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Artikel aus der Ausgabe 7/8-2026 - KGS Berlin - Körper Geist Seele

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Artikel aus der Ausgabe 7/8-2026

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Die Lebensmitte ... von Wolf Sugata Schneider

Das Leben kommt erst noch. Was ich jetzt erlebe, ist die Vorbereitung auf das richtige Leben. Bis mir bei einem Satz von Kurt Tucholsky dämmerte, dass das ein Irrtum war, ein Aufschieben auf später. "Erwarte nichts: Heute, das ist dein Leben". Diese Einsicht hatte er 1931 in der Weltbühne veröffentlicht. Er, der politische Autor, eine der schärfsten Federn der Weimarer Republik, jeglicher spirituellen Blase unverdächtig, hatte das gesagt. Als ich das las, war ich 20 oder 21 Jahre alt und Student in München. Irgendwie schien er damit recht zu haben, dass das richtige Leben nicht erst irgendwann später beginnt, wenn wir werdenden Menschen dazu bereit sind oder gelernt haben, damit umzugehen. Das richtige Leben geschieht schon jetzt, und wir sind mitten drin.

Die Erwartungen bröckeln
Vielen Menschen kommt diese Einsicht erst später im Leben. Auch der so lebenskluge Tucholsky war schon 40 Jahre alt, als der das schrieb. Damals muss ihm außerdem klar gewesen sein, dass der aufkommende Faschismus in Deutschland kaum mehr aufzuhalten war und sein Lebenswerk, eben dies zu verhindern, womöglich gescheitert war. Vielen Menschen dämmern solche Einsichten erst dann, wenn ihre Karriere-Erwartungen erste Rückschläge erleiden. Wenn ihre Prio-Beziehung nicht mehr so leuchtet wie am Anfang oder die Kinder "ausm Haus" sind, mit deren Erziehung man so beschäftigt war. Nun lassen sich die großen Fragen nicht mehr zurückhalten: Warum mache ich das alles? Was hat das für einen Sinn? "Krise, oh Krise, ik hör dir trapsen" - aber das Lied, das die Nachtigall da singt, ist nicht schön.

Midlife-Krise
Für psychisch intakt aufwachsende Menschen beginnt das Erwachsensein irgendwann zwischen 18 und 25. Aber wer ist schon psychisch intakt? Bei manchen beginnt es nie. Das sich dem Erwachsensein-Verweigern passiert bei Individuen - es kann aber auch ganze Kollektive befallen. Europäische Beobachter des Zeitgeschehens haben die USA die Nation der ewig Pubertierenden genannt. Heute, in Zeiten des Verfalls dieser Weltmacht, verhalten sich aber auch europäische Politiker manchmal wie Pubertierende - Mark Ruttes "Papa Trump"-Anrede, mit der der NATO-Generalsekretär die Erpressung durch Trumps Zollpolitik verhindern wollte, wurde als Arschkriecherei interpretiert. Auch Selbstrespekt gehört zum Erwachsensein.

Einen Spielraum gibt es immer
Wann sind wir denn erwachsen? Wir sind es, wenn wir checken, dass wir die Verantwortung für unser eigenes Leben tragen. Anderen die Schuld zu geben an dem, was misslingt, hilft nicht aus der Patsche. Einen Spielraum für eigenen Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens und der Welt gibt es immer. Wer Kriegsgefangenschaft, Psychofolter, gar ein KZ psychisch ungebrochen überlebt hat, weiß wie eng dieser Spielraum sein kann, aber auch, dass es ihn immer gibt. Auch wenn es nur die Wahl ist, an welcher Wand unseres Gefängnisses wir ein Zeichen der Hoffnung einritzen können - wir haben die Wahl. Sie zu nutzen, würdigt uns auch in sehr begrenzten Umständen. Viktor Frankl, Nelson Mandela, Jaques Lusseyran und Primo Levi ist das gelungen.

Die kritische Chance
Genau genommen befinden wir uns als verantwortungsbewusste Menschen immer sowohl in einer Krise als auch in einer verheißungsvollen Situation. Die Ich-Identität ist ein sich wandelndes Narrativ. An dessen epischer Struktur können wir als selbstbewusste Schöpfer unseres Lebensweges immerhin ein bisschen mitarbeiten. Anatta nannte es der Buddha - das Selbst ist eine Fiktion. Als Work in progress ist sie zugleich Krise und Chance. Für Optimisten ist jede aktuelle Situation eine Chance, für Pessimisten ist sie eine Krise. So ist es eben im Menschenleben. Es hat uns ja niemand einen Rosengarten versprochen, wie der Buchtitel von Hannah Green von 1964 suggerierte. Der wurde nicht zufällig zum geflügelten Wort. Ernüchterung, das Landen auf dem Boden der Tatsachen, das kennen wir alle. Nach der Krise stehen wir wieder auf und machen weiter - vielleicht gereift, vielleicht mit Blessuren, die noch heilen müssen, aber wir machen weiter.

Erwachen als Konversion
Setzt diese Ernüchterung ein Aufwachen voraus? Was ist überhaupt mit Aufwachen gemeint? Aus einem Nachttraum kann man aufwachen, soweit klar. Tagsüber auch aus einer Illusion. Was aber ist mit dem Aufwachen gemeint, das so viele spirituelle Wege anpreisen? Im Advaita ist damit das Erwachen aus der Illusion der Getrenntheit gemeint. Im Buddhismus das Erkennen, dass das Ich eine Fiktion ist und das Anhaften an dieser Fiktion (des Ego) die Ursache des Leidens ist. Die Zeugen Jehovas jedoch meinen mit Erwachen das Hinüberwechseln in ihr Weltbild, also das Gewinnen der Überzeugung, dass das alte Weltbild des Noch-nicht-Konvertierten das falsche war, das neue hingegen das richtige ist. Auch Advaitis und Buddhisten tappen oft in die Falle, mit dem Hinüberwechseln in ihren neu gewonnenen Heilsweg nur ein neues mentales Gefängnis erworben zu haben. Auch wenn es nun schöner tapeziert ist, ein Gefängnis ist es noch immer.

In der Mitte sein
Solchen Fallen können wir entgehen, indem wir uns in die Mitte begeben. Das ist einerseits die Mitte zwischen Geburt und Tod, also eine zeitliche Mitte. Egal, ob wir von diesem Weg erst ein Drittel abgeschritten haben oder schon fast den ganzen - wann er aufhört, wissen wir ja nicht. Andererseits ist damit etwas Räumliches gemeint, unser Hara oder Dantien, die Körpermitte - noch weiter gefasst: die Mitte des Universums, in der Shiva Nataraj, der König der Tänzer, seinen Tanz aufführt, der das ganze Universum repräsentiert. Als solche Tänzer stehen wir zwischen Vergangenheit und Zukunft immer in der Mitte der Zeit. Als uns im Raum Orientierende auch immer in der Mitte des Raums. Sowohl in der Mitte unseres Innenraums wie der des Weltraums, dessen Peripherie ja 13,7 Milliarden Jahre von uns entfernt ist, zeitlich wie räumlich. Noch abstrakter gedacht stehen wir auch zwischen dem Relativen und dem Absoluten in der Mitte - oder, wie Siegfried Essen es in seinen Aufstellungen erfahrbar macht zwischen dem Ich und dem Selbst.

Die weibliche Hälfte der Menschheit
Zu Shiva Nataraj sollte sich übrigens auch Shakti Natarani gesellen, denn auch die weibliche Hälfte der Menschheit ist imstande, um ihre Mitte zu tanzen. Warum haben die Yogazentren, deren Besucher doch zu zwei Drittel weiblich sind, keine Shakti Natarani Figuren dort stehen? Und wo bleibt die weibliche Buddhafigur? Auch in den Regionen tiefster Religiosität ist das Patriarchat offenbar noch nicht zu Ende. Es hätte wohl auch eine Muttergöttin, wie ich sie mir vorstelle, in ihrer allumfassenden Güte nicht ihre Mensch gewordene Tochter am Kreuz sterben lassen, um so uns sündhaft gewordenen Menschen zu erlösen.

Die Vertikale
Aufzuwachen im spirituellen Sinn ist jedenfalls kein biografisches Ereignis, vor dem es den Zustand der geistigen Umnachtung gab und danach bis zum Lebensende den des Erwachtseins. Eher ist es ein Ankommen in dem, was schon immer da war und gar nicht geändert werden muss, es muss nur aufgedeckt werden. Die Einteilung in vorher und nachher ist eine lineare. Das wird diesem Ereignis nicht gerecht. Vielmehr ist ein solches Aufwachen die Erkenntnis der Zeitlosigkeit als einer Tatsache, die schon immer da war und nie enden wird. Dieses Eintauchen ist jederzeit möglich, nicht erst in der Mitte unseres Lebens zwischen Geburt und Tod. Solch ein Aufwachen einmal erlebt zu haben, lässt sich zwar nie wieder löschen. Wenn das Alltägliche uns zu sehr gefangen hält, verblasst das Bewusstsein der Geborgenheit in der ewigen Gegenwart jedoch, ebenso wie das Wissen, dass diese Präsenz sowohl unerreichbar wie unvermeidbar ist.



Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. 1985-2015. Hrsg. der Zeitschrift Connection. Autor von »Sei dir selbst ein Witz« (2022). www.connection.de, www.bewusstseinserheiterung.info, www.ankommen.website

Hinweis zum Artikelbild: © Mitmachfoto – AdobeStock



Midlife-Krise oder Awakening-Chance? ... von Bianka Maria Seidl

Die Initiation in der Lebensmitte - Warum das Ende des Funktionierens der Anfang echter Freiheit ist.

Wenn die Lebensmitte anklopft, fühlen sich viele Frauen wie in einem Haus, das zu eng geworden ist. Die Rollen als Mutter, Partnerin oder Leistungsträgerin wirken plötzlich wie Masken, die die Luft zum Atmen nehmen. Doch was wir oft als beängstigende Midlife-Krise bezeichnen, ist in Wahrheit eine Chance zu einer heiligen Initiation.

Zu viel äußere Aktivität - zu wenig innerer Raum
Es gibt einen Moment im Leben vieler Frauen, der sich schleichend angekündigt - und irgendwann nicht mehr ignoriert werden kann. Der gewohnte Antrieb fehlt. Die Dinge, die früher mit Leichtigkeit von der Hand gingen, kosten plötzlich Kraft. Der Alltag läuft - und trotzdem ist da eine innere Lustlosigkeit, die sich wie ein grauer Schleier über alles legt.
Viele Frauen erlauben sich diese Unzufriedenheit nicht einmal. Denn eigentlich haben sie doch alles und müssten zufrieden sein. Also wird weitergemacht, optimiert und diszipliniert. Der innere Einbruch wird als Fehler im System, vielleicht sogar als Krankheit interpretiert. Und wieder andere spüren neben der Erschöpfung noch etwas anderes: einen Hunger. Nach mehr Lebendigkeit. Nach mehr Echtheit. Nach mehr von dem, was bislang zu kurz gekommen ist. Dieser Hunger ist kein Zeichen von Undankbarkeit oder Versagen. Er ist der Ruf der Seele - nach Neuausrichtung - nach innen.

Midlife-Krise oder Initiation? Eine Frage der Blickrichtung
Das Wort Krise ist nicht neutral. Es ist ein Urteil. Sobald wir das, was in der Lebensmitte geschieht, als Krise benennen, wird die Frau zum Opfer der Umstände. Sie erträgt. Sie wartet. Sie hält aus. Sie findet sich ab, wie so viele vor ihr es getan haben. Diese Haltung führt in eine Verfallsspirale. Sie lässt uns schneller altern und oftmals dem Leben gegenüber verbittert werden. Initiation hingegen öffnet einen Raum. In schamanischen Traditionen ist Initiation das bewusste Betreten einer neuen Ebene des Bewusstseins - besiegelt durch Prüfungen, tiefe Erkenntnis und innere Reife. Er öffnet sich, weil die Frau bereit ist. Weil eine entsprechende Reife vorliegt. Initiation in der Lebensmitte ist eine Einweihung in das Echte und Wahre. Dies bedeutet: kein Ertragen und Aushalten mehr, stattdessen sich bewusst für die schöpferische Kraft der Seele zu öffnen. Die Frau hört auf, Opfer zu sein. Sie wird Schöpferin. Das Bild, das mir dabei am tiefsten erscheint: Die Raupe im Kokon glaubt, das Ende sei gekommen. Alles Vertraute löst sich auf. Was sie nicht weiß: Sie ist mitten in ihrer Metamorphose. Der schlüpfende Schmetterling betritt nicht das Ende - er betritt den Anfang. Tod und Geburt liegen so nah beieinander, dass sie sich gegenseitig bedingen.
Vor vielen Jahren, als ich mehrere Wochen mit dem Schamanen Don Juan in den Anden Perus unterwegs war, sagte er mir mit einem verschmitzten Lächeln: "It's only the beginning." Damals konnte ich die Wahrheit darin noch nicht in ihrer Gänze erfassen. Heute spüre ich sie jeden Tag. Und lebe sie mit jedem Atemzug.

Die "Heilige Pause" ist kein Fehler im System
In der Lebensmitte zeigt sich diese Übergangsphase oft als fehlender Antrieb, als Erschöpfung, die keine Auszeit zu heilen vermag oder als Lustlosigkeit, die den Verstand in Alarmbereitschaft versetzt. Was wirklich geschieht, ist eine innere Umstellung - eine Umverteilung der Energie. Der bisherige Treibstoff, aus dem Streben nach Bestätigung im Außen, ist verbraucht. Das Gefäß muss erst vollständig geleert werden, damit das Echte Raum einnehmen kann.
Doch genau hier beobachte ich immer wieder: Die Störung des Gewohnten wird oftmals als medizinisches Problem interpretiert. Frauen gehen zum Arzt und häufig wird eine Diagnose gestellt, die das, was eigentlich eine evolutionäre Systemumstellung ist, als Krankheit rahmt. Wenn dieser Ruf mit Medikamenten gedämpft wird, wird oft jener innere Prozess unterbunden, der sich entfalten will. Was, wenn das, was sich wie eine Störung anfühlt, in Wahrheit eine Einladung ist?
In der "Heiligen Pause" übergibt das Ego-ICH seinen Platz auf dem Thron - das Zepter geht über an die SEELE und an das SELBST. Dieser Übergang ist nicht laut. Er fragt nicht: Was muss ich tun, um zu beeindrucken? - sondern: Was will sich durch mich ausdrücken?

Was das Zwiebelprinzip mit der Selbstwerdung zu tun hat
Selbstwerdung ist kein linearer Weg. Ähnlich wie bei einer Zwiebel wird Schicht für Schicht abgetragen. Erst dann offenbart sich der Kern, der vorher eingewickelt war. In der ersten Lebenshälfte lag der Fokus im Außen. Es galt, den eigenen Platz in der Welt zu finden. Die innere Arbeit dieser Phase entsprach mehr einer Oberflächenbehandlung. Es brachte Erleichterung. Entspannung und das Ablegen mancher Last. In der zweiten Lebenshälfte verändert sich die Qualität grundlegend. Was ich heute in der Tiefe erlebe, ist ein tiefes Berührtsein - von mir selbst. Gefühle aus einer Tiefe, die ich nicht hätte erahnen können. Eine Dimension des Erlebens, die vorher schlicht nicht zugänglich war. Was diese Tiefe öffnet, ist keine Technik. Es ist die jahrelange Praxis des Mit-sich-Seins. Die Meditation als Selbstanbindung - nicht als Entspannungsmethode. Als Training des Gewahrseins. Irgendwann, wenn genug inneres Licht vorhanden ist, zeigt sich die Wahrheit. "Und es ist immer die Wahrheit, die berührt bis ins Mark."
Der Schlüssel liegt darin, die erfahrene Stille nicht zu verlassen, wenn die Augen sich öffnen. Den geweiteten inneren Raum mitten im Alltag zu bewahren. Vor einer Entscheidung: innehalten und nachspüren. Der weite innere Raum schenkt die Wahlfreiheit zwischen Reaktion und Aktion. Und jedes Mal, wenn ein altes Muster bewusst umgangen wird - mit einem inneren Siegeslächeln anerkennen: "Gelernt! Das brauche ich nicht mehr."

Das ICH und sein Korsett - der Schein eines Selbst
Das ICH ist unsere konditionierte Persönlichkeit. Von Kindheit an haben wir gelernt, welche Seiten von uns willkommen sind - und welche nicht. Die unerwünschten Seiten wanderten ins Unterbewusstsein. Was übrig blieb, ist eine Persönlichkeit, die funktioniert - die Erwartungen erfüllt und dabei vergessen hat, wer sie wirklich ist. Das ICH ist nicht böse. Es hat uns beschützt. Es hat uns einen Platz in der Welt gesichert. Aber es ist nicht vollständig. Es trägt eine Maske - die Persona. Das ICH ist letztendlich nur ein Konstrukt. Der Schein eines Selbst, der nie echt und wahr war. Wann wird das Korsett zu eng? Das ist von Frau zu Frau verschieden. Wer die inneren Signale lange übergeht, wird früher oder später körperliche Reaktionen erleben. Und manchmal greift das Leben selbst ein. 2022 war mein Kalender prall voll. Ich lebte meine Berufung - und hatte dabei langsam den Kontakt zu meinem inneren Rhythmus verloren. Auf Lanzarote stolperte ich beim Morgenlauf über einen Lavastein und fiel. Im Bruchteil einer Sekunde - noch bevor der Schmerz mein Bewusstsein flutete, wusste ich intuitiv: Das ist eine Notbremse. Meine Hüftpfanne war in fünf Teile gesprengt, der Oberschenkel haltlos. Was folgte, waren Wochen der erzwungenen Stille im Krankenhaus. Keine Termine. Keine Aufgaben. Nur ich - und die Frage, wer ich bin, wenn all das wegfällt. Die Antwort kam nicht sofort. Aber sie kam. Und sie war tiefer, als ich je hätte erahnen können.

Die Wurzeln - Ahnenarbeit als Fundament
Hinter jeder Frau steht eine lange Reihe von Menschen, von Seelen. Es sind Generationen, die geliebt und gelitten haben, Stärken entwickelt und Lasten getragen haben, die nie vollständig verarbeitet wurden. Ahnenarbeit bedeutet, bewusst die Verbindung mit dem Wurzelstock des eigenen Lebens aufzunehmen. Belastende, ererbte Erfahrungen aufzudecken und zu transformieren. Und dann das gute Erbe zu empfangen - die wegweisenden Stärken jeder Generation. Es geht nicht nur darum, Lasten zu lösen. Es geht darum, das Gold freizulegen, das darunter liegt. Eine Klientin kam zu mir, weil sie sich innerlich von unsichtbaren Banden zurückgehalten fühlte. Immer wenn sie eine Veränderung herbeiführen wollte, spürte sie es - als würde sie an einem Gummiband zurückgezogen. In der schamanischen Ahnenaufstellung führte ich sie in die energetisch-informative Verbindung mit ihren Ahnen. Als sie mit ihren Urgroßeltern in Kontakt trat, verspürte sie plötzlich einen zugeschnürten Hals, ein enges Herz, festbetonierte Beine. Ihr Körper zeigte, was ihr Verstand nicht wusste: Hier lag eine ererbte Last. Die Arbeit führte bis in die sechste Generation zurück: Eine Ahnin war für ihre mutige Äußerung bestraft worden und hatte geschworen, nie wieder ihre Wahrheit kundzutun. Als das Muster aufgelöst war, empfing meine Klientin die Ahnengabe: die Qualität der Hingabe. Einige Monate später hatte sie sich selbstständig gemacht - erstaunt über ihren plötzlichen Mut und Elan. Das innere Gummiband war weg. Wie dieser Prozess im Detail funktioniert, habe ich in meinem Buch Schamanische Ahnenarbeit (Mankau Verlag, 2021) beschrieben. Ohne meine eigene intensive Ahnenarbeit wäre ich wahrscheinlich immer noch ein Funkensprüher unter Daueranspannung - viel Licht, das in alle Richtungen zerstreut wird. Heute ähnelt mein Licht einem Laserstrahl. Ich lebe vermehrt im Hier und Jetzt. Es ist still in mir. Der Ahnenfrieden ist ein Segen.

Der Weg zum SELBST - Initiation als Chance
Was ist das SELBST? Es ist das still Wahrnehmende. Zeitlos, tief und weit zugleich - leer und voll zugleich - und doch immerwährend lebendig. Wenn das ICH durchlässig wird, wenn die Masken fallen und die Wurzeln geklärt sind, öffnet sich ein Raum, in dem Liebe nicht mehr ein Gefühl ist, das kommt und geht - sondern ein Seinszustand. Frieden. Freiheit. Fülle. Das sind keine Emotionen. Das sind Seinszustände des SELBST. Eine Frau, die aus ihrer inneren Autorität heraus lebt, nimmt das Leben so an, wie es sich zeigt. Sie fühlt die Gefühle. Und wenn eine Entscheidung ansteht, schaut sie nach innen - auf den Impuls, der aus der Tiefe kommt. Eine Frau, die diesen Weg gegangen ist, revitalisiert sich von innen heraus. Ihr Seelenfeuer bekommt wieder Sauerstoff. Ihre Seele atmet freier. Sie findet Zugang zu ihrer Kreativität, ihrer geistigen Fruchtbarkeit, ihrer schöpferischen Kraft. Sie wird zu einem Knotenpunkt im feinen, wenngleich nicht sichtbaren Gewebe des Lebens. Sie strahlt von innen, und ihr Licht erhellt im Außen eine langsam erwachende Welt.

Selbstwerdung: ein Entwicklungsprozess, der seine eigene Zeit braucht
Die zurückliegenden neun Jahre waren für mich ein Reifeprozess, ähnlich wie guter Rotwein ihn braucht - um aus dem Rohen das Edle werden zu lassen, um Schärfe in Samtigkeit zu wandeln. Um das Flüchtige in etwas zu verwandeln, das bleibt. 2018 schrieb ich mein zweites Buch "Einfach sein". Darin näherte ich mich vier großen Begriffen an - aus der Meditationserfahrung heraus: Freiheit. Frieden. Freude. Fülle. Es hat neun Jahre gedauert, bis ich diese Worte nicht mehr nur beschreiben - sondern leben konnte. Bis ich sagen konnte, was das SELBST ist: Zeitlos. Tief und weit zugleich. Leer und voll zugleich. Und doch immerwährend lebendig. Das ist tiefe Reife. Selbstwerdung kennt keine Abkürzung. Und manche Wahrheiten können erst dann erfasst werden, wenn wir reif sind dafür. Don Juan, der Schamane aus Peru, wusste das - als er mir vor über 20 Jahren mit einem verschmitzten Lächeln sagte: "It's only the beginning."



Bianka Maria Seidl ist Bewusstseins-Mentorin, Expertin für schamanische Ahnenarbeit, Autorin, Künstlerin. Alle Informationen auf www.biankaseidl.de
Bücher von Bianka Maria Seidl: ICH - SEELE - SELBST. Erwachen in der Lebensmitte. Edition yoYA, erscheint in 10.2026 | Schamanische Ahnenarbeit. Mankau Verlag, 11.2021 | Einfach sein. 33 Impulse für Geist und Seele. Edition yoYa, 11.2018 | Die Zeit ist reif …! Eigenverlag, 2024


Hinweis zum Artikelbild: © Wisky – AdobeStock



Woman – Out of Service … Interview mit Nicole Engel

Viele Frauen spüren in der Lebensmitte: "Irgendetwas stimmt nicht mehr mit mir." Was genau passiert in dieser Phase, das so viele aus dem Gleichgewicht bringt?
In der Lebensmitte treffen mehrere Ebenen gleichzeitig aufeinander: biologisch, psychologisch und sozial. Frauen stehen zwischen Ende 30 und Mitte 50 oft an einem Punkt, an dem sie nicht mehr nur funktionieren, sondern beginnen, ihr Leben zu hinterfragen. Während die 30er vom Aufbau geprägt sind, entsteht in den 40ern eine Zwischenbilanz: War es das? Lebe ich mein Leben wirklich oder spiele ich nur eine Rolle? Gleichzeitig summieren sich die Belastungen: beruflicher Druck oder Unzufriedenheit, familiäre Verantwortung, veränderte Dynamiken in Paarbeziehungen, das Älterwerden der Eltern und erste eigene körperliche Veränderungen. Viele Frauen merken, dass sie über Jahre hinweg ihre Bedürfnisse hintenangestellt haben. Das Nervensystem, das lange getragen hat, kommt an seine Grenzen - das Belastungsfass läuft über.

Welche Rolle spielen die Wechseljahre für diese Krise tatsächlich? Wo wird ihre Bedeutung unterschätzt - und wo vielleicht sogar überschätzt?
Die Wechseljahre spielen eine wichtige Rolle, aber sie sind selten die alleinige Ursache. Hormonelle Veränderungen wirken wie ein Verstärker: Sie bringen nicht unbedingt neue Probleme ins Leben, sondern machen sichtbar, was ohnehin schon da ist - ungelöste Konflikte, chronische Überlastung, unterdrückte Bedürfnisse. Unterschätzt wird häufig, wie stark diese hormonellen Umbrüche auch psychisch wirken können: von Reizbarkeit über depressive Verstimmungen bis hin zu Angst oder sogar suizidalen Gedanken. Gleichzeitig werden diese Symptome noch immer oft fehldiagnostiziert, obwohl eine differenzierte, körperliche und psychische Betrachtung wichtig wäre. Überschätzt wird hingegen die Idee, dass "die Hormone schuld sind". Die Lebensmitte ist eine biopsychosoziale Übergangsphase: Hormone, Lebensumstände und innere Themen greifen ineinander.

Was unterscheidet "Woman out of Service" von anderen Selbsthilfe- oder Psychologiebüchern?
"Woman out of Service" verbindet drei Ebenen, die selten so konsequent zusammen gedacht werden: persönliche Einblicke der verfassenden Psychotherapeutin, therapeutische Praxis und konkrete, alltagstaugliche Werkzeuge. Das Buch bleibt nicht bei der Theorie oder allgemeinen Ratschlägen, sondern zeigt anhand realer Fallgeschichten, wie Krisen auf vielfältigste Art und Weise tatsächlich entstehen und wie Veränderung im echten Leben aussieht. Besonders ist auch der Blick hinter die Kulissen psychotherapeutischer Arbeit: Leserinnen bekommen ein Gefühl dafür, wie Interventionen wirken, wie Muster entstehen und wie sie sich verändern lassen.
Das Buch will keine schnelle Lösung liefern, sondern ein verändertes, bewussteres Mindset ermöglichen: weg vom reinen Funktionieren hin zu mehr Selbstkontakt, Flexibilität und echter Lebensfreude.

"Ich will endlich wieder funktionieren" ist der Wunsch vieler Frauen. Warum ist dieser Satz für dich keine Lösung, sondern Teil des Problems?
Weil genau dieses Funktionieren viele Frauen überhaupt erst in die Krise geführt hat. Über Jahre - oft Jahrzehnte - haben sie Erwartungen erfüllt, Rollen getragen und durchgehalten. Sie haben funktioniert, auch wenn es ihnen innerlich nicht gut ging. Der Wunsch, "wieder zu funktionieren", bedeutet letztlich: zurück in ein System, das sie überfordert und teilweise unglücklich gemacht hat. Doch in der Lebensmitte greift dieses System nicht mehr. Der Körper macht nicht mehr mit, die Psyche zieht die Notbremse. Die eigentliche Aufgabe ist deshalb nicht, wieder leistungsfähig zu werden. Es geht um eine bewusste Neuausrichtung: Was brauche ich wirklich? Wo sind meine Grenzen? Was will ich - jenseits von Erwartungen?

Im Buch spielen Gefühle wie Scham und unterdrückte Wut eine zentrale Rolle. Warum sind gerade diese Emotionen entscheidend für das Verständnis der Krise und den Weg aus ihr heraus?
Weil sie oft im Kern der Krise stehen und gleichzeitig am wenigsten bewusst gelebt werden. Viele Frauen haben früh gelernt, sich anzupassen, Harmonie herzustellen und sich zurückzunehmen. Wut passt da nicht ins Bild. Sie wird unterdrückt oder nach innen gerichtet. Doch genau diese nicht gelebte Wut zeigt sich später häufig in Form von Erschöpfung, Unglücklichsein oder Selbstzweifeln. In der Psychologie sagen wir: Hinter jeder Depression steckt eine nicht gelebte Aggression. Auch Scham spielt eine zentrale Rolle: das Gefühl, nicht zu genügen oder "zu viel" zu sein. In der Lebensmitte treten diese Gefühle oft stärker hervor. Der Weg aus der Krise führt deshalb nicht am Fühlen vorbei. Erst wenn Frauen lernen, auch unangenehme Emotionen wahrzunehmen und zu integrieren, entsteht echte Veränderung.

Du sprichst nicht von einem "Zurück", sondern von einem "Anders Weiter". Was kann sich nach einer solchen Krise positiv verändern?
Eine Krise kann der Beginn eines sehr viel authentischeren Lebens sein. Lebensmodelle werden freier, der Umgang mit sich selbst mitfühlender. Viele Frauen entwickeln in dieser Phase eine neue Klarheit: Sie setzen Grenzen, treffen bewusstere Entscheidungen und orientieren sich stärker an ihren eigenen Bedürfnissen. Statt weiter zu funktionieren oder sich anzupassen, entsteht die Fähigkeit, psychisch flexibler zu reagieren - also nicht mehr automatisch alten Mustern zu folgen, sondern eine andere Version von sich zu entwickeln. Beziehungen können somit ehrlicher werden: Frauen geben mehr Verantwortung ab und Männer sind stärker gefordert, emotional mitzuwachsen.
Wenn dieser Prozess gelingt, entstehen oft tiefere, ehrlichere und gleichwertigere Partnerschaften. Die Lebensmitte ist damit kein Ende, sondern eine Einladung zur Rekalibrierung.



Buchtipp: Nicole Engel, Tina Epking: Woman Out of Service. Warum emotionale Krisen zur Lebensmitte dazugehören – und wie du deine Leichtigkeit wiederfindest. Mosaik Verlag, ET: 8.2026, Paperback, Klappenbroschur, 256 Seiten, 18 Euro, EAN: 978-3-442-39465-4

Nicole Engel, geboren 1979, ist Diplom-Psychologin, approbierte psychologische Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Kognitive Verhaltenstherapie sowie Paar- und Sexualtherapeutin. Nach einer Karriere in Führungspositionen der Wirtschaft entschied sie sich 2013, ihrer Berufung zu folgen und Menschen dabei zu unterstützen, ihr Potenzial zu entfalten und erfüllter zu leben. Sie ist Gründerin des PSYCHOLOGICUM Berlin, Instituts für mentale Gesundheit, und als Expertin in zahlreichen Medienformaten gefragt, darunter ZDF, Vogue und Berliner Morgenpost. Nicole Engel lebt in Berlin.

Tina Epking hat Deutsche Literatur- und Medienwissenschaften und Spanisch in Düsseldorf und Hamburg studiert und ist Absolventin der Axel Springer Akademie in Berlin. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als Redakteurin, Journalistin und Autorin. Sie lebt in Hamburg.


Hinweis zum Artikelbild: © PeakPoints_peopleimages.com – AdobeStock



Die Welt am Rande eines Wandels … von Daniela Schuchardt

Die Welt scheint am Rande eines Wandels zu stehen. Krisen, Unsicherheiten und Spannungen verdichten sich und zeigen sich als Unruhe, als Konflikte, als Zerfall äußerer Ordnungen und Strukturen. Der Mensch ist in Todesangst gefangen und bemüht, um jeden Preis sein Leben abzusichern. Es ist ein ständiger Überlebenskampf, der manchmal gewonnen und manchmal verloren wird. Es ist die Angst vor Veränderung, vor dem Wandel, vor dem Zerfall, vor dem Tod, die sich als Krise im Menschen selbst oder im Außen als Spaltung, als Kampf, als Krieg, als Chaos in der Welt zeigt. Dieses Chaos wirkt wie eine äußere Zerstörung. Es sieht aus wie der Wandel einer persönlichen äußeren Welt. Und doch scheint es die ewige Wiederholung desselben persönlichen Überlebenskampfes zu sein, der durch die oft unbewusste Todesangst des Menschen geschieht. So ist der Mensch oft unbewusst, weil er nicht erkennt, dass sein Denken und Handeln von dieser zerstörerischen Angst gesteuert wird. Es ist der unbewusste Zustand, der Schlafzustand des Menschen.

Die Suche nach Sicherheit und Stabilität im Außen
Aufgrund von Todesangst, sucht der Mensch im Außen nach Sicherheit und Stabilität, meistens in anderen von ihm getrennten Wesen, z. B. in Partnerschaften, bei Familienangehörigen, bei Freunden, Vorgesetzten, Parteien, Regierungen, und auch bei Religionsführern oder anderen Gurus. Aus Angst vor Verlust oder Zusammenbruch findet eine ewige Suche nach Sicherheit und Stabilität statt, um ein zufriedenes Leben zu erreichen. Doch bei genauem Hinsehen bleibt diese Suche im Außen stets unvollständig. Wer genau hinschaut, bemerkt, dass sich diese Suche nach Sicherheit und Stabilität, nach einem zufriedenen Leben nicht wirklich erfüllt. Etwas fehlt immer. Entweder entspricht das Denken und Handeln der anderen Wesen nicht meiner Vorstellung von Sicherheit und Stabilität, und/oder es besteht die Angst, diese wieder zu verlieren, wenn die Vorstellung gerade einmal erfüllt ist. So bleibt die Suche nach Stabilität für ein zufriedenes Leben eine Sehnsucht, die nie auf Dauer erfüllt sein kann. Wenn das wirklich erkannt wird, wenn die damit verbundene Ausweglosigkeit und Verzweiflung wahrgenommen werden, könnte das der Wendepunkt in sich selbst sein. Gibt es ein zufriedenes Leben in Sicherheit und Stabilität? An diesem Wendepunkt kann Resignation oder Erwachen geschehen. Die Brücke von der Resignation hin zur Hingabe an das Leben kann die Hinterfragung der bisherigen Suche nach einem zufriedenen Leben sein. Die meisten Menschen er-kennen nicht die spirituelle Botschaft dieser Resignation als bewusste Hingabe an das, was ist. Resignation kann sich äußern als Krise, die unabhängig von einer Lebensmitte ist, als Depression, als Verzweiflung, als Panikattacke, weil ich im Leben nicht bekomme, was ich will.

Midlife-Crisis
Die Krise in der so genannten Mitte des Lebens setzt ein, wenn erkannt wird, dass die Vorstellung eines zufriedenen, erfüllten Lebens keine Stabilität hat. All mein Tun, ein zufriedenes Leben zu erreichen und dies nach meiner Vorstellung zu stabilisieren, ist nicht erreicht. Diese Erkenntnis, dass nichts wirklich Bestand hat, ist der Zusammenbruch der Vorstellung eines glücklichen Lebens. Der Erfolg stellt sich nicht ein, wie gedacht, Partnerschaften gehen auseinander, nahestehende Menschen sterben, die Familie oder andere Lebensgemeinschaften trennen sich, gesellschaftliche Strukturen und Systeme verändern sich, der Körper bekommt Beschränkungen und kann nicht mehr alles tun, wie gewohnt etc. Die Vorstellung von einem zufriedenen Leben zerbricht, wird als eine Illusion erkannt, weil sie nicht erfüllbar ist. Es war ein grundlegender Irrtum. Diese Erkenntnis ist der Umkehrpunkt, an dem wieder Resignation oder Erwachen geschehen kann.

Der Weg der Erkenntnis
Die bewusste Hinterfragung ist als "The Work of Byron Katie" bekannt - was der schon von Sokrates erkannten Mäeutik entspricht. Es ist die Hebammenkunst des Erkennens der Wahrheit in sich selbst. Es ist der Weg nach innen - zur Wahrheit, zur Liebe in sich selbst. Die Wahrheit ist somit keine Lehre, die vermittelt werden kann. Sie kann nur in sich selbst erinnert werden. Der grundlegende Glaube "Ich bin ein getrennter Körper, der geboren werden und sterben kann" kann durch die Hinterfragung und die Wahrnehmung der daran gekoppelten Angst, ins Licht des Bewusstseins treten.

Das Erwachen der Liebe in sich selbst
Indem sich die Aufmerksamkeit nach innen richtet, öffnet sich ein innerer Raum, der jenseits von Angst-Gedanken ist: Es ist stilles liebevolles Gewahrsein. Die Umkehrungen der ursprünglichen Angstgedanken eröffnen in sich selbst die Erfahrung von bedingungslosem Frieden. Frieden ist bereits da. In diesem Frieden ist von innen heraus klar, was zu tun ist. Wo Frieden ist, bin ich zu Hause, geborgen. So könnte man hier von einer "Hausgeburt" der Liebe sprechen. Es wird das sichtbar, was immer schon da war und was niemals sterben kann. Es ist das stille, geheimnisvolle Bewusstsein, das ich bin. Mit dem Erkennen dieser Wahrheit findet eine körperliche Entspannung statt, wodurch sich sogar Krankheitssymptome auflösen können. Die Lösung von Angstgedanken ist gleichzeitig die Lösung von Schuld und Scham. Hier und jetzt ist die Angst vor äußeren Veränderungen verloren. Was bleibt, ist der mysteriöse Zustand des liebevollen Gewahrseins, wo das Leben fließt und wo es keine Trennung gibt.



Daniela Schuchardt ist Coach und Autorin in der geistreich Bewusstseinsschule. Online oder im Raum Berlin bietet sie Einzel- und Gruppenbegleitungen „Hin zum Erwachen der Liebe in sich selbst“ an. Weitere Infos unter www.geistreich-sein.de

Hinweis zum Artikelbild: © Chantip – AdobeStock



Rosarot … Gedicht von Isabel Berchtold

Die rosarote Brille
abgesetzt
Verdammt noch mal
ich bin
verletzt
hab vor Wut im Bauch
fast mein ich
verloren
versteckt, geduckt
nie aufgemuckt
doch ich kann
"Ich", "Mich", "Selber" auch
ohne dich
mein ich
neu geboren
ich steh auf
das wird mein neuer Brauch



Isabel Berchtold (Jg. 1965) lebt in Augsburg und ist als Yoga- und Pilates-Lehrerin tätig. Die Kunst und ihre Magie in Form von Poesie und Schauspiel begleiten sie ihr ganzes Leben. Vor allem der Aspekt der weiblichen Spiritualität ist in den letzten Jahrzehnten ihr zentrales Thema. Das Anliegen Ihrer Kunst/Poesie ist, die Verbindung von Körper, Geist und Seele intuitiv und spielerisch zum Ausdruck zu bringen.

Hinweis zum Artikelbild: © TSViPhoto – AdobeStock



Unstoppable Brain … Interview mit Dr. Kyra Bobinet

Als "MacGyvers" unseres eigenen Verhaltens werden wir immun gegen Misserfolge!

"Unsere Habenula fungiert als eine auf das Überleben ausgerichtete ‚Bremse' für Verhaltensweisen und wird aktiv, wenn sie etwas als ‚gescheitert' wahrnimmt. ‚Scheitern' ist jedoch keine Tatsache - es ist eine schädliche Interpretation, die wie eine Giftpille auf die Habenula wirkt und dazu führt, dass wir völlig aufgeben. Das Gegenmittel für die Habenula-Falle ist eine iterative Denkweise: Wenn wir das emotionale Gewicht des Misserfolgs abstreifen und uns die Idee des ‚Herumprobierens' zu eigen machen - also unsere Bemühungen als eine Reihe von Experimenten betrachten und nicht als Test, den man besteht oder nicht -, schützen wir unsere Motivation und verhindern, dass der ‚Aufgeben'-Schalter im Gehirn umgelegt wird." Die Neurowissenschaftlerin und Verhaltensforscherin Dr. Kyra Bobinet, Autorin des Ratgebers "Unstoppable Brain", ist überzeugt, dass das bahnbrechende Wissen um die Habenula unsere Sichtweise auf körperliche und psychische Gesundheit, schädliche Gewohnheiten, beruflichen Erfolg, Beziehungen und vieles mehr verändern wird - "es wird absolut alles verändern!"

Seit mehr als drei Jahrzehnten befassen Sie sich mit Neurowissenschaften, Physiologie, Psychologie und sogar Spiritualität, um Menschen dabei zu unterstützen, ihr Leben und ihr Verhalten zum Besseren zu verändern. Was hat Sie zu Ihrem neuen Buch inspiriert?
Was mich inspiriert hat, ist die Bedeutung der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse rund um die Habenula und wie grundlegend dieses Wissen unsere Sichtweise auf Gesundheit, Verhaltensänderungen, schädliche Gewohnheiten, Sucht, psychische Probleme, Beziehungen, beruflichen Erfolg und persönliche Selbstbestimmung verändern wird - es wird absolut alles verändern! Darüber hinaus wollte ich die iterative Denkweise als das wirksamste Mittel beschreiben, das ich je gefunden habe, um mit der Kraft der Habenula umzugehen und sie zu nutzen. Iteration hilft uns, diese Kraft positiv umzulenken, uns von der Selbstsabotage zu befreien, die auftritt, wenn die Habenula ausgelöst wird, und gleichzeitig von ihren Funktionen zu profitieren.

Das bisher kaum bekannte Hirnareal der Habenula steht also im Mittelpunkt von "Unstoppable Brain". Was hat es sich damit auf sich, und warum hat es das Potenzial zum Game Changer, was die Veränderung menschlichen Verhaltens angeht?
Die Habenula ist das zentrale Steuerungssystem des Gehirns für das Verhalten. Sie fungiert als Hauptschalter, der bestimmt, ob wir etwas tun oder nicht, wie wir zu einer Handlung stehen und - was am wichtigsten ist - ob wir weitermachen oder aufhören. Der Begriff "Habenula" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "kleines Zügelchen". Das ist die perfekte Metapher: Es ist der winzige Zügel am Nasenring eines Kamels, der dieses riesige Tier lenkt. Dieses kleine Hirnareal steuert im Wesentlichen das gewaltige Tier des menschlichen Verhaltens. Diese Entdeckung ist ein echter Wendepunkt, denn die Veränderung des menschlichen Verhaltens wurde in der Vergangenheit in eine sehr unnatürliche und künstliche Richtung getrieben. Wir haben uns auf leistungsorientierte Werkzeuge und Modelle verlassen, die sich tatsächlich als schädlich erwiesen haben und langfristig sicherlich nicht hilfreich sind. Die Habenula überwacht unsere "Gewinn-Verlust-Bilanz"; sie ist das Anti-Belohnungs-Zentrum des Gehirns. Wenn sie wahrnimmt, dass wir scheitern, löst sie eine physiologische Aufgabe-Reaktion aus. Sie ist das biologische Bremspedal, das unsere Motivation abschaltet und uns dazu bringt, uns in bestimmten Verhaltensweisen süchtig oder in anderen hilflos zu fühlen. Indem wir uns auf die Habenula konzentrieren, können wir endlich verstehen, warum uns die herkömmliche Willenskraft so oft im Stich lässt. Wenn wir uns starre Ziele setzen und diese zwangsläufig verfehlen, lösen wir ungewollt diesen Hauptschalter aus, der dann unsere Bemühungen untergräbt und uns dazu bringt, aufzugeben. Dieses Verständnis ermöglicht es uns, zu einer iterativen Denkweise überzugehen - dem wirksamsten Mittel, um mit der Macht der Habenula umzugehen. So können wir uns von der Selbstsabotage befreien, die entsteht, wenn wir in einem Kreislauf vermeintlicher Misserfolge gefangen sind. Anstatt gegen unsere Biologie anzukämpfen, können wir lernen, mit dem zentralen Betriebssystem unseres Gehirns zusammenzuarbeiten, um sicherzustellen, dass wir die Dynamik für eine dauerhafte, gesunde Veränderung aufrechterhalten.
Das sogenannte Scheitern oder Versagen sei, Ihren Erkenntnissen zufolge, eine bloße Illusion bzw. eine Wahrnehmung des Gehirns. Wie kann es gelingen, diese ursprünglich aus der Evolution stammende Überlebensstrategie so umzuformulieren, dass man weitermacht, anstatt aufzugeben?
Wir müssen erkennen, dass die Habenula als eine auf das Überleben ausgerichtete "Bremse" für Verhaltensweisen fungiert, die sie als nicht lohnend wahrnimmt. "Scheitern" ist keine Tatsache; es ist eine schädliche Interpretation, die wie eine Giftpille wirkt und dazu führt, dass wir völlig aufgeben. Um dies zu überwinden, können wir Misserfolg als bloße "Datenerhebung" oder Rückmeldung neu definieren. Er ist lediglich ein Signal dafür, dass wir aus dem "Flow" geraten sind oder dass ein bestimmter Ansatz nicht funktioniert. Wenn wir das emotionale Gewicht des Misserfolgs abstreifen und ihn als reine Information betrachten, gelangen wir in einen Anpassungsprozess. Diese Verschiebung ermöglicht es uns weiterzumachen, anstatt beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten stehen zu bleiben.

Um aus der Sackgasse des Versagens herauszukommen, empfehlen Sie das sogenannte iterative Mindset. Woher stammt dieses Konzept, und was ist notwendig, um es im privaten und beruflichen Alltag fruchtbar zu machen?
Dieses Konzept entstand aus meiner Forschung, in der ich Menschen, die gesundheitliche Veränderungen langfristig erfolgreich beibehalten haben, mit denen verglichen habe, die aufgegeben haben. Die iterative Denkweise war die einzige Strategie, die die erfolgreiche Gruppe gemeinsam hatte. Sie dient als das ultimative Gegenmittel gegen die "Habenula-Falle". Die Daten aus meiner Forschung zeigen, dass diese Denkweise zu 300 Prozent stärker mit langfristigen Ergebnissen korreliert als jede andere gängige Strategie. Um sie fruchtbar zu machen, müssen wir uns die Idee des "Herumprobierens" zu eigen machen: Indem wir unsere Bemühungen als eine Reihe von Experimenten betrachten und nicht als Test, den man besteht oder nicht, schützen wir unsere Motivation und verhindern, dass der "Aufgeben"-Schalter im Gehirn umgelegt wird.

Sie kommen an verschiedenen Stellen Ihres Buches immer wieder auf den Serienhelden MacGyver zu sprechen. Warum ist diese Figur so bedeutsam für Ihren Ansatz, und was können wir alle heute noch von ihm lernen?
MacGyver ist der ultimative "Meister der Iteration". Er verkörpert die iterative Denkweise durch drei wesentliche Verhaltensweisen: Er betrachtet einen Rückschlag niemals als endgültiges Scheitern (wodurch er die Wirkung seiner Habenula neutralisiert), er stützt sich auf die durch ständiges Üben erworbene Meisterschaft, und er optimiert unermüdlich seine Umgebung, bis er eine Lösung findet. Er begegnet einer Krise mit Neugier statt mit Verzweiflung. Wir können lernen, dieselbe geniale Haltung gegenüber unseren eigenen Lebenshindernissen einzunehmen. Indem wir zu "MacGyvers" unseres eigenen Verhaltens werden, lernen wir, mit der Biologie unseres Gehirns zusammenzuarbeiten, um selbst die schwierigsten Herausforderungen zu lösen, anstatt uns von ihnen besiegen zu lassen.



Dr. Kyra Bobinet ist Ärztin und Gesundheitswissenschaftlerin mit fast 30 Jahren Erfahrung in der Verhaltensforschung. Sie hat an der University of California, San Francisco (UCSF) Medizin studiert und einen Master in Public Health in Harvard absolviert. Als Expertin für Verhaltensänderung leitet sie Fresh Tri, ein Unternehmen für neurowissenschaftlich fundierte Verhaltenssoftware, und unterrichtet im AIM-Labor der Stanford Medical School. Ihr Bestseller „Well Designed Life“ gilt als international anerkannter Impulsgeber im Bereich Verhaltensänderung. Dr. Bobinet ist Mitglied der Ojibwe vom Leech Lake in Minnesota und lebt mit ihrer Familie in den Santa Cruz Mountains in Kalifornien. Foto: © Natalie Ladd Photography

Buchtipp: Dr. Kyra Bobinet: Unstoppable Brain. Warum unser Gehirn uns manchmal ausbremst und wie wir das ändern. Neue Erkenntnisse der Neurowissenschaft: Der Habenula-Code. Mankau Verlag 5.2026, Klappenbroschur, 271 Seiten, 24,90 Euro


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Männer-Initiation mit dem afrikanischen Schamanen Malidoma – ein Nachruf … von Peter Maier

Vor mehreren Jahren nahm ich an einem sechstägigen Workshop im Tirolerischen Wörgl teil. Die Veranstaltung trug den für mich verheißungsvollen Titel "Männer-Retreat: Das Echo der Ahnen hören." Eingeladen hatten die beiden Tiroler Vereine "Nahverwandt e.V." aus Wörgl und "Mannsbilder e.V." aus Innsbruck. Als Referent reiste der afrikanische Schamane, Männer-Initiator, Buchautor und Uni-Dozent Malidoma Patrice Somé, der damals in Kalifornien lebte, extra für dieses Seminar aus den USA an. 60 Männer aller Altersstufen, von 18 bis 65 Jahren, aus Österreich, der Schweiz, Südtirol und Deutschland, trafen nun aufeinander - in einer großen Scheune eines ehemaligen Bauernhofes als Tagungsort und auf Heuballen sitzend. Der Einödhof liegt oberhalb des Inntales direkt am Fuße der Berge.

Männer-Workshop im Heustadel
Etwa 30 der Männer waren nur deshalb gekommen, weil sie durch die Lektüre des Buches "Vom Geist Afrikas" derart angerührt und betroffen waren, dass sie den Autor Malidoma nun unbedingt auch persönlich kennen lernen wollten. Im Grunde hatte auch ich selbst diesen "Werdegang", nur dass ich Malidoma schon in einem anderen Kurs im Jahr zuvor begegnet war.
Jetzt erfuhr ich durch Malidoma bei diesem Workshop in Österreich, welch großen Schatz die animistische, schamanische, familiensystemische und tief spirituelle Denkweise traditioneller afrikanischer Stammesgesellschaften für uns "Westler" bereithalten kann, die wir doch fast ausschließlich am Logischen, Technischen, Naturwissenschaftlichen und Linearen orientiert sind. Und dieser ganz andere Ansatz Malidomas, die Welt zu sehen, konnte uns Männern helfen. Denn vielen von uns wurde in den sehr offen geführten Gesprächskreisen erneut schmerzlich bewusst, dass von uns in Familie und Gesellschaft - als Partner, Ehemänner, Väter und Geldverdiener - zwar viel erwartet wird, dass wir aber bisher keine wirkliche Initiation in unser Mann-Sein für dieses verantwortungsvolle und oft auch entbehrungsreiche und fordernde Leben erhalten hatten.
Wir sollten überall unseren Mann stehen, ohne für dieses Mann-Sein in all ihren Facetten jemals wirklich vorbereitet und vor allem eingeweiht worden zu sein. Bei vielen von uns entstand daher der sehnliche Wunsch zu einem Nachreifen in unserem ganz persönlichen Mann-Sein. Viele waren sich des Themas "Initiation" und über dessen Sinn und Notwendigkeit bisher überhaupt nicht richtig bewusst gewesen, weil es in unserer westlichen Gesellschaft im Grunde keine adäquaten Rituale mehr gibt, die den Übergang ins Erwachsensein klar markieren würden. Was fehlt, sind echte Initiationsrituale. Das sollte sich nun für uns bei dieser Veranstaltung mit Malidoma jedoch grundsätzlich ändern.

Auseinandersetzung mit dem Thema "Initiation"
Malidoma, in dessen Stammestradition "Initiation" als eines der Hauptthemen im Leben gilt, der sich eine Gemeinschaft als Ganze und jeder einzelne stellen muss, sobald die Zeit dafür gekommen ist, wurde nun für uns Männer zu einem wichtigen Lehrer. Und genau davon handelt ja auch sein Buch "Vom Geist Afrikas". Der Ethnologe Michael Meade schreibt darüber:
"Der Bericht einer Initiation, einer Reise zwischen Leben und Tod. Nach 15 Jahren in einem Jesuitenseminar flieht Malidoma im Alter von 20 Jahren zurück zu seinem Volk, dem Stamm der Dagara in Burkina Faso. Er muss deren lebensgefährliche Initiationsrituale auf sich nehmen, um als Stammesmitglied wieder aufgenommen zu werden. Eindringlich schildert er seine Erlebnisse und inneren Wandlungen im Spannungsfeld zweier Welten - als 'weißer Schwarzer'."
"Malidoma" ist der Taufname aus seinem Stamm und auf dem Workshop jetzt ereignete sich wieder, was der Schamane schon zum Abschluss seines Buches selbst erklärt hatte: "Ich erfüllte nur meine Bestimmung, die mir der Name 'Malidoma' vorausgesagt hatte: Sei Freund dem Fremden und dem Feind. Eine ganze Kultur ging jetzt ins Ausland, um dort verschluckt zu werden."
Wir waren als Weiße für ihn, den Schwarzafrikaner, zwar Fremde, aber nicht Feinde. Feinde waren für ihn lange Zeit die französischen Jesuiten-Missionare gewesen, die ihn mit fünf Jahren aus seinem Dorf entführt hatten und ihn unter Zwang zu einem katholischen Priester machen wollten. Sie wären damit fast erfolgreich gewesen.
So aber ist etwas Seltsames und letztlich Wunderbares geschehen, von dem nun auch ich profitieren konnte: Durch seine abenteuerliche Lebensgeschichte schien es so, als ob "Gott", "die Götter", "die afrikanischen Geister", "das Göttliche" oder auch das Universum einen Dolmetscher zwischen zwei Kulturen geschickt hätten, der mit uns "Westlern" zu kommunizieren verstand, weil er die westliche Kultur, Denkweise und Schulbildung - wenn auch durch sehr koloniale und missionarische Vorzeichen gefärbt - kannte, ja sogar Teil davon geworden war. Malidoma lebte später über zehn Jahre lang in Kalifornien und hat mehrere akademische Grade erworben - u.a. auch zwei Doktortitel an einer französischen und einer amerikanischen Universität.
Gleichzeitig wurde Malidoma nach seiner Rückkehr aus seinem als Gefangenschaft und Gehirnwäsche empfundenen Aufenthalt in der militärisch geführten Jesuitenschule unter der Leitung von europäischen Priestern in seinem eigenen Land Burkina Faso nun von seinen Stammesältesten der üblichen, knallharten Initiation zum erwachsenen Mann unterzogen. Und weil er diese heftigen Prüfungen mit großem Erfolg meisterte, konnte er nun unser Lehrer sein, so dass wir un-initiierten westlichen Männer unter seiner Leitung Heilung, Sinn und Beruhigung erfahren konnten.
Denn nun wurde in uns etwas nachgeholt, was unserer ganzen Kultur bis heute fehlt und was jeder einzelne von uns Teilnehmern in der Tiefe seines Wesens und seiner Seele vermisst hatte. Indem Malidoma sich im Ausland, also jetzt gerade von uns, "verschlucken" ließ, wurden wir und unsere Seelen emotional und geistig-spirituell sehr angeregt, berührt und irgendwie nach Hause geholt - nicht in ein afrikanisches Zuhause, sondern nach Hause zu uns selbst, in unser Göttliches Selbst. Und dies geschah vor allem durch Rituale in der Gemeinschaft von Männern.
Es hat sich gezeigt, dass die von Malidoma mitgebrachten und angebotenen, bei Afrikaner praktizierten Rituale auch für uns geeignet waren, weil dadurch eine archetypische Seite in uns angesprochen und berührt wurde: unser aller "kollektives Unbewusstes". Dadurch gerieten fast alle Männer sofort mitten in einen ganz persönlichen und sehr intensiven inneren Seelenprozess. Eines der Rituale - das "Wasserritual" - soll nun im Folgenden näher beschrieben und sein initiatorisches Moment aufgezeigt werden. Für diese Erzählung wird bewusst die Präsenz-Form verwendet.

Das Wasserritual ergreift alle Männer
Am Morgen des vierten Tages brechen einige der Assistenten des Workshops, denen die gebirgige Gegend am Rande des Inntals sehr vertraut ist, mit Äxten, Planen und Rucksäcken auf. Was haben sie vor? Wir übrigen Männer sind im Plenum und in Gruppen noch mit Themen beschäftigt, die am Tag zuvor aufgebrochen sind und nun näher besprochen und bearbeitet werden wollen.
Nach dem Mittagessen kommen die Assistenten zurück und holen die 60 Männer ab. Auf gebirgigen Pfaden kommen wir immer näher in einen Talschluss, aus dem ein wilder Gebirgsbach hervorschießt und über einige Wasserfälle tosend ins Tal rauscht. Auf beiden Seiten ragen hohe Felswände auf, wir sind in einer klamm-artigen, ca. 20 Meter breiten Hochebene gelandet, die vollkommen mit Steinen übersät ist.
Was wir sehen, spricht uns sofort ganz elementar an: Unsere Assistenten - harte Burschen - haben den nur ca. einen halben Meter tiefen Gebirgsbach durch Planen, Baumstämme und große Steine zu einem etwa zweieinhalb Meter tiefen Becken aufgestaut und haben dafür eine Stelle großen Gefälles ausgenützt. Etwa 30 Meter weiter unterhalb ist bereits ein großes Feuer entfacht, das mit dem "Strandgut", d. h. mit den Ästen, Stämmen und dem Trockengras, die in dem kleinen Hochtal zu Genüge herumliegen, gespeist wird. Hier soll während des Wasserrituals das "Männerdorf" entstehen, in dem sich alle aufhalten und sich gegenseitig vor und nach dem uns nun bevorstehenden Ritual bestärken können.
Alle sind nackt - ein für einige ungewohntes, aber letztlich dann doch ganz selbstverständliches und befreiendes Gefühl. Auch Malidoma ist dabei. In einigen kurzen Worten versucht er, uns den Sinn des Rituals nahe zu bringen, weist aber bei ängstlichen Rückfragen von einigen der Männer darauf hin, dass es nun um ein elementares Erleben geht, das mit Worten und Erklärungen sowieso nicht mehr ganz einzufangen wäre. Die Spannung steigt dadurch noch mehr.
Ja, ich gebe zu, dass nun auch in mir vorübergehend Angst aufkeimt. Was wird da auf mich zukommen? Worin wird denn das Ritual bestehen? Denn das Staubecken ist gleich um die Ecke hinter einem Felsen und niemand soll es vorher näher begutachten und auch nicht danach fragen, was hier denn eigentlich passieren soll. Afrikanische und westliche Denkweise prallen nun heftig aufeinander.
Die Assistenten sind aber bereits eingeweiht und mit der Durchführung des Rituals unter dem Vorsitz von Malidoma betraut, der seine Position eines von uns allen anerkannten "Häuptlings" oder "Ältesten" sehr einfühlsam, zurückhaltend, ja fast schon partnerschaftlich und irgendwie mit einem leichten Schalk im Nacken wahrnimmt. Vielleicht ist er selbst immer wieder davon überrascht, mit welchem Ernst und mit welcher Bereitschaft westliche Männer sehnsüchtig darauf warten, von ihm Anleitungen zu Ritualen zu bekommen, von denen sie sich viel erhoffen, ohne aber genau zu wissen, was dabei wirklich geschieht. Diese Männer hier stammen aus allen beruflichen Schichten: Ingenieure, Lehrer, Sozialpädagogen, Landwirte - Angestellte, Beamte und Selbständig.
Viele von uns und ich selbst sind nun gerade dabei, in einem elementaren archaischen Wasserritual etwas Altes und Überkommenes, vielleicht auch einen Teil westlicher Arroganz, ein für allemal abzuwaschen. Gleichzeitig stehen wir jetzt unmittelbar davor, etwas Neues, Unbekanntes gerade in und mit den Elementen der Natur und an einem unwahrscheinlich anziehenden Kraftort in den österreichischen Alpen unter der Anleitung eines afrikanischen Schamanen zu erfahren. Ich spüre eine tiefe Sehnsucht in mir, ohne aber näher sagen zu können, wonach. Diese Situation des Unbekannten ist bereits die halbe Miete des Rituals. Wir westlichen Männer wollen und müssen uns nun auf etwas Fremdes einlassen, ohne vorher genau zu wissen, was da auf uns zukommt - sicher eine sehr heilsame Übung.

Gellende Schreie in der Klamm
Auf dem "Dorfplatz" am Feuer herrscht eine neugierige, angespannte Stimmung. Nun holen die Assistenten die ersten drei Männer ab und führen sie um die Ecke. Schon nach kurzer Zeit hört man gellende Schreie - gleichsam "Urschreie"! Was ist passiert? Die Anspannung unter der Schar der wartenden Männer steigt. Einige versuchen sich, mit lautem Reden abzulenken. Da kommen die Männer auch schon wieder zurück, am Arm geführt von je einem Assistenten. Wasser tropft ihnen vom nackten Körper, sie haben einen irrationalen Gesichtsausdruck, der Schreck steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Nun klatschen alle Männer und begrüßen mit lautem Hallo oder mit einem freundschaftlichen Klaps diese "neugeborenen" Männer, die soeben ihre zweite Taufe - oder noch besser - ihre zweite Geburt erlebt haben. Immer mehr Männer werden "weggeführt" und kommen dann wieder verändert zurück. Meine Gefühle schwanken in immer kürzeren Abständen zwischen steigender Neugier, Erregung, Scheu vor dem Kommenden und blanker Angst. Worauf habe ich mich denn da eigentlich eingelassen? Ich weiß, dass es nun für mich kein Zurück mehr gibt. Ich will nun auch "das" erleben, was da um die Ecke noch verborgen liegt.
Nach einer als endlos lange empfundenen Zeit bin ich an der Reihe. Sehr einfühlsam werde ich von einem der Assistenten-Männer um die Ecke geführt - nackt und barfuß auf dem Geröll. Zwei der Ritual-Männer stehen die ganze Zeit im Wasser. Bevor ich alles überblicken und genauer hinschauen kann, bin ich auch schon am Rande des Beckens angekommen und werde gleich von einem der Männer im Wasser heftig gepackt. Was jetzt passiert, geht so schnell, dass ich zunächst mit meinem Bewusstsein gar nicht mehr mitkomme: Ich werde sofort mit kräftigen Händen vollkommen untergetaucht.
Das Gebirgswasser ist eiskalt und lässt mich fast erstarren. Wie halten die Assistenten-Männer, die fast zwei Stunden lang ohne Unterbrechung im Wasser stehen werden, dies nur aus? Mir scheint das Blut in den Adern zu gefrieren aufgrund des Kälteschocks. Aber darüber nachzudenken habe ich überhaupt keine Zeit. Denn nun bekomme ich das Gefühl zu ersticken: Kräftige Hände halten die ganze Zeit meinen Kopf unter Wasser.
Soll ich umgebracht werden und einen gewaltsamen Tod durch Ertränkt-Werden erleiden? Solche existentiellen Gefühle kommen mir schlagartig hoch und es wird mir schwarz vor den Augen. Instinktiv und ohne zu überlegen stoße ich mich reflexartig vom Grund des Baches ab, schnelle empor und… brülle mit einem gewaltigen Schrei "alles" heraus. Jetzt erst kommen mir die gellenden Schreie der anderen Männer in den Sinn, die vor mir dran waren.
Noch etwas anderes schießt jetzt blitzartig durch meinen Kopf: die Schreie meines Sohnes während seiner Geburt 15 Jahre zuvor. Beide Erlebnisse fließen nun zusammen - die Schreie meines Sohnes, als er ins Leben kam und meine eigenen Schreie jetzt. Vermutlich habe auch ich selbst schon einmal so existentiell und von innen herausgeschrien - bei meiner eigenen Geburt.
Und so elementar und intensiv wie in diesem Augenblick habe ich erst einmal etwas in meiner bewussten Zeit als Mensch erlebt: meinen Autounfall etwa 15 Jahre zuvor, bei dem es auch um Leben und Tod ging. Nun fließen alle diese Gefühle, Erlebnisse, Bilder und Erinnerungen in einem gewaltigen Strom von Gedanken durch meinen Kopf und ich schreie alles hemmungslos heraus - vor allem meine Angst; und alle Anwesenden haben dafür tiefstes Verständnis, weil sie entweder als die "Untertaucher" die Auslöser dieser Gefühle sind und um den tieferen Sinn dieses Rituals bereits wissen oder weil sie es selbst bereits soeben erlebt haben.
Dann geht alles wieder sehr schnell: Wie in Trance werde ich von meinem Begleiter zu den anderen Männern zurückgeführt, die mich nun als "neugeborenen" Mann begrüßen - mit großer Wärme, Herzlichkeit und mit einer von mir als elementar empfundenen Anerkennung, wie ich sie selten zuvor erleben durfte. Ich habe etwas gewagt - und ich habe Neues gewonnen. Was? Mich selbst, mein Bewusstsein über mich selbst, die Dankbarkeit, dass ich überhaupt da und im Leben bin, d.h. dass ich leben darf, einen ganz neuen Geschmack am Leben usw. - vollkommen geschützt im Kreis gleichgesinnter Männer.
Ich darf mich in diesem Lebensmoment einfach nur fallen lassen und werde aufgefangen von der Gemeinschaft von Männern, die sich alle zumindest in diesem Augenblick auf einer so tiefen, existentiellen Ebene verbunden und nahe fühlen, wie es sonst oft nur in langjährigen Freundschaften oder Partnerschaften der Fall sein kann.
Bleibt nur noch zu erwähnen, dass wir Männer noch stundenlang am Feuer beieinandersitzen und gar nicht nach unten zu unserem Tagungsort gehen wollen. Doch bei Sonnenuntergang müssen wir wieder von der Höhe ins Tal hinabsteigen. Jetzt geht es darum, das Erlebte zu verarbeiten und zu deuten, seinen Sinn im Zusammenhang des Workshops zu erkennen und es in unser Leben zu integrieren. Ich weiß aber schon jetzt, dass ich nicht mehr der gleiche bin wie heute am Morgen. Etwas Wesentliches hat sich in mir ereignet: Heute bin ich mehr Mann geworden. Dieser Artikel soll zugleich eine Würdigung für einen meiner wichtigsten spirituellen Lehrer sein: für Malidoma (gestorben am 9.12.2021). Sein Buch: "Vom Geist Afrikas. Das Leben eines afrikanischen Schamanen" ist mittlerweile vergriffen.



Peter Maier: Lebensberatung, Supervision, Autoren-Tätigkeit

Bücher von Peter Maier:
Heilung - Die befreiende Kraft schamanischer Rituale. Epubli Berlin 2022
Heilung - Plädoyer für eine integrative Medizin. Epubli Berlin 2020
Heilung - Initiation ins Göttliche. Epubli Berlin 2020

Nähere Infos und Buchbezug: www.alternative-heilungswege.de und www.initiation-erwachsenwerden.de


Hinweis zum Artikelbild: © alauli – AdobeStock (auf dem Bild zu sehen ist nicht Malidoma)



Wegwarte, Melisse und Orangenblüte … Heilpflanzentipp von Barbara Simonsohn

Das Dreigestirn der Heilpflanzen für gute Stimmung, starke Nerven und innere Ruhe!

Mäßiger und zeitlich begrenzter Stress, Eustress genannt - "eu" heißt "gut" - befähigt uns zu Höchstleistungen und ist mit Begeisterung, Vorfreude und Glücksgefühlen verbunden. Chronischer Stress oder Disstress - "dis" heißt "schlecht" - kann uns zermürben und unserer Energiereserven leeren. Alle Körpersysteme sind von Stress betroffen, von der Verdauung über die Energieproduktion der Zelle über die Entgiftung und Herztätigkeit bis zum Immunsystem. Es gibt fast keine Krankheiten, von Bluthochdruck über Herz-Kreislauferkrankungen bis Krebs, die nicht durch Stress ausgelöst oder verschlimmert werden können. Schlimmstenfalls landen wir im Burn-out, fühlen uns ausgebrannt, oder im chronischen Müdigkeitssyndrom Fatigue.
Bei Burnout handelt es sich um eine Erschöpfungsdepression. Symptome von Depressionen sind Schlafprobleme, Antriebslosigkeit, das "Gefühl der Gefühllosigkeit", Müdigkeit, Hoffnungslosigkeit und Leistungsabfall. 70 Prozent der Deutschen haben erkannt, dass wir uns "zu Gefangenen gemacht haben zwischen Erwartungen von außen, scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen, und sehen dies kritisch." ("Endlich Zeit für mich", Titelstory STERN Nr. 15 v. 5.4. 2023). Viele haben den Stress von "Fomo" - Fear of missing out", die Angst, etwas zu verpassen.
Unter "Unruhe" verstehen die meisten etwas Vorübergehendes und relativ Harmloses. Allerdings bezeichnet der Begriff in der Psychologie und Psychopathologie seit dem Ende der 1990-er Jahre ein ernstzunehmendes Symptom oder besser Syndrom, weil sich Unruhe in verschiedenen Symptomen äußern kann. Viele Betroffene wippen unbewusst mit den Beinen, und nesteln an Händen oder Haaren. Innere Unruhe kann sich aber auch durch ernste Symptome Ausdruck verschaffen wie Hände- oder Kinnzittern, Kopfschmerzen, Herzrasen oder Herzrhythmusstörungen. Eine Umfrage, die bereits 2005 unter 1078 Frauen zwischen 25 und 65 Jahren gemacht wurden, ergab, dass fast alle - nämlich 97 Prozent - oft oder häufig, oder sogar immer unter Unruhe litten. Gerade Phasen des Lebensübergangs wie Pubertät, Schwangerschaft, Familiengründung, Kinder verlassen das Haus oder die Wechseljahre sind oft von intensiver innerer Unruhe geprägt (A. Meie 2005: "Innovationsreport: 97 Prozent der Frauen in Deutschland leiden unter innerer Unruhe" vom 15.7. 2005).
Chronischer Stress vermindert Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnis, und auch die geforderte Leistung kann nicht mehr erbracht werden. Es werden Fehler bei der Arbeit gemacht, und in Prüfungen kann das Erlernte nicht abgerufen werden, das "Computer-Programm" stürzt quasi ab. Cortisol, das vor allem bei langanhaltendem Stress den Organismus belastet, ist im Übrigen ein Zellgift und macht auf die Dauer krank. Auf Dauer kann ein hoher Cortisolspiegel sogar zur Alzheimer-Erkrankung führen, indem Gehirnzellen schrumpfen und absterben.
Die körperlichen Regulationsmechanismen funktionieren bei Dauerstress nicht mehr, weil sie auf Dauerstress nicht eingerichtet sind. Steigt der Cortisolspiegel in einer Stresssituation, werden normalerweise Glucocorticoid-Rezeptoren im Hippocampus aktiviert, einem Teil im Gehirn, der unter anderem für die Gefühlsverarbeitung zuständig ist. Dadurch wird der Cortisolspiegel gedrosselt, weil die Ausschüttung eines Corticotropin-freisetzendem Hormon namens CRH/CRF unterbunden wird. Bei Menschen, die entweder depressiv sind oder unter chronischem Disstress leiden, wird die Ausschüttung von CRH/CRF im Hypothalamus nicht gebremst, der Cortisolspiegel bleibt hoch oder steigt sogar (vgl. N. Biermann, "Depression - die unverstandene Krankheit", "Pharmazeutische Zeitung", Ausgabe 47/2009.) Man spricht von einer Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse.
"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." von Friedrich Hölderlin: Wie drei Heilpflanzen bei Stress entlasten, Resilienz stärken und vor Burnout schützen.

WALDWEGWARTE
Die Waldwegwarte, lateinisch Cichorium intybus L, wurde schon in der Antike als Heilpflanze verwendet, aufgrund ihrer hohen Konzentration an wertvollen Bitterstoffen vor allem bei Verdauungsstörungen. Die alten Ägypter nannten diese Heilpflanze "Agon". Dioskurides empfahl die Wegwarte bei Gastritis, Plinius nannte sie sogar "Zauberpflanze". Plinius: "Die Magier sagen, wenn man sich mit Öl vermischten Saft der ganzen Pflanze salbe, so würde man von anderen mehr Gunstbezeugungen und alles, was man wolle erhalten." (zitiert nach W. Chr. Simonis, S. 290). Das könnte man so interpretieren: Wenn wir seelisch ausgeglichen und guter Stimmung sind, sind wir beliebter, und alles fällt uns mühelos zu. Karl der Große sorgte 812 dafür, dass sie als Heil- und Nutzpflanze europaweit angebaut wurde. Die "Wegleuchte" wächst bis zu 1 ½ Meter hoch, und ihre lichtblauen Zungenblüten blühen von Juni bis September. Ihr harter Stängel beugt sich weder Sturm noch Regen: die Wegwarte hält Stand.
Eine seit der Antike belegte Anwendung - bei "schwarzer Galle" oder Melancholie - geriet zunächst in Vergessenheit. Im antiken Griechenland ordnete man der Milz die sogenannte "Schwarzgalle" (Melan-Chole = Schwarz-Galle) zu. Überwog er, so wurde der Mensch melancholisch, und seine Leber- und Gallenfunktion war gestört. Die Wegwarte wurde als eines der wenigen Milzmittel zur Anregung von Leber, Galle und Milz eingesetzt und fand zur Heilung von Schwermut Anwendung, wie auch im gesamten Mittelalter. Die Wegwarte wurde auch gegen Hysterie und Hypochondrie eingesetzt, wie ärztliches Schrifttum dokumentiert. Aktuelle Forschungsergebnisse, Näheres weiter unten, bestätigen nun diese alten Erkenntnisse und weisen die beruhigende, stresslösende und angstlösende Wirkung dieser Heilpflanze nach.
In den blauen Blüten der Waldwegwarte kommen Anthocyane vor. Eine Funktion der blauen Farbstoffe beruht darin, Licht in Wärme überzuführen (vgl. W. Chr. Simonis, "Heilpflanzen und Mysterienpflanzen", S. 730). Die Stängel enthalten Cumarine wie Umbelliferon, die frischen Blätter bioaktive Substanzen wie Kaffeesäure, Chicoreesäure, und die Wurzel der Pflanze die Sesquiterpenlactone Lactucin und Lactucopikrin. Die Pflanze schmeckt sehr bitter, wofür ihre Lactuca-Bitterstoffe verantwortlich zeichnen wie Cichoriin in der Blüte, Lactucin in Stängeln und Blättern, Intybin in der Wurzel sowie bitter schmeckende Sesquiterpenlactone in allen Pflanzenteilen. Diese Bitterstoffe wirken nicht nur reinigend und entschlackend, sondern Lactucin sorgt darüber hinaus für einen ruhigen und erholsamen Schlaf. Die blauen Blüten enthalten antioxidativ wirkende Anthocyane, die kraftvollsten Fänger von freien Radikalen, die man kennt.
Wegen der Vielfalt ihrer Heilwirkungen war die Wegwarte "Heilpflanze des Jahres 2020". Die Wegwarte saniert über ihre Bitterstoffe das Darm-Mikrobiom. Ist unsere Darmflora gesund, produziert der Darm mehr Serotonin, einen stimmungsaufhellenden Botenstoff. Mittlerweile bestätigen mehrere Forschungsergebnisse die seelisch ausgleichende Wirkung der Wegwarte. Eine Rolle spielt dabei das natürliche Chrom in der Pflanze, was die Produktion von Tryptophan anregt, eine Vorstufe vom "Wohlfühlhormon" Serotonin. Dr. Edward Bach erkannte die Seelenkräfte der Wegwarte und entwickelte als "Chicory" ein Mittel, das uns hilft, bedingungslos zu lieben - auch sich selbst - und frei zu geben, ohne den Gedanken an eine Gratifikation. Dichter wie Hermann Löns und Novalis haben die Wegwarte besungen. Die geheimnisvolle Blaue Blume wurde zentrales Symbol für die Epoche der Romantik und steht für Sehnsucht, Liebe und das metaphysische Streben nach dem Unendlichen.

MELISSE
Die Melisse ist seit alters her für ihre beruhigende Wirkung bekannt. Melissa officinalis L., so ihr lateinischer Name, war wie die Waldwegwarte schon bei den Griechen und Römern als Gewürz- und Heilpflanze beliebt. Bereits im 16. Jahrhundert war "Melissenwasser" offiziell bekannt. 1611 stellten die Karmelitermönche in Paris den sehr begehrten Karmelitergeist her, der als besonders heilkräftig gilt und den Vorläufer des heute geläufigen Melissengeistes bildet. Die Blätter der bis zu 90 Zentimeter großen Staude mit starkem Zitronenduft enthalten bis zu 0,8 Prozent ätherisches Öl mit Citral und Citronellal als Hauptkomponenten. Außerdem enthalten Melissenblätter Terpene und Lamiaceen-Gerbstoffe, dazu zählen vorwiegend Rosmarinsäure, Kaffeesäure und Chlorogensäure.
Melisse wirkt antibakteriell und virustatisch gegen Viren, aber auch entkrampfend, und beruhigend. Schon Hildegard von Bingen (1098-1179) schrieb: "Die Melisse ist warm. Ein Mensch, der sie isst, lacht gerne, weil ihre Wärme die Milz beeinflusst und daher das Herz erfreut wird." Auch Paracelsus hielt große Stücke auf sie und behandelte damit Herzprobleme und Lähmungen. Die Pflanze kommt auch heute noch bei Herzbeschwerden, Magen-Darm-Leiden, Menstruationsbeschwerden, Schlafstörungen, Unruhezuständen, Kopfschmerzen und Depressionen zur Anwendung. Bei neueren wissenschaftlichen Untersuchungen in Großbritannien wurde festgestellt, dass Melisse die Gehirnleistung verstärkt und dadurch wahrscheinlich Demenzkranken Unterstützung bieten kann (vgl. "Sanfte Medizin für Körper und Seele. Die Melisse im Porträt", w.w.w.nabu.de)

ORANGENBLÜTE
Die dritte Pflanze, die bei Stress und davon bedingter inneren Unruhe hilft, ist die Orangenblüte. Die Orange, lateinisch Cistrus x sinensis L., ist die am häufigsten angebaute Zitrusfrucht der Welt. "Apfelsine" heißt "chinesischer Apfel". In China wurde die Orange schon vor 4000 Jahren angebaut und verspeist. Es gibt mehr als 1000 Sorten.
Es handelt sich um einen immergrünen, bis 13 Meter hohen rundkronigen Baum mit Zweigdornen. Die Blätter sind dunkelgrün, die weißen Blüten wachsen einzeln oder in kleinen Trauben, sie duften intensiv und süß, und haben bis zu 25 Staubblätter. Die Blüten sind reich an ätherischem Öl mit den Hautbestandteilen Limonen, Sabinen, Linalool, Alpha-Terpinen, Myrcen, Benzaldehyd und Farnesol.
Orangenblütenöl gilt als bewährtes Mittel gegen Nervosität, zur Entspannung gegen Prüfungs- und Alltagsstress und zur Förderung der inneren Balance. In der Volksmedizin kommt das ätherische Öl als mild wirkendes Beruhigungsmittel bei Nervosität und Schlafstörungen zum Einsatz. Schon Napoleon soll es bei Feldzügen gegen Angst und Schüchternheit eingesetzt haben. Neroliöl gilt bei Angst und Schockzuständen in der Bachblütentherapie als Notfallmedikation. Es ist DAS "Anti-Schock-Öl" in der Aromatherapie, wirkt lindernd und tröstend zum Beispiel bei Liebeskummer und lindert Ängste. Orangenblüten sind gespeicherte Sonnenkraft und bringen die Freude zurück ins Leben, schenken ein "sonniges Gemüt". Neroli, Orangenblütenwasser, ist auch bei Schülern und Studenten ein beliebtes effektives Prüfungsöl.

Wie wendet man das "Dreigestirn" für die Psyche an, und was sagt die Wissenschaft?
Sie könnten natürlich Waldwegwarte sammeln, Melisse im Garten ernten, beides trocknen, dann getrocknete Orangenblüten hinzugeben und dies als Teemischung nutzen.

Der Gemütswein
Susanne Fischer-Rizzi hat einen "Gemütswein" entwickelt, in dem zu gleichen Teilen Wegwarteblüten, Melisseblätter, Ysop-Blüten und -Blätter gemischt werden, dann mit einer Handvoll Rosinen gemörsert und mit einem Liter Rotwein übergossen werden, was in einem Schraubdeckelglas gut verschlossen drei Wochen stehen gelassen und danach abgeseiht wird. Geben Sie noch Orangenblüten hinein, haben Sie das Dreigestirn für die Seele hergestellt. Anzumerken ist: Alkohol ist nicht jedermanns Sache, auch kleine Mengen gelten neuerdings auf Dauer als gesundheitlich bedenklich.
Der Apotheker Dr. Georgios Pandalis erforschte schon in den 1980er Jahren altbewährte europäischen Pflanzen, die sich in der Volksmedizin bewährt hatten, aber vielfach vergessen wurden, wie den Bärlauch, den "Knoblauch der Germanen", den er als Heilpflanze wiederentdeckte und damit seine Renaissance einläutete.
Aus Waldwegwarte, Melisse und Orangenblüten entwickelte Dr. Pandalis "Blauwarten Bio Mastitabs". Er hatte die Pflanzen gründlich erforscht und festgestellt, dass sie synergetische Wirkungen entfalten, das heißt, sich in ihrer positiven Wirkung auf die Psyche gegenseitig unterstützen. Dr. Pandalis hatte in wissenschaftlichen Studien recherchiert (Hauber 2002, Buckley 2011), dass Lactucin in der Wegwarte als ein sogenannter Adenosin-Rezeptor-Agonist agiert, also die gegenteilige Wirkung von Coffein hat und schlaffördernd wirkt. Lactucopikrin, ein weiterer Lactuca-Bitterstoff der Pflanze, lässt zu hohen Blutdruck sinken und wirkt beruhigend. Der Parasympathikus-Tonus wird erhöht, was dazu beiträgt, die Schlafphasen zu verlängern.
Im Rahmen einer umfangreichen Anwendungsbeobachtungs-Studie über vier Wochen mit 87 Teilnehmern unter Leitung von Dr. med. Bernhard Schweiger wurde eine signifikante Milderung der Beschwerden wie innere Unruhe, Nervosität, Konzentrationsschwäche, Angespanntheit und Einschlafschwierigkeiten bei den Studienteilnehmern beobachtet bei 3 Mal 3 Tabs zu den Mahlzeiten. 65% der Studienteilnehmer beurteilten die Wirkung als "gut", 12% sogar als "sehr gut" (Schweiger 2004 Abschlussbericht: "Anwendungsbeobachtung mit Blauwarten Bio Mastitabs").
Professor Dr. Dr. Holger Kiesewetter führte an der Uniklinik Charité in Berlin eine doppelblinde, prospektive, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit Patienten und Patientinnen durch, die über innere Unruhe klagten. Die Studiendauer betrug 36 Tage. Patienten litten unter Symptomen wie Nervosität, Impulsivität, Antriebslosigkeit, innerer Unruhe und Einschlafschwierigkeiten. Auch hier waren die Ergebnisse signifikant, besonders stark war die Wirkung bei Einschlafschwierigkeiten, Nervosität und Konzentrationsschwäche. Die Ergebnisse der Studie sind ermutigend: "Drei Viertel der Probanden fühlten sich schon nach kurzer Zeit ruhiger, während Antriebslosigkeit, Anspannung und Nervosität sich bei fast 70 Prozent der Versuchspersonen besserten", so der Studienleiter. Das Fazit der Studie: die Blauwarten Bio Mastitabs stellen laut Professor Kiesewetter "eine wirksame und nebenwirkungsarme Alternative zu chemischen Präparaten dar." (vgl. Kiesewetter 11.5. 2005, "Abschlussbericht: Blauwarte bei hyperkinetischem Syndrom"). Eine 2013 durchgeführte Untersuchung zeigte, dass der Extrakt antidepressiv wirkt und als Zusatztherapie bei der Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Demenz empfohlen werden kann (W. Dimpfel, 2013: "Report NCAG 37/13 - Electropharmacogram "Screening", Neurocode AG, Wetzlar).
Die EFSA, Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, stellt zur Melisse fest: "hilft bei der Aufrechterhaltung einer positiven Stimmung und guten kognitiven Funktionen, unterstützt die Entspannung und das geistige und körperliche Wohlbefinden, trägt dazu bei, einen gesunden Schlaf aufrechtzuerhalten." Auch die beiden anderen "Sterne" im Dreigestirn, Waldwegwarte und Orangenblüten, haben nachweislich diese Eigenschaften. Klar können Sie sich selbst einen Tee daraus zubereiten. Wer keine Zeit und Lust zum Sammeln und Präparieren hat, für den gibt es eine wohldurchdachte Alternative mit Rohstoffen aus Bio-Anbau. In einer immer hektischer werdenden Welt ist die Wiederentdeckung dieser drei Anti-Stress-Pflanzen Waldwegwarte, Melisse und Organgenblüten, die nicht müde machen, in meinen Augen von großer Bedeutung.



Barbara Simonsohn (geb. 1954) ist Ernährungsberaterin und Reiki-Lehrerin. Seit 1995 hat Barbara Simonsohn zahlreiche Ratgeber im Bereich der ganzheitlichen Gesundheit veröffentlicht. Ihre Webseite: www.barbara-simonsohn.de

Hinweis zum Artikelbild: © bei AdobeStock | Wegwarte: unpict | Melisse: oxie99 | Orangenblüte: Zaleman



Aus der Forschung: Bor/Borax und Krebs … von Rainer Taufertshöfer

Was die Forschung weiß, Was die Industrie verschweigt - und warum beides nicht reicht

Die Diagnose ist gestellt. Prostatakrebs. Brustkrebs. Oder der erste Verdacht auf etwas, das sich in den kommenden Wochen klären soll. Was dann folgt, sehe ich in meiner Arbeit regelmäßig: das Wachliegen, das obsessive Recherchieren am Küchentisch bis tief in die Nacht, die Suche nach irgendetwas, das Hoffnung gibt.
Der übliche Weg führt zuerst zum Onkologen. Wenn die Chemotherapie nicht hält, was sie verspricht, oder wenn die Nebenwirkungen irgendwann schlimmer werden als das, wogegen sie ursprünglich eingesetzt wurde, kommt der nächste Schritt - Naturheilkunde, Heilpraktiker, manchmal auch irgendwelche Zentren im Ausland, deren Namen man auf Facebook aufgeschnappt hat. Ein kleiner Teil der Menschen, die zu mir kommen, geht noch weiter. Liest alles. Jede Studie, jedes Forum, jede Telegram-Gruppe, bis der Kopf schmerzt und die Verwirrung größer ist als zu Beginn.
Irgendwann stoßen diese Menschen auf eine Substanz, über die in der Mainstream-Medizin niemand mehr spricht und in der alternativen Szene fast nur noch Unsinn kursiert. Seit über zwanzig Jahren liegen zu ihr präklinische Daten vor. In über zwanzig Jahren hat niemand sie ernsthaft klinisch geprüft. Und gleichzeitig wird sie in Foren und auf Kanälen als Geheimtipp gegen Krebs weitergereicht - meistens verbunden mit erfundenen Quellenangaben und maßlos überzogenen Heilversprechen, die dem ganzen Thema mehr schaden als nützen.
Die Substanz ist Bor. Ein Spurenelement, das jeder Mensch ohnehin täglich über die Nahrung aufnimmt, irgendwo zwischen einem und zwei Milligramm pro Tag, je nachdem, wie gemüse- und nussreich er sich ernährt. Kein exotisches Heilmittel. Kein Geheimnis. Aber auch nicht das, was größere Teile des Internets daraus machen wollen.

Was die Onkologie sieht - und was sie systematisch übergeht
Die konventionelle Krebsmedizin hat einen klaren Fokus, und aus ihrer Sicht ist das auch konsequent: Der Tumor soll weg. Dazu wird geschnitten, bestrahlt und chemisch vergiftet. In akuten Situationen rettet das manchmal Leben, und ich bin der Letzte, der das leugnen würde. Aber die Logik, die hinter all diesen Verfahren steht, ist immer dieselbe - zerstöre, was wächst. Frag nicht, warum es wächst.
Die eigentlich entscheidende Frage spielt in der onkologischen Praxis keine Rolle. Warum hat eine Zelle ihre Ordnung verloren? Warum teilt sie sich plötzlich unkontrolliert, obwohl sie Jahrzehnte lang genau wusste, wann sie aufhören muss? Warum ignoriert sie die Signale, die ihre Nachbarzellen ihr geben? Darauf bekommt man in der Onkologie keine Antwort, weil die Frage dort nicht gestellt wird. Man behandelt das, was messbar ist. Den Rest überlässt man dem Zufall oder dem Schicksal.
Und so bleibt ein ganzes Forschungsfeld weitgehend unsichtbar: Substanzen, die nicht töten, sondern regulieren. Substanzen, die nicht den Tumor angreifen, sondern das Milieu verändern, in dem er überhaupt entstehen konnte. Substanzen, die in der Natur vorkommen und deshalb kein pharmazeutisches Unternehmen patentieren kann - mit der Folge, daß sie, egal wie interessant die präklinischen Daten aussehen, kaum jemals den Sprung in eine klinische Studie schaffen. Bor ist ein gutes Beispiel dafür. Und ein beunruhigendes.

Was die Forschung tatsächlich zeigt
Fangen wir mit dem an, was überprüfbar ist. Im Jahr 2004 veröffentlichte die Arbeitsgruppe um Yaping Cui und Curtis Eckhert an der UCLA School of Public Health in Los Angeles eine Auswertung der NHANES-III-Daten - einer der größten US-amerikanischen Ernährungs- und Gesundheitserhebungen überhaupt. Verglichen wurden die Bor-Aufnahmen von 95 Männern mit Prostatakarzinom mit denen von 8.720 männlichen Kontrollpersonen. Das Ergebnis war bemerkenswert: Männer im höchsten Quartil der Bor-Aufnahme hatten ein um 54 Prozent niedrigeres Prostatakrebsrisiko als Männer im niedrigsten Quartil. Die Dosis-Wirkungs-Beziehung war deutlich erkennbar. Die Autoren haben sauber gearbeitet und für die üblichen Verzerrungen adjustiert: Alter, Ethnie, BMI, Rauchen, Alkohol, Kalorienzufuhr. Publiziert wurde das Ganze in Oncology Reports [1].
Das klingt eindrucksvoll, und es ist es auch - vorausgesetzt, man versteht die Grenzen der Studie. 95 Fälle sind keine große Zahl, und das Querschnittsdesign erlaubt keine Aussage über die zeitliche Abfolge. Das heißt: Die Studie kann nicht beantworten, ob weniger Bor tatsächlich zu einem höheren Krebsrisiko führt, oder ob Männer mit Prostatakrebs schlicht eine andere Ernährung entwickeln. Die Autoren schreiben das selbst in aller Deutlichkeit. Wer die Studie ohne diese Einschränkungen zitiert, hat sie entweder nicht gelesen oder absichtlich selektiv gelesen. Beides ist im Umgang mit dem Thema Bor und Krebs nicht selten.
Drei Jahre später kam die Gegenprobe. Die VITAL-Studie, eine prospektive Kohortenuntersuchung mit 35.244 Männern und 832 Prostatakrebsfällen, fand keinen Zusammenhang zwischen Bor-Aufnahme und Prostatakrebsrisiko. Die Hazard Ratio zwischen höchstem und niedrigstem Quartil lag bei 1,17 und war statistisch nicht signifikant. Publiziert in Cancer Causes & Control [8].
Wer sich auf Cui beruft, ohne VITAL zu erwähnen, betreibt Rosinenpickerei. Wer VITAL ins Feld führt und Cui fallen lasst, schließt aus einer einzelnen Negativstudie mehr, als zulässig ist. Die ehrliche Lesart der epidemiologischen Lage ist: Es gibt ein Signal, aber die Studienlage ist uneinheitlich. Mehr lasst sich daraus nicht machen. Weniger aber auch nicht.

Was im Labor passiert
Interessanter wird es, wenn man die Zellkulturarbeiten ansieht. Und hier beginnt das, was mich als jemanden, der seit vielen Jahren mit schwerkranken Menschen arbeitet, nicht mehr loslassen will.
Wade Barranco und Curtis Eckhert an der UCLA publizierten im Dezember 2004 in Cancer Letters [2] eine Arbeit, in der Borsäure - die natürlicherweise im menschlichen Blutplasma zirkulierende Form von Bor - die Proliferation zweier Prostatakrebszelllinien hemmte. Gemeint sind DU-145, ursprünglich aus einer Hirnmetastase gewonnen, und LNCaP, aus einer Lymphknotenmetastase. Die Hemmung war dosisabhängig, und sie trat bei Konzentrationen auf, die im Bereich normaler menschlicher Blutplamaspiegel liegen. Das ist methodologisch kein Detail am Rande. Viele Zellkulturergebnisse werden zu Recht kritisiert, weil sie bei pharmakologisch unrealistischen Konzentrationen erzielt wurden. Bei Barranco war das nicht der Fall.
Zwei Jahre später, im März 2006, folgte im British Journal of Cancer [3] die Beobachtung, die mich bis heute beschäftigt. Borsäure tötete die Krebszellen nicht. Sie löste keine Apoptose aus. Stattdessen geschah etwas anderes: Die behandelten Zellen zeigten in der Zusammenfassung des Papers reduzierte Adhäsion, reduzierte Migration und Invasion sowie Veränderungen im F-Aktin-Gerüst, die auf ein verringertes metastatisches Potenzial hinweisen.
Was dabei konkret passierte: Die Cycline A bis E - die Schlüsselproteine der Zellteilung - wurden dosisabhängig heruntergeregelt. Die MAPK-Proteine, zuständig für Wachstum und zelluläre Wanderung, ebenfalls. Die Daten legen einen seneszenz-ähnlichen Zustand nahe - eine Art biologischen Ruhezustand. Ob dieser Zustand reversibel ist, lässt das Paper offen; die Autoren machen dazu keine abschließende Aussage. Die Zellen wurden nicht zerstört - das ist der Befund. Ob sie dauerhaft stillgelegt sind, bleibt eine offene Frage.
Hier ist auch der Punkt, an dem ein informierter Kritiker zu Recht einhaken wird. Seneszente Zellen - oder Zellen in einem seneszenz-ähnlichen Zustand - sind nicht notwendigerweise harmlos. Über den sogenannten Senescence-Associated Secretory Phenotype (SASP) können sie entzündungsfördernde Zytokine ausschütten, darunter IL-6 und IL-8, die unter bestimmten Bedingungen selbst tumorfördernd wirken können. Das ist kein Randphänomen, sondern aktiver Forschungsstand in der Tumor-Seneszenz-Forschung. Die vorliegenden Bor-Daten sagen dazu nichts, und das muss man sagen. Ob der beobachtete Ruhezustand dieser Zellen einen SASP-Effekt einschließt oder ausschließt, ist nicht untersucht. Das ist eine Forschungslücke, die in der alternativen Szene nie erwähnt wird - aus naheliegenden Gründen.
Einen mechanistischen Hinweis, der diese Befunde ergänzt, liefert eine 2009 veröffentlichte Arbeit aus derselben UCLA-Gruppe. Henderson und Eckhert zeigten in PLoS ONE [7], daß Borsäure die rezeptorgesteuerte intrazelluläre Calciumfreisetzung in Prostatakrebszellen hemmt. Calcium-Signalwege sind eng mit Proliferations- und Migrationsprozessen verknüpft - was hier auf molekularer Ebene sichtbar wird, ergänzt die morphologischen Befunde von Barranco und Eckhert um eine mögliche Erklärungsebene. Das ist keine Erkärung, das ist ein Puzzlestück.
Soweit die Daten. Was jetzt kommt, ist nicht mehr Studie. Es ist die Frage, die sich mir stellt, wenn ich diese Befunde mit dem abgleiche, was ich in der Arbeit mit schwerkranken Menschen seit Jahren beobachte.
In der konventionellen Onkologie werden solche Ergebnisse regelmäßig mit einem Schulterzucken quittiert. Eine Substanz, die nicht tötet - was soll man damit anfangen? Diese Reaktion verrät mehr über die Denkweise der modernen Krebsmedizin als über Bor. Wer nur ein Werkzeug kennt, um Krebs zu behandeln, nämlich die Zerstörung, der kann mit einem Wirkprinzip, das auf Regulation statt Vernichtung beruht, wenig anfangen. Für mich weist gerade das Ergebnis von Barranco und Eckhert auf etwas hin, was aus der inneren Logik der Onkologie heraus gar nicht gesehen werden kann.

Der Widerspruch, den niemand verstecken darf
Im April 2007 präsentierten Stephen Carper und Kollegen von der University of Nevada Las Vegas auf der Jahrestagung der American Association for Cancer Research Daten zu Brustkrebszelllinien [5]. Wichtig: Es handelt sich um einen Conference Abstract, nicht um eine begutachtete Vollpublikation - methodologisch ein Unterschied, der bei der Gewichtung dieser Daten zählt. Borsäure hemmte demnach das Wachstum von ZR-75-1 und SK-BR-3 und löste in diesen Linien Apoptose aus, bestätigt durch Flowzytometrie und Caspase-3-Assay. Vier weitere Linien - MDA-MB-231, MDA-MB-435, MCF-7 und T-47D - reagierten nicht.
Nur ein Jahr später publizierte die Gruppe um Romulus Scorei aus Rumänien in Biological Trace Element Research [6] eine Studie, die genau bei MDA-MB-231, jener Zelllinie, die Carper als unempfindlich beschrieben hatte, eine dosisabhängige Proliferationshemmung dokumentierte. Zusätzlich verglich die rumänische Gruppe Borsäure mit Calciumfructoborat. Beide hemmten das Wachstum, aber nur das Calciumfructoborat löste auch Apoptose aus.
Das ist ein direkter Widerspruch zwischen zwei unabhängigen Arbeitsgruppen, die beide sauber gearbeitet haben. Möglicherweise lag es an unterschiedlichen Konzentrationen, an Expositionszeiten, an den konkreten Kulturbedingungen. Vielleicht zeigt es aber auch, dass die Datenlage bei diesen frühen Arbeiten einfach inkonsistenter ist, als die begeisterten Zitierungen in der alternativen Szene es gerne hätten. In der biomedizinischen Forschung sind solche Widersprüche weit häufiger, als in der öffentlichen Darstellung zugegeben wird. Ich verschweige diesen Widerspruch nicht. Ich benenne ihn, weil genau hier die Trennlinie verläuft zwischen jemandem, der Quellen tatsächlich gelesen hat, und jemandem, der nur das zitiert, was ihm ins Konzept passt.

Das Tiermodell - und die Stille danach
Ebenfalls im Jahr 2004 publizierten Maria Gallardo-Williams und Kollegen, affiliiert am US-amerikanischen National Institute of Environmental Health Sciences, in Toxicologic Pathology [4] eine Arbeit, die mich in ihrer Deutlichkeit bis heute verblüfft. Sie transplantierten menschliche LNCaP-Prostatatumoren in immundefiziente Mäuse und verabreichten einer Versuchsgruppe Bor über das Futter. Die Ergebnisse: Die PSA-Werte sanken um 88 Prozent. Die Tumorgröße wurde um ein Viertel bis über ein Drittel reduziert, je nach Dosierungsgruppe. Die Expression von IGF-1 im Tumorgewebe war signifikant vermindert.
Das sind Zahlen, die jeder Onkologe zur Kenntnis nehmen sollte - mit dem Vorbehalt, der bei Xenograft-Modellen immer gilt: Immundefiziente Mäuse mit transplantierten menschlichen Tumoren sind ein artifizielles System. Die Übertragbarkeit auf die klinische Situation des Menschen ist nicht garantiert, und Xenograft-Daten sind historisch oft vielversprechender ausgefallen als das, was sich in klinischen Studien später gezeigt hat. Das schmälert die Relevanz dieser Zahlen nicht - aber es relativiert sie.
Und dann: nichts. Nach dieser Arbeit und einer früheren Arbeit derselben Gruppe zur PSA-Hemmung durch Borsäure (Prostate 2003) [10] sind keine weiteren Publikationen von Gallardo-Williams zu diesem Thema erschienen. Fehlende Finanzierung? Mangelnde Reproduzierbarkeit? Institutionelles Desinteresse? Es ist öffentlich nicht dokumentiert. Aber die Frage, warum eine so vielversprechende Studienreihe einfach abbricht, ist legitim - und wer sie nicht stellt, hat nicht verstanden, wie die biomedizinische Forschung im 21. Jahrhundert tatsächlich funktioniert.

Die pharmazeutische Doppelmoral
Die Pharmaindustrie ist keineswegs blind für die chemischen Eigenschaften des Elements Bor. Sie nutzt es längst. Bortezomib, vermarktet unter dem Handelsnamen Velcade, ist ein Dipeptid-Boronsäure-Derivat und wurde von der FDA als Proteasom-Inhibitor für die Behandlung des Multiplen Myeloms zugelassen. Es ist eines von inzwischen mehreren FDA-zugelassenen Medikamenten, in denen eine Boronsäuregruppe das pharmakologisch aktive Strukturelement darstellt.
Ich muss an dieser Stelle präzise sein, sonst macht man sich angreifbar: Bortezomib wirkt über einen völlig anderen Mechanismus als einfache Borate. Die Borgruppe bindet dort kovalent an das aktive Zentrum des 26S-Proteasoms und greift hochspezifisch in den intrazellulären Proteinabbau ein. Das hat mit den Regulationseffekten der einfachen Borsäure, von denen die präklinischen Arbeiten von Barranco und Eckhert berichten, direkt nichts zu tun. Wer in Telegram-Gruppen verbreitet, Borax und Bortezomib seien im Grunde dasselbe, weil in beiden Bor enthalten sei, versteht weder das eine noch das andere - und diskreditiert damit genau jene Forschung, auf die er sich eigentlich berufen will.
Aber der Vergleich legt etwas anderes offen, und das ist der eigentlich interessante Punkt. Die Pharmaindustrie hat das chemische Potenzial von Bor-Verbindungen längst erkannt. Sie hat daraus patentierbare Moleküle entwickelt, die heute Milliardenumsätze generieren. Und sie lässt gleichzeitig eine viel einfachere, naheliegendere Frage systematisch unbeantwortet - nämlich die Frage, ob natürlich vorkommende Borate über andere molekulare Wege vergleichbare regulatorische Effekte auf Tumorzellen ausüben können. Diese Frage wird nicht gestellt, weil die Antwort darauf nicht patentierbar und damit nicht kapitalisierbar wäre.
Der Mechanismus, der dahinter liegt, ist einfach zu durchschauen, wenn man sich einmal die Mühe macht. Was nicht patentierbar ist, wird nicht finanziert. Was nicht finanziert wird, wird nicht klinisch geprüft. Was nicht klinisch geprüft ist, gilt in der offiziellen Medizin als nicht bewiesen. Und was als nicht bewiesen gilt, darf dort nicht angewendet werden. So schließt sich der Kreis, und so entstehen die Forschungslücken, die wir hier sehen.
Das ist, um es ganz klar zu sagen, keine Verschwörung. Es ist schlicht die Funktionslogik eines Systems, in dem medizinischer Fortschritt an die Verfügbarkeit von Risikokapital gekoppelt ist und in dem Substanzen, die kein Unternehmen exklusiv vermarkten kann, keinen Fürsprecher finden. Wer diese Logik einmal verstanden hat, sieht die Welt der biomedizinischen Forschung mit anderen Augen. Und versteht, warum manche der interessantesten präklinischen Befunde seit Jahrzehnten brachliegen, ohne daß jemand sie aufgreift.

Die Stille seit 2012
Die Hauptlast der präklinischen Arbeit zu Bor und Krebs hat über Jahre die Arbeitsgruppe um Curtis Eckhert an der UCLA getragen [2, 3, 7]. Ergänzt wurde sie durch Gallardo-Williams am NIEHS [4, 10], durch Carper und Meacham an der University of Nevada Las Vegas [5, 9] und durch die Gruppe um Scorei in Rumänien [6]. Wer die Literatur systematisch durchsieht, stellt etwas Bemerkenswertes fest: Die zentralen Outcome-Befunde - die epidemiologischen Daten, das Tiermodell, die ersten in-vitro-Hemmungsbefunde - fallen in den Zeitraum zwischen 2003 und 2012. Was danach folgte, beschränkt sich auf mechanistische Detailarbeiten derselben Gruppe um Eckhert. Curtis Eckhert trägt inzwischen den Status eines Professor Emeritus. In über einem Jahrzehnt hat keine einzige Forschungsgruppe weltweit die vorhandenen Befunde in eine Phase-II- oder Phase-III-Studie überführt. Das ist eine Aussage, die sich überprüfen lässt - und die zutrifft.
Ob das ausschließlich an fehlender Finanzierung liegt, oder ob auch andere Faktoren eine Rolle spielen - ob etwa junge Wissenschaftler, die dieses Thema hätten weiterverfolgen wollen, karrieretechnische Nachteile befürchten mussten -, ist nicht dokumentiert. Aber es ist eine Frage, die gestellt werden muss, wenn man ernsthaft an einer evidenzbasierten Medizin interessiert ist.

Was die alternative Szene daraus macht - und warum es schadet
Wer in Telegram-Gruppen oder auf einschlägigen Foren nach den Stichworten "Bor" und "Krebs" sucht, findet innerhalb weniger Minuten Texte, die mit Quellenangaben aufwarten, die näher betrachtet nicht existieren. Studien, die nie geschrieben wurden. DOIs, die ins Leere führen. Journals, die es zwar gibt, in denen die behauptete Arbeit aber nicht erschienen ist. KI-generierte Phantomquellen, professionell formatiert, ausgestattet mit allem, was Seriösität simuliert - und im Kern doch nur frei erfundener Unsinn.
Das ist nicht nur schlampig, das ist in der Wirkung verheerend. Es diskreditiert ein legitimes Forschungsfeld. Jeder Onkologe, der einen solchen Text liest und die angegebenen Quellen prüft, wird in seinem Vorurteil bestätigt: Die alternative Szene erfindet sich ihre Evidenz, wenn sie welche braucht. Und in dem konkreten Fall, den er gerade in den Händen hält, hat er damit recht. Das ist das eigentlich Tragische.
Das Problem ist also nicht die Forschung zu Bor. Die Daten, über die ich in diesem Artikel geschrieben habe, sind real, sind publiziert, sind in PubMed unter den im Quellenverzeichnis genannten Fundstellen nachprüfbar, und sie sind wissenschaftlich interessant genug, um eine ernsthafte Diskussion zu tragen. Das Problem sind Menschen, die zu faul oder zu unfähig sind, die tatsächliche Forschungslage zu recherchieren, und die stattdessen Texte in Umlauf bringen, die das gesamte Feld beschädigen. Ihnen ist das Thema wichtiger als die Wahrheit über das Thema. Und das ist in meinen Augen unverzeihlich.

Die Frage hinter der Frage
Hier beginnt das, was über die reine Biochemie hinausgeht. Was passiert eigentlich, wenn eine Zelle in einen Ruhezustand übergeht? Wenn sie aufhört, sich unkontrolliert zu teilen, und ihre aggressiven Eigenschaften verliert? Die konventionelle molekularbiologische Antwort lautet: Ein chemisches Signal hat einen Signalweg aktiviert, der die Zellzyklusproteine heruntergeregelt hat. Cycline runter, MAPK runter, Proliferation stoppt. Alles sauber beschreibbar, alles Biochemie, alles gut dokumentiert.
Aber damit ist die eigentlich interessante Frage noch nicht einmal berührt. Warum hat diese Zelle ihre Fähigkeit zur Ordnung überhaupt verloren? Warum hat sie angefangen, jene Signale zu ignorieren, die sie in den Jahrzehnten zuvor völlig zuverlässig in ihr Gewebe eingefasst haben? Warum ist eine Zelle, die ein Leben lang im Takt mit ihren Nachbarzellen geschwungen hat, plötzlich aus diesem Takt gefallen?
Die Schulmedizin sagt: Mutation, genetischer Schaden, Zufall. Die Naturheilkunde sagt: Terrain, Übersäuerung, Toxinbelastung. Die Psychosomatik sagt: unverarbeitete Konflikte, die sich im Körper manifestieren. All das trifft jeweils einen Aspekt. Keines dieser Modelle trifft das Ganze.
Die Studien zu Bor zeigen präklinisch Folgendes: Eine Substanz, die keine Zelle tötet, kann unter Laborbedingungen Krebszellen in einen geordneten Ruhezustand überführen. So viel, und nur so viel, sagen die Daten.
Was ich darin sehe - und das ist jetzt meine Lesart, nicht die der Forscher, die die Arbeiten publiziert haben - ist ein Hinweis auf etwas Größeres. Nämlich die Möglichkeit, dass biologische Systeme nicht ausschließlich zerstört oder repariert, sondern unter bestimmten Bedingungen auch in Richtung Kohärenz zurückgeführt werden können. Nicht durch Gewalt, sondern durch einen Impuls, der das Milieu verändert, aus dem die Störung hervorgegangen ist. Die Biochemie beschreibt dabei Signalwege und Proteine, und das ist korrekt und notwendig. Aber sie beschreibt möglicherweise nicht die ganze Geschichte. Das ist keine esoterische Spekulation. Das ist die Frage, die sich aufdrängt, wenn man diese Daten wirklich ernst nimmt.
Ob diese Lesart zutrifft, lässt sich mit den vorliegenden Daten weder beweisen noch widerlegen. Aber sie ist die Frage, die mich seit Jahren nicht mehr löst. Und sie lässt sich mit reinem Wissen nicht beantworten.

Warum Wissen allein nicht heilt
Wir leben in einer Zeit, in der jeder Mensch im Prinzip alles wissen kann. Über Bor. Über Krebs. Über Seneszenz, Cycline, MAPK-Signalwege. Die Information ist verfügbar, jederzeit, in Sekundenschnelle, kostenlos. Und trotzdem, und das ist das Paradox unserer Zeit, werden die Menschen nicht gesünder. Sie werden besser informiert. Das ist nicht dasselbe.
Man kann wirklich alles über Bor wissen und trotzdem krank bleiben. Man kann jede verfügbare Studie gelesen, jede Dosierung im Kopf haben, jedes kursierende Protokoll befolgt haben - und trotzdem am Ende dort stehen, wo man angefangen hat. Das liegt nicht daran, dass das Wissen falsch wäre. Es liegt daran, dass Information allein niemals ein biologisches oder seelisches System wieder in Ordnung bringt.
Information verändert, was man weiß. Transformation verändert, wer man ist. Das ist ein Unterschied, den man nicht theoretisch erfassen kann - man muss ihn durchleben. Und diese Art von Transformation geschieht nicht durch Lesen, nicht durch Protokolle und auch nicht durch Substanzen allein. Sie geschieht durch Begegnung mit einem anderen Menschen, der die Ebenen kennt und der im Gespräch etwas miträgt, was sich in keinem Text abbilden lässt.

Was im Netz nicht steht
Dass die Quellen in der alternativen Szene erfunden sind, ist das eine. Dass auch die Anwendungslogik, die dort kursiert, in weiten Teilen nicht stimmt, ist das andere. Und das wird selten ausgesprochen, weil es niemandem nützt - weder denen, die Protokolle verkaufen, noch denen, die sie befolgen wollen.
Ich habe mit Bor über Jahre gearbeitet. Nicht theoretisch. Nicht als Literaturübersicht. In der Beobachtung an Menschen, die schwer krank waren und bereit, einen Weg zu gehen, der sich nicht aus Foren ableiten lasst. Was dabei entstanden ist, ist Erfahrungswissen - über Kontext, über Dosierung, über Timing, über das Zusammenspiel mit anderen Prozessen, die parallel im Organismus laufen. Dieses Wissen deckt sich nicht mit dem, was als Standardprotokoll durch die Kanäle gereicht wird. An entscheidenden Stellen widerspricht es ihm.
Es ist auch nirgends publiziert, und ich sage dazu gleich etwas Wichtiges: Nicht, weil es geheim wäre, sondern weil es aus einer Arbeitsweise entsteht, die sich nicht in ein Protokoll pressen lasst. Ein Text kann niemals abbilden, was ein konkreter Mensch, der mir gegenübersitzt, in seiner konkreten Situation braucht. Eine Tabelle kann nicht ersetzen, was in der Beobachtung über Wochen und Monate hinweg sichtbar wird. Kein PDF der Welt kann das tragen, was in einer tatsächlichen Begegnung zwischen zwei Menschen entschieden werden muss. Darum kann und wird dieses Wissen auch nie vollständig digitalisiert werden. Das Internet ist voll von Bor- und Borax-Artikeln. Von dem, was zählt, steht dort nichts.

Was bleibt
Bor ist kein Wundermittel, und ich werde es auch nie als eines bezeichnen. Es ist ein Spurenelement mit interessanter präklinischer Evidenz, die aus Gründen, die nicht in den Daten selbst liegen, sondern im übergeordneten Forschungs- und Finanzierungssystem, bislang nicht in die klinische Prüfung gelangt ist. Das sind zwei sehr unterschiedliche Dinge, und wer sie verwechselt, bekommt ein verzerrtes Bild von dem, was möglich wäre, wenn dieses System anders funktionieren würde.
Wer die Forschungslage tatsächlich kennt - in ihren Stärken und in ihren Grenzen gleichermaßen -, ist im Verständnis dieses Themas ein gutes Stück weiter als die meisten Onkologen und als die allermeisten Akteure der alternativen Szene. Er hat Fakten. Was er damit allein aber noch nicht hat, ist eine Antwort auf die Frage, die ihn vermutlich erst in diesen Artikel hineingeführt hat: Warum ist mein Körper aus der Ordnung geraten? Warum gerade jetzt? Warum gerade ich?
Diese Antwort findet man nicht in Studien, nicht in Protokollen und auch nicht im Internet. Man findet sie, wenn überhaupt, im Gespräch mit einem Menschen, der diese Ebenen kennt und der über die Werkzeuge hinaus etwas hat, was sich nicht abkürzen und was sich nicht aus Büchern lernen lasst. Erfahrung. Präsenz. Und die Bereitschaft, den konkreten Menschen, der im Raum sitzt, ernster zu nehmen als jedes Protokoll, das gerade durch das Internet gereicht wird.
Mehr habe ich dazu an dieser Stelle nicht zu sagen. Der Rest ergibt sich im Gespräch - für die, die ihn suchen.



Rainer Taufertshöfer ist freier Medizinjournalist, Heilpraktiker, Forscher, Seminarleiter und Referent. Sein Motto: „Wer nur bekämpft, was sichtbar ist, verpasst, was dahinterliegt”. Zu Rainer Taufertshöfer kommen Menschen, die schon viel versucht haben: Schulmedizin, Naturheilkunde, die bekannten Zentren, die einschlägigen Namen – Jahre der Suche, Regale voller Bücher, Ordner voller Befunde. Manche haben alles durch und stehen trotzdem noch am Anfang. Für diese Menschen arbeitet er. Weitere Infos telefonisch +49 (0)5536-2353056 oder auf www.rainer-taufertshoefer-medizinjournalist.de

Bücher von Rainer Taufertshöfer: Clordioxid. Potenzial und Grenzen. Weitergedacht. Was weder Befürworter noch Kritiker sagen. BoD 4.2026, Hardcover, 444 Seiten, 54 Euro
Neue schwarze Salbe. Handbuch: Die (r)evolutionäre Kraft der neuen schwarzen Salbe und ihrer ‚Indian Herbs Kapseln‘ gegen Krebs. Jim Humble Verlag 11.2023. Hardcover, 200 Seiten, 36,90 Euro

Quellenverzeichnis
[1] Cui Y, Winton MI, Zhang ZF, Rainey C, Marshall J, De Kernion JB, Eckhert CD: Dietary boron intake and prostate cancer risk. Oncology Reports 11(4):887–892, 2004. PMID: 15010890
[2] Barranco WT, Eckhert CD: Boric acid inhibits human prostate cancer cell proliferation. Cancer Letters 216(1):21–29, 2004. PMID: 15500945
[3] Barranco WT, Eckhert CD: Cellular changes in boric acid-treated DU-145 prostate cancer cells. British Journal of Cancer 94(6):884–890, 2006. PMID: 16495920
[4] Gallardo-Williams MT, Chapin RE, King PE, Moser GJ, Goldsworthy TL, Morrison JP, Maronpot RR: Boron supplementation inhibits the growth and local expression of IGF-1 in human prostate adenocarcinoma (LNCaP) tumors in nude mice. Toxicologic Pathology 32(1):73–78, 2004. PMID: 14713551
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