202107, Buchner-Krout, 5G Wahn(Sinn)
„5G muss entweder überarbeitet werden oder  verschwinden!“ ... ein Interview mit dem Physiker Prof. Dr. Klaus  Buchner und Dr. med. Monika Krout
„5G  benötigt für jede Übertragung kurzzeitig eine sehr hohe Strahlung;  diese jedoch wirkt auf alle Arten von Körperzellen und kann Krankheiten  wie Kreislaufprobleme, Fruchtbarkeitsstörungen, Krebs und Erbschäden  hervorrufen. Für ein Umrüsten der 5G-Technik auf biologisch verträgliche  Werte gibt es keinen Weg. Es geht aber nicht an, die Gesundheit der  Menschen zu opfern, damit sich die Investitionen der Industrie lohnen!“

Der  renommierte Physiker und ehemalige Abgeordnete des Europäischen  Parlaments Prof. Dr. Klaus Buchner und die Umweltmedizinerin Dr. med.  Monika Krout, Autoren des Buchs „5G-Wahn(sinn)“, wollen über die Risiken  der neuen Mobilfunkgeneration und die fragwürdige deutsche  Grenzwertpolitik aufklären sowie den Weg zu verträglicheren Technologien  aufzeigen.

Seit  vielen Jahren untersuchen Sie die mess- und sichtbaren Einflüsse des  Mobilfunks auf Mensch und Natur. Welche Auswirkungen sind hier besonders  hervorzuheben?
Prof. Dr.  Buchner: Das sind zunächst die Schäden für die Gesundheit von Menschen,  Tieren und Pflanzen. Wir kennen die biophysikalischen Mechanismen, wie  die Strahlung auf die Zellen wirkt.
Weil praktisch  alle Arten von Zellen betroffen sind, sind auch die durch die Strahlung  erzeugten Krankheiten sehr vielfältig. Darunter finden wir  Kreislaufprobleme, verminderte Fruchtbarkeit, Krebs und Erbschäden.  Speziell bei 5G und dem „Internet der Dinge“ kommt als weiteres Problem  hinzu, dass damit eine perfekte Überwachung möglich wird. Außerdem darf  man hier den enormen Energieverbrauch und die Zehntausenden von  Satelliten nicht vergessen, die für 5G nötig sind.

Die  großen Mobilfunkkonzerne preisen derzeit die angeblich glückselig  machenden Vorzüge der fünften Mobilfunkgeneration 5G an. Was ist neu an  5G? Und wo sehen Sie die Probleme?
Prof.  Dr. Buchner: Bei 5G werden besonders die hohe Geschwindigkeit der  Datenübertragung und die geringe Latenzzeit gepriesen. Man kann  beispielsweise in einer Minute mehr Filme aus dem Netz herunterladen,  als man sein ganzes Leben ansehen kann. Für manche industrielle  Anwendung kann 5G Vorteile bringen. Für autonom fahrende Autos ist 5G  praktisch, aber nicht unbedingt nötig. Probleme sehe ich vor allem bei  der kurzzeitigen, aber extrem hohen Strahlung, die mit 5G verbunden ist.

Viele  Menschen vertrauen darauf, dass die vom Gesetzgeber vorgegebenen  Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung ihre Gesundheit schützen. Wer gibt  diese Grenzwerte vor, und wie beurteilen Sie ihre Verlässlichkeit?
Prof.  Dr. Buchner: Unsere Grenzwerte werden von einem industrienahen privaten  Verein, dem ICNIRP e.V., vorgeschlagen, der seinen Sitz im Amtsgebäude  des Bundesamts für Strahlenschutz hat. Sie beruhen auf der irrigen  Annahme, dass die einzigen Strahlenschäden durch die Erwärmung des  Gewebes hervorgerufen werden, die ähnlich wie in der Mikrowelle  entsteht. Diese Annahme ist aber seit Jahrzehnten widerlegt.

Frau  Dr. Krout, als Ärztin sind Sie direkt mit dem Thema  „Strahlungskrankheiten“ konfrontiert. Welche Beschwerden und  Erkrankungen können durch ein Zuviel an gepulster Strahlung ausgelöst  werden?
Dr. med. Monika  Krout: In meiner Praxis klagen immer mehr Kinder und Erwachsene über  starke Kopfschmerzen, Rückenschmerzen sowie Schlaf- und  Konzentrationsstörungen. Untersuchungen zeigen, dass die meisten dieser  Betroffenen eine deutliche Linderung der Beschwerden haben, wenn sie das  WLAN zu Hause ausschalten und die Funkstrahlung deutlich minimieren. Als  Langzeitschäden der Strahlung sind zudem immer mehr Gehirn- und  Augentumoren sowie schwere Durchblutungsstörungen an den Fingern und  Zehen festzustellen.

Ein  Schwerpunkt Ihrer Forschungen liegt auf der Elektrohypersensibilität  (EHS). Wie kam es zu diesem besonderen Interesse? Und welche Erwartungen  oder Befürchtungen haben Sie für Betroffene in Bezug auf 5G?
Dr.  med. Monika Krout: Mein Ehemann bekam durch Handy-, WLAN- und  Sendemaststrahlung zunächst Gleichgewichtsprobleme und Migräne, später  unmittelbar durch die starke Funkstrahlung epileptische Anfälle. Im  funkfreien Raum hingegen war er beschwerdefrei. Über drei Jahre lang  konnte er unser Haus nicht mehr verlassen. In dieser Zeit lernte ich  viele Betroffene mit ähnlichen Problemen kennen. In der Hoffnung, dass  diese Menschen wieder aus dem „Lockdown“ kommen könnten, forsche ich nun  nach den Ursachen. Nur wenn das Wesen einer Erkrankung bekannt ist,  kann diese gezielt behandelt werden. Mein Ehemann ist leider verstorben.  Die Sendemaststrahlung neben unserem Haus wurde erhöht, während er  abends kochte; dem letzten epileptischen Anfall folgte eine tödliche  Gehirnblutung.
Ich wünschte mir, dass vielen  Menschen das Leid erspart bliebe, welches meine drei Kinder und ich  erfahren haben. Falls 5G ausgerollt wird, befürchte ich, dass die Zahl  der betroffenen Familien um ein Vielfaches steigen wird.

Herr  Prof. Buchner, Sie beraten seit Langem auch Bürgerinitiativen, die sich  für die Gesundheit der Bevölkerung und mehr Rücksicht auf die Umwelt  stark machen. Wie kann sich eine Gemeinde gegen neue Funkmasten und ein  Zuviel an Strahlung wehren?
Prof.  Dr. Buchner: Jede Gemeinde kann im Flächennutzungsplan beispielsweise  für Wohngebiete niedrige Grenzwerte festlegen. Genau genommen ist sie  sogar dazu verpflichtet, weil außer der Bundesregierung nur sie das  Vorsorgeprinzip verwirklichen kann, das im Grundgesetz und in den  EU-Verträgen verankert ist.

In  mehreren deutschen Großstädten ist 5G bereits gestartet. Ist damit das  Kind nicht schon in den Brunnen gefallen, gibt es überhaupt noch ein  Zurück? Und welche Maßnahmen kann der Einzelne jetzt ergreifen, um sich  und seine Familie zu schützen?
Prof.  Dr. Buchner: 5G benötigt für jede Übertragung kurzzeitig eine sehr hohe  Strahlung. Für ein Umrüsten dieser Technik auf biologisch verträgliche  Werte sehe ich keinen Weg. Deshalb muss 5G entweder überarbeitet werden  oder verschwinden. Es geht nicht an, die Gesundheit der Menschen zu  opfern, damit sich die Investitionen der Industrie lohnen. Schützen kann  man sich gegen die Strahlung in vielen Fällen durch Abschirmungen.  Material dazu wird von mehreren seriösen Firmen angeboten. Das Problem  dabei ist nur, dass das sehr viel Geld kostet und deshalb nicht jedem  und jeder zur Verfügung steht.

Sie  verteufeln nicht mobile Kommunikation generell, sondern halten die  eingesetzte Technik für rückständig. Welche Alternativen würden Sie  empfehlen?
Prof. Dr.  Buchner: Selbst mit konventioneller Technik kann man die  Strahlenbelastung ganz wesentlich senken, wenn es sich um 2G, 3G und 4G  handelt. Die Stadt St. Gallen in der Schweiz hat gezeigt, dass ein  50.000stel des deutschen Grenzwerts (bezogen auf die Leistung) genügt,  um überall ein schnelles Internet anzubieten. Nachdem aber künftig der  Trend zu noch schnelleren Übertragungen geht, wird man zwangsläufig auf  Infrarot- oder Lichttechnik übergehen müssen. Solche Systeme stehen  heute schon zur Verfügung. Sie sollten statt der 5G-Verbindungen für  kurze Strecken eingesetzt werden. Wenn sie richtig angewendet werden,  sind damit keine Gesundheitsschäden zu erwarten.
Das Interview wurde im Mai 2021 geführt.

Prof. Dr. Dr. habil. Klaus Buchner  (geb. 1941) studierte Physik in München und erwarb in Edinburgh  (Schottland) sein „Diplom in der Physik der Elementarteilchen“. Ab 1965  arbeitete er u. a. am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in  München, wo er in Physik promovierte, sowie am europäischen  Forschungszentrum CERN in Genf. Seine Forschungen führten ihn auch an  die Universitäten in Kyoto (Japan) und Chandigarh (Indien). Von 1973 bis  zu seiner Pensionierung 2006 war Klaus Buchner zuerst Dozent, dann  Professor an der mathematischen Fakultät der Technischen Universität  München. Seit 1979 ist er Mitglied der wissenschaftlichen Akademie  Accademia Peloritana dei Pericolanti in Messina, 1992 erhielt er die  Goldene Verdienstmedaille der Universität Breslau. Seit über 20 Jahren  berät er Mobilfunk-Bürgerinitiativen und hält heute deutschlandweit  Vorträge über den 5G-Mobilfunk. Klaus Buchner war von 2014 bis 2020  Abgeordneter des Europäischen Parlaments für die  Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) und lebt heute in München.

Dr. med. Monika Krout  (geb. 1963) studierte Medizin in Marburg. Nach ihrer Promotion war sie  mehrere Jahre als Ärztin in der Abteilung für Kinderonkologie an der  Kinderklinik der Universität Köln tätig; Forschungsstipendien am  renommierten Münchner Max-Planck-Institut und am UTHealth (University of  Texas Health Science Center) in Houston erlaubten ihr den Ausbau ihrer  Kenntnisse in den Bereichen Onkologie und Hämatologie. Seit 1993  betreibt sie als Fachärztin für Allgemeinmedizin eine naturheilkundlich  orientierte Praxis in Aachen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sind  Forschungen zu Elektrohypersensibilität; insbesondere untersucht sie den  Zusammenhang von Mobilfunkstrahlung und Herzratenvariabilität.

Buchtipp:  Prof. Dr. Klaus Buchner / Dr. med. Monika Krout, 5G-Wahn(sinn). Die  Risiken des Mobilfunks / Das gefährliche Spiel mit den Grenzwerten / Die  strahlungsarmen Alternativen. Mankau Verlag, 1. Aufl. Mai 2021,  Klappenbroschur, 13,5 x 21,5 cm, 255 Seiten, ISBN 978-3-86374-608-7,  16,95 Euro (D) / 17,50 Euro (A)

Art. 202107, Wolf Schneider, Angst
Angst essen Seele auf ... von Wolf Sugata Schneider
Seltsam, wie wir ticken. Wir, die in den Jahrhunderttausenden der Steinzeit entstandenen Homo sapiens, noch immer werden wir von zwei Hauptimpulsen gesteuert: Angriff und Flucht. Fürs Überleben war das einst unentbehrlich. Heute ist es das nicht mehr.

Heute wäre es gut, sich dieser beiden antagonistischen Impulse bewusst zu sein. Würden wir ihre Auslöser kennen, dann würden wir von ihnen nicht mehr so leicht gesteuert wie ein Pawlowscher Hund. Heute lauert ja kein Säbelzahntiger mehr im Gebüsch, heute sind die Bedrohungen andere: da steuern uns die suchterzeugenden Algorithmen der »Megamaschine« (Lewis Mumford, Fabian Scheidler u.a.). Allerdings weniger die von autoritären Regierungen, wie Mumford noch dachte, sondern heute mehr die das Internet dominierenden Global Players. Gefährlich sind für uns vor allem die Akteure, die mehr über uns wissen als wir selbst, sei es die im globalen oder die im lokalen Raum. Das macht Angst.

Die Angst der Strippenzieher
Die uns mit dieser Angst steuern, haben aber auch selbst Angst. Sie steuern uns nicht, weil sie einen Masterplan hätten zur Steuerung des Weltgeschehens, wie viele der Verängstigten glauben. Sie steuern uns, weil auch sie Angst haben und von unbewussten Motiven gesteuert werden. Sicherheit gibt es jedoch nicht. Für die Mächtigen und Reichen gibt es nur ein bisschen mehr Sicherheit als für die Ohnmächtigen. Letztlich aber haben wir alle erstmal nur sehr wenig von dem unter Kontrolle, was unsere Außenwelt bestimmt. Viel eher können wir über unsere Innenwelt verfügen. Durch Kenntnis unserer je eigenen Innenwelten können wir uns aus der pandemisch verbreiteten Ohnmachtsstarre lösen und in der Außenwelt aktiv werden, zusammen mit anderen Aktivisten. Kooperation lindert die Angst, kann sie sogar verscheuchen und ermöglicht so die Entfaltung einer politischen Wirkung. Auch Corona ist ein Angstphänomen. Es gibt dieses Virus zwar, sogar in mehreren nicht zu unterschätzenden Varianten, die mehr Schaden anrichten als die üblichen Grippewellen. Leugnen und Kopf in den Sand stecken ist da kein gutes Gegenmittel. Teils noch mächtiger als das Virus selbst ist jedoch die Angst davor. Auch diese ist mächtig und verbreitet sich massenhaft. Die Möglichkeit eines Atomkriegs und die Nähe einiger bedrohlicher Kipppunkte der Ökologie (CO2, Methan, das schmelzende Eis) ängstigen uns jedoch weniger als dieses Virus. Und auch vor Zigaretten haben wir keine Angst und rufen gegen die Epidemie der Nikotinsucht keinen nationalen Notstand aus, obwohl doch Jahr für Jahr mehr als doppelt so viele Menschen an den Folgen des Rauchens sterben wie an Coronaviren. Warum ängstigt uns gerade Corona?

Terroristen und Viren
Mir scheint, dass Infektionskrankheiten uns Menschen ganz besonders ängstigen. Das passt zu narzisstischen Politikern, die sich im Streben um die besten Plätze auf den öffentlichen Bühnen mit Hilfe sensationshungriger Medien als Beschützer der Verängstigten profilieren und so ihre Popularität steigern. Für diese Beschützerdarsteller eignen sich Terroristen und politische Gegner als passende Bedrohung, mindestens ebenso gut aber auch Viren und Bakterien. Homo sapiens wurde schon immer vor Krankheitserregern bedroht. So ist auch unser Grundgefühl des Ekels evolutionär entstanden und das Bedürfnis nach Sauberkeit. Je größer das Kollektiv eines Tieres oder eine Pflanze, umso größer die Gefahr durch Pandemien. Auch deshalb stellen Kollektive des Homo sapiens ihre politischen oder sozialen Gegner oft als unrein dar. Das gilt insbesondere für Kasten, Eliten und Rassisten, deren Selbstdarstellung zwar biologisch unhaltbar ist, sich jedoch kulturell für Abtrennung und Herrschaft eignet. Vor diesen Gegnern ‚und anderen Pathogenen‘ möchte Mensch sich instinktiv mit ethnischen oder hygienischen Säuberungen schützen. Diese Art des vermeintlichen Schutzes ist für uns konkreter fühlbar und hautnäher als die Bedrohung durch eine Zunahme der durchschnittlichen Temperatur der Weltatmosphäre um zwei Grad. Wir ticken eben nicht rational genug, um große von kleinen, echte von unechten Gefahren unterscheiden zu können. Wir retten lieber Bienen als Wespen und lieber Koalabären als Stachelschweine und schützen uns lieber vor Corona als vor dem Klimakollaps, das fühlt sich einfach besser und richtiger an. Und den Gefühlen soll man doch folgen, oder?

Die Popularität strenger Beschützer
Das überraschende Ereignis dieser weltweiten Pandemie und Hysterie hat die Menschheit anderthalb Jahre lang mehr erschüttert als Kriegsgefahren und ökologische Katastrophen. Ob die eben vorgetragene Spekulation über die Ursachen richtig ist, das weiß ich nicht. Das aber weiß ich: Angst ist nur selten ein guter Ratgeber. Wer sich vor einer konkreten Bedrohung fürchtet, hat bessere Chancen, ihr angemessen zu begegnen als der sie Ignorierende. Eine diffuse Angst vor etwas, das wir nicht verstehen, ergreift uns hinterrücks und verstärkt sich hinter den Rücken der Fliehenden noch. Sie weicht erst, wenn die Flüchtenden sich umdrehen und die Gefahr konfrontieren. Wenn es denn wahr ist, dass alles Schlechte sein Gutes hat, was hat dann diese Pandemie an Gutem zu bieten? Hat sie uns vielleicht auf noch weit schlimmere, »echte« Krisen vorbereitet, die bereits im Landeanflug sind? Nicht wirklich, meine ich. Das politische Management der Krise finden sogar ihre Vertreter großenteils peinlich schlecht. Die Coronapandemie hat etliche der Superreichen noch viel reicher gemacht und die Armen (Länder und Individuen) noch ärmer. Die Pandemie hat der schon vielfach gespaltenen Weltgesellschaft weitere Risse hinzugefügt, zum Beispiel nun auch zwischen Impfgegnern und denen, die kaum erwarten können, wann sie mit der Impfung dran sind. Sie hat große Teile des Kulturbetriebs verödet und Lernen sowie menschliche Begegnung zu Online-Events gemacht. Davon müssen wir uns erstmal wieder erholen.

Angst essen Seele auf
»Angst essen Seele auf« heißt ein Film von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1974. Dieser Film hat jedoch vordergründig gar nicht die Angst zum Thema, sondern den stumpfsinnigen Alltag einer Gesellschaft, die Andersartige ausgrenzt und diffamiert. Erst ein tieferer Blick in das Verhalten der Akteure zeigt, wie auch sie von Angst gesteuert sind. Auch eine Analyse des Phänomens der Coronapandemie wird tiefer forschen müssen, als ich es in diesem Text laienhaft versuchte, um zu erkennen, was die Spanische Grippe von 1918-20, die Hongkong-Grippe von 1968-70 und die Coronapandemie von 2020-21 in ihrer medizinischen Wirkung und der gesellschaftlichen Reaktion darauf voneinander unterscheidet. Und was sich daraus für unseren heutigen Umgang mit Pandemien und pandemischer Angst schließen lässt. Angst und Hysterie gab es ja schon immer.

Retreat? Gibt es jetzt gratis, als Lockdown
Was können wir gegen angstgetriebene Pandemien wie Corona tun? Einkehr, nach innen gehen, uns selbst erforschen? »Alles Unheil in dieser Welt geht davon aus, dass die Menschen nicht still in ihrer Kammer sitzen können«, schrieb der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal im von Religionskriegen zerrissenen 17. Jahrhundert. Wer meditieren kann, ist auch in Pandemiezeiten besser dran als die Innenweltflüchtlinge. Da brauchst du dein Retreat nicht extra zu buchen, du bekommst es gratis, staatlicherseits verfügt, als Lockdown.
War ich grad eben zu zynisch? Mag sein. Die positive Seite der Meditation, des Retreats und Alleinsein-könnens aber gibt es tatsächlich. Wer meditiert, ängstigt sich nicht mehr. Insofern ist Meditation eine gute Krisenprophylaxe. Sie macht resilient und gelassen in sich ruhend. Das war schon immer gut. Kann sein, dass wir das in Zukunft noch viel mehr brauchen als bisher.

Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. Autor, Redakteur, Stand-Up-Philosopher. 1985-2015 Herausgeber der Zeitschrift Connection. www.connection.de | www.bewusstseinserheiterung.info | www.bachelor-of-being.de

Art. 202107,
Feuer ins Herz – Wie ich lernte, mit der Angst zu tanzen ... Buchauszug aus dem Roman von Gerald Ehegartner
Gerald  Ehegartner ist ausgebildet in Council, in Theater-, Natur- und  Wildnispädagogik und als „Vision quest guide“. Er ist Mitbegründer des  ersten österreichischen Naturpädagogik-Wahlpflichtfaches – „Abenteuer  Natur“ – sowie Mitglied der Initiativen „Lernwelt“ und „Akademie für  Potenzialentfaltung“. Die Entfaltung der Potenziale von Kindern und  Jugendlichen und der Schutz der Natur liegen ihm besonders am Herzen.

Noah  ist im Lockdown gelandet – mutterseelenallein. Er fühlt sich isoliert.   Da taucht überraschend sein alter Freund, der Trickster Old Man Coyote,  auf. Während dieser literweise Kaffee trinkt, raucht, in  Polizeikontrollen gerät und Videokonferenzen crasht, verkocht er  nebenbei das fieseste Virus, an dem nicht nur Noah leidet: die Angst.  Noah wird klar, dass sich die Menschheit an einem Schei­deweg befindet –  zwischen Liebe und Angst, freier Gesell­schaft und Technokratie. Sein  Mentor führt ihn mit Witz und Kreativität aus der inneren Isolation in  eine Verbun­denheit mit allem Lebendigen. Ein brisanter, hochaktuell  gesellschaftskritischer Roman, der das Herz wie ein Lager­feuer zu  wärmen vermag.

John Lennon und die Verwandlung des Raums in Freiräume
Als  ich Josef vor dem Haus traf, wirkte er besorgt. »Sollten noch weitere  Wochen vergehen und die Wirtschaft nicht arbeiten können, dann wird mit  einer heftigen Wirtschaftskrise zu rechnen sein. Noah, ist das nicht  eigenartig? Einige Wochen bringen die Wirtschaft ins Wanken. Es genügt  also nicht, nur das Notwendigste zu kaufen. Die Wirtschaft braucht  Leute, die viel mehr kaufen, als sie brauchen, sonst bricht sie ein. Das  irritiert mich als alter Mann. Ihr jungen Leute habt einiges vor euch.  Ich beneide euch nicht. In meiner Zeit war fast immer ein Aufschwung.  Ich besitze keinen Titel, meine Ausbildung war kürzer. Ich hab gut  verdient und nun gutes Geld im Ruhestand. Ihr seid besser ausgebildet,  habt aber schlechtere Verträge und weniger Freiheiten. Die heutige Zeit  ist doch wie jene Science-Fiction-Romane, die ich gelesen habe. Darüber  zu lesen ist eine Sache, darin schön langsam mitzuspielen, beunruhigt  mich. Es gibt einen Zeitpunkt im Leben eines erwachsenen Menschen, wo  man sich sagt: Ab jetzt mache ich bei technischen Neuerungen nicht mehr  mit. Komme, was wolle. Das war bei mir mit der Einführung des  Smartphones.«
»Echt Josef? Soll ich dir erklären, wie es funktioniert?«
»Nein, das brauch ich wirklich nicht mehr.«
In  der Wohnung kreierte ich mir Penne mit Spargel und Paradeiser. Ich rief  meine Großeltern an, die glücklich wirkten, weil es Oma besser ging.  Die Quarantäne sollte nicht mehr allzu lange dauern.
Waren  die drastischen Maßnahmen notwendig? Die Welt war runtergefahren wie ein  vom Virus befallener, überhitzter Supercomputer, um wieder neu  aufgesetzt zu werden. Welche neuen Programme spielten am Lieblingsberg  wir ihm rauf? Sollten wir uns da nicht mit liebevoll vielfältigen Open-  Source-Programmen beteiligen? Wie lange würde es dauern, bis eine  gewisse Lethargie und Lähmung bei der Bevölkerung eintraten?
Mir  schien die Konfrontation mit der Lebens- und Todesangst wesentlich,  denn das Virus Angst griff unsichtbar um sich, auch wenn das neuartige  Corona-Virus nicht den Eindruck vermittelte, wie die Pest zu wüten.
Ich  dachte an Menschen, die einsam in Krankenhäusern verstarben, an  alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, an Alte und Junge, an  psychisch Kranke. War es all das wert? Ich hatte meine persönliche  Antwort.
Kurz blickte ich auf mein Handy. Sahria hatte mich  im Namen der 4a gefragt, ob die Aufgaben tatsächlich bis Freitag zu  erledigen wären. Der deutsche Untertitel war:
Herr Lehrer,  bitte lernen Sie für die Zukunft, den Lernstoff besser einzuschätzen.  Mit der Menge an Übungen verscherzen Sie sich es noch knapp vor dem  Zieleinlauf! Bedenkliche Grüße, Sahria
Franziska hatte ein  Foto von einem Spruch geschickt. Dieser war in Berts Arbeitszimmer  aufgehängt und stammte vom legendären John Lennon.
Wenn es so  weit kommt, dass du Gewalt anwenden musst, dann spielst du schon das  Spiel des Systems mit. Das Establishment wird dich irritieren wollen, es  zupft dich am Bart, es schnippt dir ins Gesicht, damit du kämpfst.  Denn, wenn du einmal gewalttätig geworden bist, dann wissen sie, wie sie  mit dir umgehen müssen. Das Einzige, womit sie nicht umgehen können,  ist Gewaltlosigkeit und Humor.
Ich war beeindruckt, wie sehr  der Spruch passte. Es klopfte an der Tür. »Noah, hast du Zeit? Wir  könnten mit Abstand ein Gläschen Weißwein trinken. Besten Veltliner aus  dem Weinviertel.« Obwohl ich mittlerweile müde geworden war, stimmte ich  zu, und bald saßen Josef und Pablo bei mir. Pablo machte es sich auf  meiner Couch neben Josef bequem. Ich saß bei Tisch und plauderte mit  Josef. Es sprudelte nur so aus ihm. Welch große Freude machte es ihm,  endlich wieder ein Gespräch führen zu können.
»Josef, hast du die Hippie-Zeit bewusst miterlebt?«
»Oh  ja. Wir waren nicht so angepasst wie die jungen Leute heute. Weißt du  was: Wir haben einen Pädagogik-Professor mit Eiern beworfen. Er war  einer der Nazis, die später leitende Funktionen ausübten. Unsere Kritik  kam damals politisch von links. Heute ist das leider anders.«

Ich las ihm die Zeilen von John Lennon vor.
»Weißt  du, dass er mit Yoko Ono einmal in Wien war? Er wurde vom jungen André  Heller auf den Wiener Zentralfriedhof geführt, sollte Schubert, den  bedeutendsten Liedermacher vor ihm, kennenlernen. Heller schmeichelte  Lennon. Dann war Lennon umgeben von den Gräbern großer Komponisten.  Mozart, Johann Strauß Vater und Sohn, Johannes Brahms, Beethoven, Gluck,  Wolf, Schönberg … Er soll ein Schuhband als Ehrerbietung auf Schuberts  Grab gelegt haben. In musikalischer Hinsicht wäre dort der Nabel der  Welt am Tag der Auferstehung, soll Heller, der Feuerkopf, noch gemeint  haben. Er war früher so narzisstisch, jetzt scheint mir, er hat die  Liebe gefunden. Hochkreativ war er immer. Vielleicht braucht es zuerst  ein großes Ego, um danach ein großer Liebender zu werden. Ach quatsch,  was red ich da? Noah, ich bin ein alter Mann. Der Wein tut sein  Übriges.«
Ich schmunzelte. »Josef, Wien ist nicht nur  hochmusikalisch, sondern auch der Nabel der Welt in punkto  Psychoanalyse, wenn ich an Freud, Adler, Frankl, Reich und so weiter  denke.« Mir wurde ganz warm vor Begeisterung. »Und nur keine  Entschuldigungen. Es ist spannend, was du erzählst. Vielleicht leuchten  jene bei der Erleuchtung am hellsten, bei denen das größte Ego zu  verbrennen ist. Die Bezeichnung Feuerkopf ist absolut passend. Würde  unsere Welt erwachen, es wäre ein Freudenfeuer, wenn man das Ego  bedenkt, das wir besitzen.«
Josef wiegte den Kopf hin und her und nippte noch einmal an seinem Wein.
»Ich  liebe William Blakes Poesie«, schwärmte ich weiter, jetzt richtig am  Lieblingsberg in Fahrt. »Kennst du Blake? Darf ich dir was vorlesen, das  zu unserem Gespräch passt?«
»Von Blake hab ich schon mal was  gehört, ist aber lange her. Nur zu, mein Lieber …« Ich kramte nach  meinem Buch und fand die passende Stelle.
»Der Stolz des  Pfaus ist der Ruhm Gottes. Die Straße der Ausschweifung führt zum Palast  der Weisheit. Die Tiger des Zorns sind weiser als die Rosse der  Belehrung.«
»Wie wahr, Noah. Für den Beruf des Lehrers sind die Worte nur etwas zu revolutionär. Woher kennst du William Blake?«
»Von John. Er scheint ihn zu lieben und nennt ihn immer wieder eine wilde Engelsseele. Ich glaube, er meint es buchstäblich.«
»Ja,  John ist ein besonderer Mann. Der das Leben bereichert, auch wenn er  schwer zu fassen ist. Schön, dass er wieder auf Besuch ist. Mir macht es  nichts, wenn ihr laut Musik hört. Ich hör nicht mehr so gut, aber was  ich höre … Tja, euer Geschmack ist nicht schlecht.«
»Und was ist mit der Zukunft, Josef?«
»Ich  mach mir Sorgen, da so viel Angst herrscht. Die einen sind gelähmt, die  anderen verlieren sich in absurden Verschwörungstheorien. Vor diesen  Leuten hab ich Angst, weil die Angst sie führt. Verstehst du?«
»Wo ist für dich der Unterschied zwischen berechtigter Kritik und Verschwörungstheorie?«
»Echte  Kritik ist konstruktiv und sucht nach Lösungen. Sie hat was Positives.  Verschwörungstheorien, Noah, die ihren Namen verdienen, suchen nicht  nach Lösungen. Sie sind negativ. Während Kritik ein System infrage  stellt, schießen sich Verschwörungstheorien auf Personen oder Gruppen  ein. Das führt zu Hass und verschlimmert die Probleme doch nur.  Natürlich darf man Personen kritisieren, aber du weißt schon, was ich  meine.« Josef nippte wieder an seinem Glas Wein.
»Umgekehrt  wird leider jede berechtigte Kritik an der vorherrschenden Meinung  sofort als Verschwörungstheorie abgetan. Die Freiheit des Diskurses ist  dadurch gefährdet. Der alte Liberalismus war offener, demokratischer und  setzte auf Vernunft. Der neue Liberalismus, wie wir ihn jetzt erleben,  setzt auf eine Cancel Culture. Er grenzt im Namen der Toleranz alles  aus, was er als intolerant diagnostiziert, und attackiert die Person  selbst. Schriftsteller, Kabarettisten, Wissenschaftler und andere  erleben das. Viele Linksliberale sind keine wagemutigen Liebenden mehr,  sie sind zu säkularen Frömmlern und Tugendwächtern mutiert. Es sind  dieselben Spießer wie damals in den Kirchen, nur ist ihre Sprache nicht  religiös, sondern wissenschaftlich gefärbt. Diese Fehlentwicklung  passiert immer wieder, wenn sich ehemalige Bewegungen mit hohem  Moralanspruch im Establishment eingenistet haben. Wir sind die Guten,  die Toleranten. Die anderen sind die Schlechten, die Intoleranten. Die  Moral ist auf unserer Seite. So ihr Schlachtruf. Sie treiben die  Intoleranz der anderen mit einer Intoleranz ihnen gegenüber aus. Das  kann nicht funktionieren.
Früher brannte man den schwarzen  Schafen das Wort ungläubig in das Fell, heutzutage das Wort  unwissenschaftlich auf die Stirn. Der neue Liberalismus ist prüde,  moralisch und lustfeindlich wie die alte Kirchenlehre. Sie geben Liebe  oder deren kleinere säkulare Schwester Toleranz vor. Im Kern sind sie  aber exklusiv. Diese scheinheilige Doppelmoral … Das führt doch in eine  geistige Zwickmühle. Man erwartet offene Räume, steht aber vor  verschlossenen Türen oder noch schlimmer: am öffentlichen Pranger.«
»Was ist dann deine Lösung, Josef?«
»Kleine  Einheiten, die miteinander kommunizieren, aber auch geschützt sind. Ich  träume von Freiräumen … Mit diesen habe ich als Lehrer gearbeitet.  Mauern können, bildlich gesprochen, trennen oder schützen. Das eine  Extrem wären kleine, getrennte Räume, die keinerlei Verbindung haben.  Das andere Extrem ist ein einziger transparenter Raum für alle.«
»Der ließe sich leicht überwachen.«
»Beide  Extreme sind unnatürlich. Meine Idee sind kommunizierende Räume. Räume,  die durch Türen verbunden sind. Es ergeben sich Nischen, sogar  Verstecke. Man darf auch mal unsichtbar sein. Hier bietet eine Mauer  sogar Freiheit und Schutz.« Mir kam die Great Green Wall Afrikas in den  Sinn, von der Franziska gesprochen hatte. Sie war transparent, bot  Schutz und Freiheit. Mauern konnten, wenn sie durchlässig waren, also  auch etwas Positives sein. »Noah, das ist meine Philosophie, und sie  gilt für mich bei der Organisation von Schulklassen oder Abteilungen bei  Firmen bis hin zu Themen, wie wir ein gemeinsames Europa mit den  Regionen gestalten. Eine Mischung aus Einheit und Vielfalt,  Individualität und Gemeinsinn.« »Gilt sie für dich auch bei Corona?«
»Ja,  auch hier brauchen wir Schutz, Differenzierung und Durchlässigkeit.  Konkret meine ich den gelungenen, fokussierten Schutz der Risikogruppen,  ohne sie wegzusperren. Zwangsschutz für alle, auch wenn sie ihn nicht  brauchen, ist gefährlich und beschneidet Grundrechte. Differenzierter  und effizienter Schutz wird in Zukunft den Unterschied machen. Ich  hoffe, dass man wieder mehr auf Differenzierung setzt. Von generellen  Lockdowns halte ich wenig, sie sind wie Breitbandantibiotika, die zu  viel kaputt machen und langfristig den ganzen Körper schwächen. Ich  hoffe, die Verantwortlichen überlegen sich konkretere Maßnahmen für die  Zukunft.«
»Hast du noch Hoffnung für die Menschheit?« »Wir  sind eine gefräßige und aggressive Art. Nachdem sich der Homo sapiens  sapiens in Europa und Asien ausgebreitet hatte, verschwanden alle  anderen existierenden Menschenarten nach und nach. Nur der moderne  Mensch blieb übrig. Am Aussterben der Megafauna und der großen Raubtiere  hatten wir auch unseren Anteil.«
»Und jetzt verlieren wir die Insekten, Josef. Mir wird schwummerig.«
»Mir  ebenso, das liegt aber auch am Wein. Die Flasche ist ja leer. Ich  verabschiede mich nun. Wenn ihr mal Hilfe braucht, ich helfe gern.«
»Josef, kennst du den Besitzer des alten Obstgartens gleich nebenan?«
»Ja, die Pfarre. Der Grund wird vielleicht an den Bärenwirt verkauft.«
»Echt? An diesen Halunken?«
»Er  will ihn für eines seiner Kinder kaufen. Einige in der Pfarre stellen  sich aber quer. Nur gibt es niemanden, der den Garten pflegen würde. Die  Leute wollen keine Verbindlichkeiten mehr eingehen.« »Der Garten wäre  für unser Wahlpflichtfach eine großartige Sache.«
Ich  erklärte Josef kurz, was wir planten. »Du, ich red mit dem  Pfarrgemeinderat. Die werden froh sein, wenn ihr die Pflege übernehmen  wollt.«
»Das klingt fantastisch. Das gibt mir Hoffnung für unser Wahlpflichtfach.«
»Und  ihr habt mir den Glauben an die heutige Jugend zurückgegeben, Noah. Ich  glaub trotz aller Befürchtungen, dass wir unsere Aggressivität und Gier  im letzten Moment noch ablegen können.«
»Josef, wegen dir  habe ich noch Hoffnung für die Alten, pardon, für die Vergangenheit.  Nein, ich meine natürlich für die Zukunft.«

Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Buchtipp!  Gerald Ehegartner: Feuer ins Herz – Wie ich lernte, mit der Angst zu  tanzen. jkamphausen 1.2021, Softcover, 368 Seiten, ISBN: 9783958835184,  20 Euro

Art. 202107, Katja Neumann, Großes Herz-Kino
Großes Herz-Kino! Unser Film des Lebens und wie wir wieder die Regie übernehmen ... von Katja Neumann
Aus  dem Universum betrachtet ist jedes Leben ein unglaublich spannender  Film – Geschichten, die nur das Leben schreiben kann. Es sind Filme,  die, wenn sie rauskommen (Mensch geboren wird) in ihrem Drehbuch noch  nicht fertig geschrieben sind. Seele reißt sich darum, für jede Rolle  mal besetzt zu werden. Wir vergessen das dann nur meist, dass wir es so  wollten, und, dass wir das Drehbuch jeden Tag umschreiben dürfen. Es ist  ja unser ganz persönlicher Film.

Die Illusion
Das  Licht geht aus, der Vorhang hoch, Knistern in der Luft, leises Murmeln  und Lachen – gespannte Stimmung und Vorfreude. Der Vorspann, die  Schauspieler, alles sehr vielversprechend. Und alles drin in der  Geschichte: ein bisschen Drama oder auch ein bisschen mehr, mindestens  eine Liebesgeschichte, nicht immer gesund, Abhängigkeiten, verletzte  Egos, Blut fließt oder doch immerhin Tränen, am Schluss liegen sich alle  in den Armen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann sind sie jetzt  noch wahnsinnig glücklich. Vorhang fällt, Tränen werden getrocknet, puh,  das ging ja noch mal gut aus. So haben wir gelernt, dass es  funktioniert, relativ eindimensional, Vorgeschichte, Drama, manchmal  Krimi, immer Abspann und am Schluss Happy End. Davor Werbung mit  langbeinigen Models, die selbst wünschten, dass sie so aussehen würden,  ganz ohne Photoshop. So. Und dann kommt das echte Leben und hat NICHTS  damit zu tun. Warum sagt einem das keiner? Dass es so nicht  funktioniert? Dass nicht der Prinz auf dem weißen Pferd (Schimmel)  vorbeigeritten kommt und Frau einfach rettet. Oder die Prinzessin auf  schwarzen Pferden (Rappen), den armen Mann hinter sich auf den Sattel  zieht und in den Sonnenuntergang reitet … wäre zeitgemäß, aber genauso  eine Illusion. Doch, ich finde das ein bisschen lustig, denn es kommt  keiner, der uns rettet.

Zum Ernst des Lebens
Wir  nehmen es ja bitter ernst, das Leben. Die Konditionierung suggeriert  uns, was wichtig ist. Und der übliche Antrieb dafür von klein auf ist  Angst. Angst vor der Mathearbeit; Angst, in der Schule nicht gemocht zu  werden; Angst, zu dick zu sein, nicht schön genug, die falsche  Markenklamotten anzuhaben, Angst, durchzufallen, den Job nicht zu  bekommen; Angst, die Eltern zu enttäuschen etc. Also strengen wir uns  an, funktionieren so gut und lange es eben geht – oder eben auch bis gar  nichts mehr geht, bis zum Totalausfall und wir zusammenklappen. Wir  vergessen dabei völlig uns selbst, dass wir hier sind, weil wir es so  wollten, in einer multidimensionalen Welt, die so viel mehr ist als  Karriere, Eigenheim und Idealgewicht. Wir sind Seelen, die Körper  bewohnen und nicht Körper mit ein bisschen Seele drin, die vor allem  nach außen schick aussehen müssen. Alleine schon unsere Anwesenheit auf  diesem schönen Planeten ist die Daseinsberechtigung an sich! Wir müssen  nicht beweisen, dass wir hier Luft wegatmen dürfen, wir müssen uns unser  Glück nicht „verdienen“.

Die andere Wahrheit
In  den alten schamanischen Völkern auf der ganzen Welt, ist jemand, der  nicht funktioniert – also vielleicht sogar überhaupt gar nicht – und so  ganz anders ist als alle anderen, nicht automatisch ein Verlierer oder  Spinner, bekommt keine psychologischen Stempel wie Bipolar, Borderline  oder ADHS etc. und wird nicht ausgesondert, medikamentös „eingestellt“  und gebrandmarkt. Im Gegenteil, sogenannte Makel, die wir hier als  solche überhaupt erst so benannt und als gültige Wahrheit deklariert  haben, werden immer ernst genommen als Zeichen der Spirits. Da die  Schamanen, Heiler und Medizinmenschen auf Zeichen, die Geister und auf  Seele hören, wird ein Mensch mit besonderen Symptomen immer in die Mitte  der Gemeinschaft genommen und oft wird erkannt, dass er nur darunter  leidet, dass er besondere Fähigkeiten besitzt, die Geister mit ihm  sprechen wollen, er aber noch nicht gelernt hat, damit umzugehen. Also  wird ihm geholfen, das zu lernen. Er bekommt eine Ausbildung als Heiler,  Seher, Schamane – was auch immer angezeigt ist von den Spirits – geht  in die Lehre und darf erfahren, dass das, was er kann, etwas Besonderes  ist und den Menschen dienen kann, genauer, sogar muss. Die Gabe, nicht  zu leben, könnte Krankheit, Wahnsinn oder sogar den Tod bedeuten. Es  entsteht also auch eine Verpflichtung den Geistern und der Gemeinschaft  gegenüber und es wird nicht nur das Ego gefüttert. Diese Verantwortung  ist heilig und wird sehr ernst genommen.
Darin steckt sehr  viel Schönes. Zum einen wird Mensch mit seinem vermeintlichen Dilemma  nicht alleine gelassen, sondern in seiner Besonderheit gefördert, zum  anderen zeigt es, dass man auf die gleiche Situation – ein Mensch  „funktioniert“ nicht – aus zwei sehr verschiedenen Sichtweisen etwas  völlig anderes machen kann. Die westliche Welt sondert aus und sperrt  weg, die alten Indigenen geben dem Rohdiamanten den Schliff, den er  braucht zum Leuchten. Und wird so ein wertvoller Bestandteil des großen  Ganzen.

Reise in dein Herz, deine Wahrheit
Wir  tragen diese Weisheit, diesen Rohdiamanten genauso in uns wie ein  Indigener in den Anden oder Tibet. Seele verlernt das nicht, die  Weisheit und Schönheit ist nur meist begraben unter Schichten von  Glaubenssätzen, Konditionierungen und Ängsten. Um uns selbst wieder zu  fühlen, herauszufinden, wer wir wirklich sind hinter all dem, was die  Dressur (das meine ich sehr ernst, dieses Wort) aus uns gemacht hat,  braucht es neben etwas Übung (Gewohnheitstier!) und Zeit, vor allem  endlich wieder den Blick nach innen.

Übung: abends im Bett
Eine  schöne Übung beziehungsweise schamanische Reise, die ich abends im Bett  und auch in meinen „Reisegruppen“ gern mache, ist die ins eigene Herz.  Ob man das jetzt Meditation oder Reise nennt, in Stille macht oder mit  Trance Trommel begleitet ist dabei einerlei. Wichtiger ist die  Regelmäßigkeit, denn es dauert ganz neurobiologisch gesprochen etwa  zwei-drei Monate, bis wir unsere Synapsen neu verschaltet haben, also  die alten inneren Kinoprogramme auf Seelenfestplatte geupdatet haben und  somit nicht immer den gleichen Film in Dauerschleife gucken müssen. Wir  sind Gewohnheitstiere – auch in unseren Dramen und Ängsten.
Ich  gehe dabei ganz bewusst mental aus meinem Kopf raus, so, als wenn eine  kleine Katja, die eben da oben im Hirnkämmerchen sitzt und alles  „zerdenkt“, aufsteht, die Wendeltreppe durch den Hals bis zum Herzen  geht – oft mit unbequemen dunklen Klamotten, schweren Schuhen und  allerlei Gepäck. Am Herzen angekommen öffnet sich das erste Tor zur  Vorkammer, die bei mir aussieht wie der Duschraum in einem schönen  Spa-Bereich, denn erst mal ist die Reinigung dran, so beladen und  verschmutzt sollte man sein Herz genauso wenig betreten wie eine Sauna.
Alles  wird abgelegt und abgestreift, Lichtduschen waschen innen wie außen  dunkle Gedanken, Ängste und Fremdenergien ab. Ich sehe gerne zu, wie die  dreckige Brühe in den Abfluss läuft, freue mich über den Ballast, der  gehen darf und die Leichtigkeit, die bleibt. Dann werde ich hergerichtet  wie eine griechische Königin, ein schönes fließendes weißes Gewand mit  Goldschnalle, ein Diadem mit einem leuchtenden Stein, der genau auf  meinem dritten Auge sitzt. Und eingehüllt in heilige Düfte darf ich dann  vor das Haupttor treten, dass sich ganz von selbst öffnet, sofern die  Frequenz stimmt. Es ist nicht schlimm, wenn man mit Trauer kommt oder  innerer Not, aber die Energie sollte rein sein und bedingungslos.
Was  sich mir dann zeigt, ist mein ganz persönliches Kino, mein Herz Raum  gleicht einem Tempel voller Natur, Wasserfälle und Tieren, mit viel Moos  auf dem Boden und einem Feuer in der Mitte, Liegeoasen an den Rändern,  wie Höhlen voller Kissen und Decken immer mit einer Öffnung nach oben,  dass man in den (Sternen)Himmel sehen kann. Es gibt große bogenförmige  Fenster ohne Glasscheiben aber mit leichten wehenden weißen Vorhängen  und einem weiten Blick in eine atemberaubende und heile Natur. Und immer  wieder Tiere. Grasende Rehe, Schmetterlinge… und natürlich meine  Krafttiere, die sich nach und nach zu mir gesellen.
Und ich  gestalte, wie ich es brauche. Manchmal ist das Feuer in der Mitte am  Anfang sehr klein, dann braucht es mehr Zuwendung oder ich rufe meine  Ahnen und/oder Herzmenschen herein. Es kann auch sein, dass jemand  anwesend ist, den ich da gerade gar nicht haben möchte – dann bitte ich  ihn zu gehen, bis alles stimmt, bis alles so ist, wie ich es brauche, um  in meiner in diesem Moment höchstmöglichen (göttlichen/universellen)  Ordnung zu sein. Den Frieden und die Dankbarkeit so lange wie möglich zu  genießen, zu verweilen, ist die Kunst. Nicht gleich weiterhuschen, wenn  alles getan ist, sondern die Schönheit aushalten, verinnerlichen –  wirklich, ja wirklich tief drinnen spüren.
Unser Hirn  unterscheidet nicht – kann nicht unterscheiden (!) ob wir uns gerade  wohl oder gar glücklich fühlen, weil etwas draußen in der alltäglichen  Wirklichkeit passiert oder nur in uns, eine nicht-alltägliche Erfahrung  ist.

„Unsere Energie folgt den Gedanken. also sieh zu, dass Deine Gedanken da sind, wo Du sein möchtest.“

Dein  Herz-Raum darf dabei so aussehen, wie Du das möchtest, nichts ist  schöner als kreativ aus dem Vollen zu schöpfen und Deine innere  Wirklichkeit zu malen. Solltest Du noch kein Krafttier haben, frag  danach, ob sich eins zeigen mag. Sie wohnen quasi in unserem Herz-Raum,  sind immer bei uns, wenn wir das möchten. Wir tragen sie in unserem  Herzen. Wenn Du Fragen hast an Verstorbene, an innere Lehrer, an Deine  Seele, dann stelle sie dort. Wenn etwas anfangs nicht so aussieht und  nicht genug Schönheit anwesend ist, dann ändere es. Wo soll sie denn  sonst anfangen, wenn nicht in Dir? Jedem Film liegt ein Drehbuch  zugrunde und in Deinem Film sollte Dir keiner mehr reinreden dürfen,  weder über Kulisse oder gar Handlung. Das haben wir lange genug  zugelassen.
Es gibt diese Tiefs und Stimmungen, da hilft kein  schlauer Ratschlag, da ist das Loch schon da und die Schnappatmung  verhindert jeden heilsamen Gedanken, und auch innere Reisen sind nicht  mehr möglich … Wer kennt das nicht?
Dann sing! Bitte. Ganz  biologisch kann das Angst-Zentrum nicht funktionieren, wenn man singt.  Es ist dann ausgeschaltet. Also egal was, aber sing.

Meine Film-, Buch- und Musikempfehlungen:
Film: „Crazywise“ von Phil Borges
Video: „60 Sekunden Lachen“  von Vera Birkenbihl
Buch: „Du bist das Placebo“ von Dr. Joe Dispenza
Buch: „Auf der Suche nach der verlorenen Seele“ von Sandra Ingerman
Mantra: „Shima“ gesungen von Deva Premal (heißt Liebe auf Hopi und das Mantra besteht aus diesem einzigen Wort)

Katja Neumann: schamanische Heilpraktikerin mit Praxis im Prenzlauer Berg, Stargarder Straße 12A
Nächster  Workshop: Schamanisches Reisen lernen, 28. August 2021, 12-16 Uhr, 80  Euro und regelmäßige offene Gruppen, Anmeldung unter Tel. 030-44715357,  info@katja-neumann.de, www.katja-neumann.de

Art. 202107, Claire, Heimische Hexenkunst
Heimische Hexenkunst ... von CLAIRE
Familien-Harmonie-Zauber
Ja, diese wunderbaren Familien in der Werbung. Ein charmanter Hauch von Chaos hier und da, aber dank Mutter, Vater und dem beworbenen Produkt sind alle rundum happy. Im echten Leben sieht das deutlich differenzierter aus. Familien bestehen nicht unbedingt aus Mutter, Vater und Kindern. Manchmal ziehen Großeltern und die Mutter die Kinder groß, es gibt alleinerziehende Väter, Regenbogenfamilien und die unterschiedlichsten Patchwork-Konstellationen. Egal, in welcher Form man Familie lebt, Spannungen lassen sich dabei nicht vermeiden. Konstruktiv genutzt können sie zum Motor wichtiger Veränderungen und Anpassungen an das werden, was die Mitglieder bewegt. Dazu muss man aber erst einmal an den Punkt kommen, wo inmitten von Spannung und Kontra der neue Weg entspringt, den man gemeinsam gehen kann.
Es geht in diesem Harmoniezauber also nicht darum, Unterschiede glattzubügeln und Spannungen unter einer erdrückenden Decke aus gespielter Harmonie zu halten. Es geht darum, sie aufzunehmen und aus ihrer Energie etwas Gutes zu machen. Die Ringelblume ist eine alte Liebeszauberpflanze und auch eine Pflanze der Übergänge. Diese Mischung macht sie zur idealen Pflanze für Familienthemen.

Für Harmonie
Wenn es bei euch gerade hoch hergeht und du den Weg zu guten Lösungen öffnen möchtest, verwende eine Kerze, die aus Bienenwachs-Waben gerollt ist. Rolle sie ein wenig auf und schiebe kleine Ringelblumenblüten-Stücke und Blütenblätter unter das Wachs. Rolle sie dann wieder zusammen und stelle sie auf einen ausreichend großen Untersetzer, durch die Kräuter wird sie nicht ganz gleichmäßig abbrennen. Entzünde die Kerze und bitte darum, dass sich gute Wege für euch finden, die aktuellen Spannungen zu lösen und in etwas Positives zu verwandeln. Lass sie in einem Zug oder in insgesamt drei oder sieben Etappen herunterbrennen.

Bleib bei diesem Zauber immer am Aktuellen dran. Versuche nicht, alle Themen unterzubringen, die es so gibt, sonst streust du die Energie zu weit und sie kann nicht mehr zielgerichtet wirken. Nimm dir das vor, was gerade so richtig querliegt. Alles andere kannst du mit einem späteren Zauber bedenken, wenn es als Thema wieder aktuell wird. Und was auch sehr wichtig ist: Diktiere keine Lösungen. Die Lösungen finden »die da oben«. Wir Menschen haben eine begrenzte Sichtweise, ganz besonders dann, wenn wir meinen, die einzig wahre Lösung zu kennen. Bleib offen, beschreibe die Ausgangslage, und bitte um den Einstieg in eine Lösung, die für alle zum Besten ist.

Gute Freunde finden
In einer Befragung unter Menschen, die für ihre internationale Firma in Deutschland arbeiten, stach ein Punkt besonders heraus. Die Befragten, die aus den unterschiedlichsten Ländern kamen, erwähnten, dass es hierzulande schwer sei, neue Freunde zu finden. Der einhellige Tenor war: Um die dreißig herum schließt sich diese Tür und man hat die Freunde, die man eben hat oder auch nicht hat. Es ist bei uns also ab einem gewissen Alter schwerer als in anderen Ländern, wirklich tiefgehende Freundschaften zu schließen, es bleiben dann eher lockere Bekanntschaften.
Dieses Problem haben nicht nur Menschen aus anderen Ländern, sondern auch wir selbst. Die Leute aus der Generation meiner Eltern haben oft ihr ganzes Leben lang am selben Ort gewohnt. Sie haben jetzt im Rentenalter teilweise noch Freude aus dem Kindergarten. Bei uns ist das deutlich unübersichtlicher, schon beim Übertritt von der Kita zum Kindergarten, dann weiter in der Schule und spätestens zu Beginn des beruflichen Weges werden Freundschaften auseinandergerissen und die Karten neu gemischt. Auch die Arbeitswelt ist nicht mehr wie damals ein Ort, an dem man ziemlich zuverlässig neue Freunde findet. Trotzdem sollte man den Kopf nicht in den Sand stecken.
Wenn zwei Menschen ähnlich ticken, wird es automatisch klick zwischen ihnen machen, und sie können den Weg in Richtung Freundschaft gehen. Es ist also wichtig, solchen Menschen über den Weg zu laufen, und da setzt der folgende Zauber an.
Du benötigst dafür drei Symbole für dich selbst, das kann zum Beispiel ein Kettenanhänger sein, dazu ein Stein, den du magst, und ein paar Kaffeebohnen, wenn du leidenschaftlich gern Kaffee trinkst. Es muss nichts Magisches oder Mystisches sein, es sollten wirklich Dinge sein, die du gern magst. Frei aus dem Bauch heraus, ohne magische oder psychologische Tiefeninterpretation. Wenn zum Beispiel Urlaub in einer bestimmten Gegend dein großes Glück ist, dann nimm eine Postkarte oder ein Foto von dort. Wenn du verrückt nach Katzen bist, ist eine kleine Plüschkatze denkbar. Lass dein Herz sprechen, es sind Dinge, die dir von selbst ein Lächeln auf die Lippen zaubern, wenn du sie anschaust.
Außerdem brauchst du eine große gelbe Kerze und Klee. Den findet man das ganze Jahr über, im Winter sogar unter dem Schnee. Der Klee – auch der dreiblättrige – ist eine alte Glückspflanze und zieht Freude, glückliche Wendungen und unverhoffte Zufälle in unser Leben.

Für neue Freunde
Befestige einige frische Kleeblätter mit etwas heißem Wachs auf der Kerze und stell sie auf einen sicheren Untersetzer. Leg oder stell die drei Gegenstände davor und entzünde die Kerze. Bitte dann um gute Freundschaften mit Menschen, die zu dir passen und mit denen es diesen verbindenden inneren Funken gibt. Lass die Kerze brennen, bis du sie nicht mehr beaufsichtigen kannst, und lösche sie dann. Du kannst sie jederzeit wieder anmachen, wenn du diesen inneren Wunsch nach Freundschaft spürst.

Alte Freundschaften neu beleben
Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum man Freunde aus den Augen verliert. Manchmal sind es unausgesprochene Dinge, die in der Luft hängen. Meist ist es einfach der hektische Alltag mit seinen zahlreichen Anforderungen. Oft versetzt man die Menschen am häufigsten, die man am liebsten mag, weil sie Verständnis dafür haben, und trifft sich stattdessen mit Leuten, die mehr Druck machen oder wo es unumgänglich ist. Hier kann das gute alte Vergissmeinnicht helfen.
Es mag sich ein wenig kitschig anhören, aber diese Pflanze kennt jeder seit Kindertagen und weiß, dass ihre blaue Farbe für die Treue steht. Solche langjährigen Prägungen sind ideale Voraussetzungen für die Magie, weil man nicht erst noch innere Verbindungen schaffen muss, sie sind schon da.

Zum Beleben alter Bande
Nimm für diesen Zauber zwei hellblaue Kerzen und ein Sträußchen Vergissmeinnicht. Die Kerzen stehen für euch beide — dich und den verlorenen Freund oder die Freundin. Stell sie links und rechts neben dem Sträußchen auf und entzünde sie. Bitte darum, dass eure Freundschaft neu belebt wird, auf eine Weise, die für euch beide gut ist. Lass die Kerzen möglichst in einem Zug herunterbrennen, ansonsten sind auch insgesamt drei Etappen denkbar. Wenn der Zauber abgeschlossen ist, geh auf die andere Person zu, melde dich bei ihr. Mit der guten Energie des Rituals im Rücken wirst du das Bestmögliche zwischen euch beiden erreichen.

Die Formulierung »auf eine Weise, die für euch beide gut ist« ist wichtig, denn man soll mit einem Zauber nicht über den Kopf von anderen hinweg arbeiten. Wenn es nicht sein soll, wenn es für die andere Seite nicht stimmig ist, dann muss der Zauber genug Luft haben, diese Möglichkeit mit zu umfassen. Betrachte ihn als eine Art Anfrage nach »oben«. Du machst dich bemerkbar und bittest um Unterstützung.

Buchauszug mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Buchtipp:
„Heimische Hexenkunst“ ist ein praktisches Handbuch für Hexen, Magier und alle, die es werden wollen. Im Gegensatz zu vielen anderen Hexenhandbüchern konzentriert sich die Autorin Claire nicht auf die Magie mit Wurzeln im angelsächsischen oder asiatischen Raum sondern auf den Wissensschatz der mitteleuropäischen Vorfahren. Denn auch im europäischen Kulturraum gab und gibt es seit vielen Jahrhunderten eine lebendige, starke magische Tradition. Diese Tradition wiederzuentdecken und für die heutige magische Praxis anwendbar zu machen, darauf liegt der Fokus von Claires neuem Buch.

CLAIRE: Heimische Hexenkunst – Die Wiederentdeckung unserer magischen Wurzeln. Das praktische Handbuch für moderne Hexen. Ansata 11.2020, Hardcover mit Schutzumschlag, 272 Seiten, 13,5 x 21,5 cm mit 8 Seiten Farbteil, ISBN: 978-3-7787-7561-5 € 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 28,90

Art. 202107, Sabine Groth; Jung im Alter
Jung sein im Alter und reif in der Jugend – Wie  wir Weisheit, Heilung und Kraft aus jeder Lebensphase schöpfen ... von  Sabine Groth
Die alterslose Frau – sie  ist geworden, wer sie ist. Jugendwahn und gängige Schönheitsideale hat  sie abgestreift wie ein zu enges Kleid. Vorbei die Zeit, in der sie sich  anpasste, um zu gefallen. Dem Mann ist sie ein gleichwertiges, aber  nicht gleiches Gegenüber. Der anderen Frau begegnet sie auf Augenhöhe,  solidarisch, loyal. Ihr Alter: wandelbar und allumfassend. Ihre  Schönheit: lebenslang. Die alterslose Frau – sie schlummert in uns. Wir  können sie erwecken.

Mein  fünfzigster Geburtstag war kein Tag wie jeder andere. Schon Monate  vorher erschien mir die Zahl 50 wie ein endgültiger Abschied von der  Jugend. Alte Vorstellungen aus meinen jungen Jahren tauchten plötzlich  wieder auf: 50 – die Zeit der Wechseljahre. Allein das Wort  »Wechseljahre« hatte bei mir früher die Befürchtung ausgelöst, dass nun  Verfall und Krankheiten mein Leben bestimmen würden. Wie sehr ich mich  irrte, sollte ich schon bald erfahren.

Die Haltung zum -Alterungs-prozess
Eine  Befragung bei Freundinnen und Frauen gleichen Alters ergab, dass viele  diese Vorstellungen und Ängste teilten. Besonders erschütternd war das  Ergebnis meiner Umfrage unter den jungen Frauen: Sie hielten die  Wechseljahre und den weiblichen Alterungsprozess für eine schleichende  Abdankung an das Leben, einen bedauernswerten, ja beinahe  mitleiderregenden Zustand. Ein gutes Leben mit faltiger Haut konnten sie  sich einfach nicht vorstellen. Einige erzählten mir, dass sie den  weiblichen Lebenslauf schlichtweg als Fehlkonstruktion empfinden.  Während sie bei Männern das graue Haar und die Falten als Zeichen von  Lebenserfahrung und Reife betrachteten, fühlten sie selbst sich dazu  aufgerufen, dem Diktat »jung um jeden Preis« zu folgen. Die Werbe- und  Kosmetikindustrie suggerieren uns täglich, dass eine Frau nur dann eine  echte und begehrenswerte Frau ist, wenn sie jung, schlank und faltenfrei  ist. Kein Wunder, dass die meisten Frauen diese abwertende Einstellung  ihrer Kultur zum weiblichen Älterwerden übernommen haben und so manch  runder Geburtstag Ängste und regelrechte Krisen unter uns Frauen  auslöst, anstatt, dass er mit Stolz und Selbstbewusstsein gefeiert wird.  Meine Umfrageergebnisse hatten mich erschüttert. Ich wollte etwas  ändern und machte mich auf die Suche nach einer hoffnungsvolleren  Einstellung zum weiblichen Lebenslauf: Die Wechseljahre als Auftakt in  ein neues Stadium zu betrachten, in dem Frauen sich noch kraftvoller,  gesünder, freier, weiser und lebendiger erleben als je zuvor. Jetzt –  jetzt erst recht! – sollte das gute Leben beginnen und weitergehen! Doch  wie können wir das erreichen? Ich begab mich auf Forschungsreise.

Jugendlich sein mit der Weisheit des Alters
Zunächst  war klar, dass es nicht nur der Traum vieler moderner Frauen, sondern  auch ein alter Menschheitstraum ist: jugendlich zu sein mit der Weisheit  des Alters. Seit jeher versuchen Menschen dem Alter ein Schnippchen zu  schlagen und Alterslosigkeit zu erlangen. Einige beziehen die  Alterslosigkeit ausschließlich auf ihren Körper. Mit Sport, der  richtigen Ernährung, Kosmetik oder chirurgischen Eingriffen versuchen  sie die Jugend zu konservieren und den Alterungsprozess hinauszuzögern.  Andere hinterfragen dagegen den Jugendwahn mit seinen Schönheitsidealen.  Sie entwickeln eigene, neue Vorstellungen von Schönheit und versuchen  die Qualitäten der verschiedenen Lebensphasen in sich zu entwickeln: die  Neugier des Kindes, die Unbeschwertheit der Jugend, die Fürsorge der  Elternschaft, die Schöpferkraft der reifen Jahre und die Weisheit der  Alten.

Reifestadien
All  diese Qualitäten stellen sich ja nicht automatisch in einem gewissen  Lebensabschnitt ein. Sie fallen nicht in einem bestimmten Alter vom  Himmel, sondern sie sind der Ausdruck unserer Reifung. Dieser  Reifungsprozess setzt bei uns allen schon in Kinder- und Jugendjahren  ein und dauert bis ins hohe Alter an. Die Reifestadien werden dabei  nicht unbedingt chronologisch erlangt. Ein Mensch kann ein Stadium schon  in jungen Jahren durchleben, ein anderer durchläuft dieses Stadium erst  im höheren Alter. So kann eine Zwanzigjährige schon die Narben einer  Achtzigjährigen davongetragen haben, und ein Achtzigjähriger kann sich  noch im seelischen Reifestadium eines jungen Mannes befinden. Kein  Reifestadium ist dem anderen übergeordnet, besser, weiter oder schöner  als das Andere, sondern jedes Stadium ist zu seiner Zeit gut und  richtig.

Ein starkes Duo: Jugend und Weisheit
In  den traditionellen Märchen und Mythen sind die junge Frau und die weise  Alte meist ein unzertrennliches Duo. Wenn eine junge Frau Kummer hat,  erscheint nur selten ein junger, holder Prinz und errettet sie aus ihrer  Not. Viel häufiger kommt eine weise, alte Frau wie aus dem Nichts  daher. Sie flüstert die wegweisenden Worte, die die junge Heldin  bedenken und deuten muss. Junge Prinzen sind demnach gut, manchmal sogar  hervorragend, aber es ist die alte Frau, die in den traditionellen  Geschichten über die entscheidenden Güter in herausfordernden  Situationen verfügt: Weisheit, Seelentiefe und Einfühlungsvermögen. Die  junge Frau dagegen besitzt Unbekümmertheit, Neugier und Kraft. Zusammen  ist dieses Duo unschlagbar und in der Lage, die Herausforderungen des  Lebens zu meistern. Dieses Jugendliche ist in allen Lebensstadien ebenso  in uns wie das weise Alte, denn wir alle stoßen immer wieder auf  Bereiche, in denen wir uns jung, unerfahren und unwissend fühlen und der  Einweihung durch einen erfahrenen Menschen bedürfen. Ebenso sitzt das  alterslose, uralte Wissen in einem Winkel unserer Seele bereit,  angezapft und befragt zu werden, um dem jüngeren Ich hilfreich,  trostspendend und klug zur Seite zu stehen und ihm beim nächsten Schritt  zu helfen.

Schritte zur Alterslosigkeit
Wie  können wir Jugend und Weisheit ganz konkret in uns vereinen? Und wie  können wir Qualitäten entfalten, die scheinbar jenseits unseres  tatsächlichen Lebensalters liegen? Menschen, die zugleich reif und  jugendlich sind, haben nach meiner Beobachtung folgende Fähigkeiten  entwickelt: Sie schulen ihre Achtsamkeit und  Wahrnehmung bezüglich ihrer jüngeren und älteren Persönlichkeitsanteile.  Sie nehmen das innere Hin- und Herwandern zwischen den verschiedenen  Altersstufen bewusst wahr. Sie finden in der aktuellen Lebensphase  Zugang zu den Qualitäten der anderen Lebensphasen. Sie können sich an  vergangene Verhaltens¬weisen, Gefühle, Fähigkeiten, Einstellungen,  Grund¬stimmungen zurückzuerinnern oder auf diese vorgreifen. Wenn sie  spüren, dass sie nicht erwachsen und angemessen auf eine Situation  reagieren, helfen ihnen die folgenden Fragen: Wie alt fühle ich mich  gerade? Was habe ich in diesem Lebensalter erlebt und gefühlt? Was hätte  ich gebraucht? Wie habe ich ein ähnliches Problem in der Vergangenheit  bewältigt? Möchte ich heute eine andere Lösung dafür finden? Welche  Qualität meines jüngeren Ich kann mir bei der Lösung dieses Problems  helfen? Welche Botschaft hätte mein jüngeres Selbst für mich? Was würde  mein älteres, weiseres Ich zu der aktuellen Situation sagen? Sie  entfalten die positiven Qualitäten einer jeden Altersstufe, integrieren  sie in ihr jetziges Ich und nutzen die Qualitäten ihrer jüngeren und  älteren Persönlichkeitsanteile, um ihre aktuellen Herausforderungen zu  meistern.

Meine Forschungsreise:
Während  meiner Forschungsreise begann ich mich und mein Leben zu verändern:  Verschiedene, widersprüchliche Anteile von mir, wie Verletzlichkeit und  Stärke, Mut und Vorsicht konnten integriert werden. Überholte  Gedankenmuster, wie „Dafür bin ich schon zu alt.“ oder „Dafür bin ich  noch zu jung.“ konnte ich ziehen lassen. Ich habe belastende Beziehungen  verändert, den Wohnbereich verschönert und den Arbeitsbereich meinen  neuen Bedürfnissen und Visionen entsprechend gestaltet. Nichts ist  geblieben wie es war. Diese Reise war kein bequemer, aber ein  aufregender, verjüngender und gleichzeitig reifender Prozess. Ich  befinde mich in der letzten Phase der Mutterschaft und der Wechseljahre,  doch sind durch den Prozess des Forschens alle Lebensphasen in mir  näher zusammengerückt. Ich spüre das kleine Mädchen in mir ebenso wie  die alte Weise und auch die junge Frau. Ich erkenne viel schneller, in  welchem Alterszustand ich mich gerade befinde. Mitunter brauche ich nur  einen gewissen Tonfall von meinem Liebsten zu hören, und schon spüre ich  das verletzte Mädchen in mir. Mal reicht ein vielsagender Blick, und  ich werde zum errötenden Teenager. Mal bin ich junge, sinnliche  Geliebte, mal fürsorgliche Mutter und mal die weise Alte, die sich  darüber wundert, inmitten des banalen Alltagstrubels etwas so Kluges  gesagt zu haben. In uns allen lebt das Kleine, das Junge, das Reife und  das Alte, und wir bewegen uns leichtfüßig zwischen den Altersstufen und  Zeiten hin und her, als wandelten wir von einem Raum in den anderen. Wir  sind nicht »Entweder jung oder alt« sondern in vielerlei Hinsicht  »Sowohl jung als auch alt«. Diese Form der Alterslosigkeit schlummert in  jeder von uns. Warum erwecken wir sie nicht?

Der  Artikel enthält Auszüge aus dem neuesten Buch von Sabine Groth: „Jede  Zeit ist deine Zeit: Wie Frauen Weisheit, Heilung und Kraft aus jeder  Lebensphase schöpfen“ erschien im März 2021 im Verlag Neue Erde

Sabine  Groth ist Körperpsychotherapeutin, Paartherapeutin, Seminarleiterin und  Autorin. Sie bietet Jahrestrainings und Seminare für Frauen,  Paartrainings, Einzeltherapie, Paartherapie und -beratung an. Gemeinsam  mit ihrer Kollegin Johanna Fröhlich Zapata hat sie die Feministische  Coaching Akademie gegründet.
Nächste  Seminarstarts 2021: 3.11. Frauentraining; 13.11. Paartraining; 26.11.  Feministische Coaching Ausbildung, Info und Kontakt unter: Tel. 0159-014  628 15 oder im Internet unter www.sabine-groth.com

Art. 202107, Peter Maier, Schulen in Coronazeiten
Schulen in der Coronakrise: Warum Empathie von Pädagogen gerade heute so wichtig ist ... von Peter Maier
Zurzeit dreht sich in der Schule alles um Corona und um die dadurch bedingten Umstände: Maskenpflicht, Hygienekonzept, Abstandsregelungen, Digitalisierung, Homeschooling/Distanzunterricht, Bereitstellung von genügend Tabletts, funktionierendes Internet usw. Es geht darum, die Schulen irgendwie am Laufen zu halten und eine Schulschließung möglichst zu vermeiden. Ich habe großen Respekt vor allen Schülern und Lehrern*, die unter diesen schwierigen, sich täglich oder wöchentlich verändernden Bedingungen lernen und lehren müssen. Es ist eine schwere Zeit ...
Was aber in dieser ganzen Aufregung vollkommen auf der Strecke bleibt, ist die eigentliche Pädagogik, die auch in Corona-Zeiten eine Bindungsbildung bleiben muss. Die Pädagogik sollte stets ein doppeltes Ziel verfolgen: Den Schülern einerseits Fachwissen und Kompetenzen zu vermitteln (Bildungsziel I) und sie zugleich bei ihrem Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, Charakter- und Herzensbildung sowie in der Werterziehung zu begleiten – auf ihrem Weg durch ihre Pubertät hin zum Erwachsenwerden (Bildungsziel II). Darin sehe ich unsere eigentliche pädagogische Aufgabe als Lehrer, auch wenn diese nicht so leicht greifbar und messbar ist wie etwa die Versorgung jedes Schülers mit einem neuen Tablett.

Digitalisierung versus Pädagogik?
Was bei der gegenwärtigen Schul-Diskussion jedoch leicht übersehen wird: Unsere Schüler sind eben keine kalten, digitalisierten, nur „hirnig“ ausgerichteten Lernroboter, sondern Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung: in ihrer bisweilen mühsamen und langwierigen Persönlichkeitsbildung. Und das in Zeiten einer als immer unsicherer empfundenen globalisierten Welt, die von Terrorangst, Handelskriegen, einem sich völlig egozentrisch gebärdenden Donald Trump, von der berechtigten Angst ums Weltklima und eben vom Coronavirus beherrscht wird.
Natürlich wird von uns Lehrern erwartet, dass wir uns der digitalen Entwicklung an den Schulen stellen und die uns anvertrauten Schüler Wissens-fit und Technik-kompetent für die Zukunft in einer sich immer schneller drehenden Welt machen – auch in der Coronakrise, in der die Digitalisierung durch die Notwendigkeit des Homeschooling gerade einen kräftigen Schub nach vorne erfährt. Es gibt immer mehr Stimmen aus der Wirtschaft und der Politik, die die Coronakrise deshalb letztlich sogar als Glücksfall oder zumindest als Ereignis mit unerwartet positivem Nebeneffekt sehen wollen. Als Pädagoge mit 40-jähriger Berufserfahrung möchte ich jedoch einen leidenschaftlichen Appell an meine Lehrer-Kollegen, sowie an alle Bildungspolitiker und „Lehrplan-Macher“ richten: „Vergesst jetzt die Pädagogik nicht!“
Der Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg und Bildungsforscher Professor Dr. Klaus Zierer argumentiert aufgrund vieler Forschungsergebnisse gegenüber diesem falschen Optimismus bezüglich der Digitalisierung in Politik und Wirtschaftskreisen so: „Digitale Technik allein verbessert den Unterricht nicht … Wenn man angesichts von mehr als 40-jähriger Forschung zum Einsatz von digitalen Medien und dem damit verbundenen Ergebnis, dass sie nicht von sich aus wirken, immer noch glauben kann, dass sie Bildungsrevolutionen auslösen oder in Krisenzeiten zum Heilsbringer avancieren, zeugt von pädagogischer Naivität.“  Das gilt auch in der jetzigen Coronakrise.
Nach Dr. Zierer hat der Digitalisierungsschub in Folge von Corona tatsächlich zu einer Transformation von Schule geführt, jedoch eher in eine negative Richtung. Denn die Schule ist heute seiner Ansicht nach kein Bildungsort mehr, sondern zu einem bloßen Lernort verkümmert, an dem nur noch das unterrichtet wird, was von ökonomischem Interesse ist. Der musische Bereich geht gerade völlig unter, und wir steuern nicht nur aus diesem Grund auf eine neue Bildungskatastrophe zu.

Weiche Faktoren in der Pädagogik bleiben gefragt?
Man lügt sich auch rein pädagogisch in die Tasche, wenn man in der Digitalisierung – in Smartboards für jedes Klassenzimmer, in Tablets für alle Lehrer und Schüler und in gut funktionierenden Lernplattformen in allen Schulen – das Allheilmittel der Pädagogik und die Zukunft von Schule sieht. Die Coronakrise macht uns gerade sehr deutlich, worum es in der schulischen Erziehung stets gehen muss. Im Zentrum unseres pädagogischen Denkens darf nicht die Frage stehen: „Haben wir ausreichend Tablets? Sondern die pädagogische Frage schlechthin: Wer ist der Mensch?“  
Gerade jetzt in der Coronakrise sind „weiche“ Faktoren in der Pädagogik mehr gefragt denn je. Darunter verstehe ich vor allem „Soft Skills“ wie Mitgefühl, Liebe und Empathie unseren Schülern gegenüber. Diese Eigenschaften sind entscheidend, auch wenn sie schlecht messbar und schon gar nicht operationalisierbar sind.

Gerade in uns Lehrern suchen die Schüler einen Menschen,
  • der ihnen neben der Wissensvermittlung Orientierung gibt – auf ihrem Weg durch die Pubertät und hin zum Erwachsensein;
  • der ihnen notwendige Grenzen setzt und Leitplanken bietet, wenn sie über das Ziel hinausschießen;
  • der Geduld und Mitgefühl zeigt, wenn sie Probleme haben – etwa weil sich die Eltern gerade trennen, eine Beziehung zerbrochen ist, Opa oder Oma gestorben sind oder weil sich ein schulischer Misserfolg eingestellt hat;
  • der sie – einem Magier gleich – immer wieder durch seine Fächer, Themen und Projekte begeistern, aufbauen und vor allem emotional erreichen kann;
  • der auch im digitalen Zeitalter die Einstellung beherzigt: „Erziehung durch Beziehung“;
  • der eben Empathie-fähig ist, einen guten Draht zu ihnen hat, und der ihnen in unserer schnelllebigen Zeit ein Anker ist, an dem sie sich immer festhalten können.

Kurzum: Unsere Schüler brauchen im Lehrer vor allem einen Menschen, der ihnen im Klassenzimmer gegenüber steht, der sie liebt, sie als Individuen wahrnimmt, ihnen zugewandt ist und ihnen Mut macht. Diese Einstellung ist umso wichtiger in Zeiten des „digitalen Klassenzimmers“ wie jetzt in der Coronakrise während des Lockdowns (also bei Homeschooling/Distanzunterricht). Dr. Zierer folgert daher in diesem Zusammenhang: „Wer aus pädagogischer Sicht erfolgreich durch die Krise kommen und vor allem auch aus der Krise lernen möchte, der muss für eine Rehumanisierung der Schule eintreten.“

Julia fühlt sich betrogen
Was damit gemeint sein könnte, wird deutlich, wenn wir eine Stimme einer Betroffenen hören: Julia, 17 Jahre, Schülerin eines Münchner Gymnasiums, gehört dem Abitur-Jahrgang 2019/21 an und will heuer das Abitur absolvieren. Nach einem Beschluss der Kultusminister-Konferenz wird es trotz Corona ein Abitur geben. Gott sei Dank! Aber Julia fühlt sich – so wie viele ihrer KollegInnen auch – um ihre Oberstufe betrogen. Denn sie war im März 2019 gerade am Beginn ihres zweiten Semesters, als die Krise hereinbrach. Das zweite, dritte und vierte Semester konnte und kann nur unter Corona-Bedingungen stattfinden – mit Lockdowns, Home-schooling, im Distanzunterricht und mit einschneidenden Maßnahmen, falls Unterricht (etwa in Halbkursen mit Maskenpflicht) an der Schule überhaupt erlaubt ist und über die Bühne gehen kann.

Julia vermisst schmerzlich:
  • den natürlichen sozialen Austausch mit ihren MitschülerInnen;
  • die Diskussionen in den Unterrichtsstunden; denn für sie ereignet sich Wissenszuwachs nicht im bloßen Büffeln zu Hause, sondern im lebendigen Unterrichtsgespräch;
  • Exkursionen und Studienfahrten;
  • die Feste und Feiern während des Schuljahres: Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, Abiturstreich, Abiturfeier und Abiturball, Vorträge von externen Gästen, Vollversammlungen des ganzen Abiturkurses usw.;
  • die Pausen und Freistunden während eines Schulvormittags, in dem zwanglose Kontakte geknüpft, Absprachen auf dem kürzesten Kommunikationsweg geschehen können und in der Schulmensa gemeinsam das Mittagsmahl eingenommen werden kann;
  • überhaupt das Grundgefühl, in ihrer Schule wirklich zu Hause zu sein.

Dies alles und noch vieles mehr macht für sie das Schulleben aus. Das, worum es Julia geht, drückt Dr. Zierer verallgemeinert so aus: „Schule ist nicht nur Lernort, sondern Lebensraum. Dazu gehört der soziale Austausch und deswegen auch das soziale Lernen. Der wichtigste Grund für Schüler, in die Schule zu gehen, ist nicht das Lernen – es sind die Gleichaltrigen.“
John Hattie macht Mut in der Krise und weitet den pädagogischen Blick
Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie erfährt gerade durch die Coronakrise die volle Bestätigung seiner Forschungsergebnisse (Auswertung von 800 Meta-Analysen), die er in seinem Aufsehen erregenden Buch „Visible Learning“ ... (zu Deutsch „Lernen sichtbar machen“) dargelegt hat. Denn sein bereits 2013 in deutscher Übersetzung erschienenes Werk hat den Anspruch, die wichtigste Frage aller Bildungsforschung umfassend zu beantworten: Was ist guter und effektiver Unterricht?
John Hattie konnte diese Frage beantworten, weil er den verschiedenen Unterrichtsmethoden und Lernbedingungen Einflussfaktoren zuordnete, die er als „Effektstärken“ bezeichnete. Mit diesen insgesamt 138 Effektstärken konnte er ein Ranking aller für den Lernerfolg wichtigen Einflussfaktoren erstellen. Diese geben einen wirklich interessanten Hinweis darauf, welche von ihnen für sich genommen das Lernen hemmen und welche es fördern. Die Hattie-Studie ergab: „Was Schüler lernen, bestimmt der einzelne Pädagoge. Alle anderen Einflussfaktoren – die materiellen Rahmenbedingungen, die Schulformen oder spezielle Lernmethoden – sind dagegen zweitrangig. Auf den guten Lehrer kommt es also an.“
Interessant ist diese Studie gerade jetzt in Corona-Zeiten. Denn im Ranking der Effektstärken (auch „Hattie-Faktoren“ genannt) nehmen die „Klarheit der Lehrperson“ und die „Lehrer-Schüler-Beziehung mit Platz 8 und Platz 11 somit ganz vordere Plätze ein, die „Klassenführung“ immerhin noch Platz 42. Hattie selbst sagt dazu: „Die Wirksamkeit der positiven Lehrer-Schüler-Beziehung ist entscheidend dafür, dass Lernen stattfinden kann. Zu dieser Beziehung gehört, dass den Lernenden gezeigt wird, dass den Lehrpersonen ihr Lernen als Schülerinnen bzw. Schülern wichtig ist. Dann werden die Kräfte zur Entwicklung eines wärmenden sozio-emotionalen Klimas im Klassenzimmer, das fördernde Bemühen und damit das Engagement für alle Lernenden aktiviert.“
Daran kann man sehen, wie der ganze Lernprozess während des Distanzunterrichts leidet – ja leiden muss. Denn die gleiche Hattie-Studie offenbart auch, was gerade von Außenstehenden bisweilen so hochgepriesen wird: die Bedeutung der Digitalisierung und des Homeschooling. Im Ranking der 138 Hattie-Faktoren bekommt der „computergestützte Unterricht“ als Effektstärke lediglich Platz 71, die im Homeschooling vielbeschworene Individualisierung Platz 100 und das „Webbasierte Lernen“ (Nutzung des Internets) nur Platz 112.
Kommen wir zum Schluss der Diskussion. John Hattie belegt wissenschaftlich, was viele Lehrer tief in ihrem „Pädagogen-Herzen“ längst wissen: Schulische Erziehung geht nur über eine lebendige Beziehung zwischen Schülern und Lehrern.
Der Digitalisierung sei Dank, dass Schule derzeit überhaupt stattfinden kann. Dies sollte man durchaus würdigen. Aber allen muss klar sein, dass der momentane digitalisierte Distanzunterricht nur einen „Notfall von Schule“ darstellen kann. Dieser sollte vor dem Hintergrund dieser Ausführungen niemals beschönigt werden.

Ich kann nur allen Beteiligten wünschen, dass die Coronakrise bald abebbt. Was man noch vor einem guten Jahr nicht für möglich gehalten hätte: Die meisten Schüler sehnen sich jetzt nach einem normalen Schulbetrieb und wollen wieder gerne in die Schule gehen – zurecht.

Angaben zu zitierten Aussagen:
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Peter Maier (Autor) ist Lehrer für Physik und Spiritualität. Literatur von Peter Maier: „Heilung – Initiation ins Göttliche“, Epubli Berlin, ET 2016, 2. Auflage 2020, Softcover: ISBN 978-3-95645-313-7; 18,99 Euro, eBook: ISBN: 978-3-752956-91-7; 11,99 Euro

Lesetipp:
Neuestes Buch von Peter Maier: „Heilung – Plädoyer für eine integrative Medizin“, Epubli Berlin, ET 6.2020, Softcover: ISBN 978-3-752953-99-2; 18,99 Euro, eBook: ISBN: 978-3-752952-75-9; 12,99 Euro
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