Artikel aus der Ausgabe 9/10-2026
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Artikel aus der Ausgabe September/Oktober 2026
- Sehnsucht – als schöpferische Kraft ... von Wolf Sugata Schneider
- Sehnsucht nach Geborgenheit und Verbundenheit ... von Clara Welten
- Sehnsucht – Die Suche nach dem Heiligen Gral ... von Tatjana Haas
- Es braucht die Leere ... von Yvonne Wöbcke
- Die falsch verstandene Liebe ... von Caroline Raasch
- Wenn vertraute Wege sich leise trennen ... von Claudia und Stephan Möritz
- Kiefergelenkschmerzen und Zähneknirschen ... Interview mit der Zahnärztin Dr. med. dent. Mandy Scheunchen
- Der Queller oder „Meeresspargel“ ... von Barbara Simonsohn
- Algenöl statt Budwig Öl-Quark – Die bessere Omega-3-Quelle ... von Rainer Taufertshöfer
Sehnsucht – als schöpferische Kraft ... von Wolf Sugata Schneider
Schlager gibt es in allen Kulturen der Welt. Überall dort, wo eine Musikindustrie sich von der Vermarktung menschlicher Sehnsüchte einen Gewinn erwartet. Meist geht es da um die Sehnsucht nach Liebe. Schlager thematisieren manchmal aber auch andere Sehnsüchte, je unerreichbarer, desto besser fürs Geschäft. Auch nach Freiheit und sozialem Heldentum sehnen wir uns und nach Akzeptanz von "I am what I am" (Gloria Gaynor), d. h. "von Gott akzeptiert" zu werden, so, wie in dem Gospel "When the Saints go marching in" - obwohl dieses Lied nicht nur der Pop-Musik angehört, sondern auch ein Jazz-Evergreen ist. Jedenfalls spricht es unsere Sehnsucht nach Vollkommenheit an: Beim Jüngsten Gericht wollen wir unter den Heiligen sein und mit ihnen zusammen ins Himmelreich des ewigen Lebens hineinspazieren.
Sehnsucht nach Höherem
Nicht mehr hungern müssen und ein Dach überm Kopf haben, das kommt in den Schlagern eher nicht vor. Für diese Hörer scheint es schon erfüllt zu sein. Sie sehnen sich nach etwas Höherem, das noch nicht gestillt ist, wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind. Sie besingen eine Sehnsucht, die auch dann noch bleibt, wenn sie Medaillen gewonnen und Mitbewerber übertrumpft haben oder unermesslich reich geworden sind. Ist das dann eine spirituelle Sehnsucht - oder nur ein Luxusproblem? Jan Loffeld schrieb über die vermeintliche religiöse Indifferenz der Gegenwart ein viel beachtetes Buch mit dem Titel "Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt".
Sektenpfarrer
In Berlin sind zurzeit noch etwa 19 % der Einwohner Mitglied in einer der beiden großen Kirchen. Bis 2040 wird das gemäß aktuellem Trend auf circa 11 % absinken. Bis 2050 gutmöglich auf unter 5 %. Etwa zwei Drittel evangelisch, ein Drittel katholisch. Die Prognosen besagen, dass die Kirchen sich auf die Größe von Sekten verkleinern werden, das heißt von religiösen Minderheiten, wie sie vor zwei Generationen noch von den "Sektenpfarrern" der Großkirchen im Schulterschluss mit den Staatsmedien (Tagesschau & Co) diffamiert wurden, weil sie den Nimbus der Großkirchen, die sich für too big to fail hielten, zu untergraben schienen.
Wohin mit unserer Sehnsucht?
Wenn die alten Kirchen, vielleicht ähnlich den "Altparteien", sich im Getümmel der kommenden KI-gesteuerten Algokratie zu immer irrelevanteren Institutionen in Richtung auf völlige Irrelevanz bewegen, wohin dann mit unserer Sehnsucht nach dem Absoluten? Nach dem, was frühere Kulturen "Gott" nannten und ich heute das Transzendieren der eigenen Echokammer nenne. Wohin mit dieser Sehnsucht, wenn Schlager, Predigten und sogar die immer persönlicheren Empfehlungen unserer Lieblings-KI uns immer noch unerfüllt hinterlassen? Die in Hunderte diverser Kultgruppen zersplitterte spirituelle Szene bedient dieses Bedürfnis ja schon heute nur mit "gefühlten Wahrheiten". Was kann dann und schon heute die auch in einem profanen Deutschland noch immer vorhandene Sehnsucht nach mehr stillen … diesen Verzweiflungsschrei aus dem Herz der Midlife-Crisis: "Das kann doch nicht schon alles gewesen sein!"?
"Religiös unmusikalisch", gibt es das?
Auf einer der Bühnen meiner Lokalität Greven im Münsterland luden mein örtlicher katholischer Pfarrer und ich zu einem Dialog über den Wesenskern von Buddhismus und Christentum ein. Ihr findet das Gespräch in meinem Youtube-Kanal "Sugata und der Wolf". Eine von den 30 Besuchern sagte danach, dass sie mit dem Gesagten nicht viel anfangen könne. Das führt mich zu der Frage, ob es Menschen gibt, denen Profanität genügt? Pro-fan kommt aus dem Lateinischen und meint das, was sich vor (pro) dem Heiligen (fanum) befindet. Mein Namensvetter Wolf Schneider galt als der deutsche Sprachpapst; ich hatte ihm mein durchaus evidenzbasiertes Buch "Zauberkraft der Sprache" zugeschickt, daraufhin schrieb er mir, er sei "religiös unmusikalisch". Gibt es das? Psychotherapeuten, Coaches und Seelsorger sind sich weithin einig, dass wir Menschen auf die eine oder andere Art auf der Suche nach "Höherem" sind. Die bekannteste grafische Darstellung dieser Motivation ist die Maslowsche Bedürfnispyramide. Ob die Suche nach Selbstverwirklichung und Transzendenz, die dort ganz oben steht, nun spirituell oder religiös zu nennen ist, das halte man, wie man will. Ich stimme in der Hinsicht Ken Wilber zu: Menschen, für die Liebe, Gerechtigkeit oder Respekt ein ultimativer Wert ist, nennt er spirituell.
Sehnsucht nach der bedingungslosen Liebe
Der Liebe im eigenen Wertesystem den höchsten Platz zu geben ist eine Ausrichtung, die alles andere transzendieren kann. So wie früher die nach Gottgefälligkeit strebenden Menschen es konnten. Eine bedingte Liebe wäre doch ein Tauschhandel: Nur, wenn ich das oder das tue, werde ich geliebt. Solcher Ablasshandel traf schon 1517 auf Widerwillen und spaltete die Kirche: "Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt". Für weniger als die bedingungslose Liebe wollen wir uns nicht opfern. Im Alltag des real existierenden Lebens finden wir jedoch immer nur bedingte Liebe. Immer gibt es irgendwo eine rote Linie, die wir nicht überschreiten dürfen gegenüber denen, die doch beteuern, uns zu lieben. So ist es eben im irdischen Leben. Trotzdem sehnen wir uns nach dem Absoluten, Unbedingten.
Weg mit dem alten Kram
Das Buch "Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt" des Theologen Jan Loffeld erschien 2024. Es bekam in Fachkreisen viel Aufmerksamkeit, weil er darin dem Elefanten im Raum - der religiösen Indifferenz - einen Namen gab: Was, wenn wir in einer Gesellschaft mit funktionierendem Sozial- und Bildungssystem keine Theologie mehr brauchen und auch keine Kirchen? Was, wenn dieser ganze alte Kram wegkann? Es wollte ja schon die Französische Revolution auf ihrem Weg in eine gerechte Gesellschaft in einem Aufwasch nicht nur den Adel, sondern auch den Klerus abschaffen.
Sich nicht mit dem Gegebenen abfinden
Ich setze dem einen Impuls entgegen, den einige spirituelle Lehrer the divine discontent genannt haben: die göttliche Unzufriedenheit oder Unruhe. Gemeint ist das Sich-nicht-Abfinden mit dem Leiden und der Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins. Der irdischen Sinnlosigkeit trotzen, indem man einen Sinn kreiert, aus Mitgefühl mit sich selbst und allem, was da sonst noch leidet. Boddhisattvas hat der Mahayana-Buddhismus solche Menschen genannt. Nachdem sie alles verstanden haben, was für einen Menschen zu verstehen ist, heben sie trotzdem nicht ab und machen sich davon ins Nirvana der Selbstgenügsamkeit, sondern bleiben. Sie bleiben im Ich und im Körper, im irdischen Dasein, so lange es dort noch Lebewesen gibt, die leiden.
Tatkraft
Mit seiner schöpferischen Unruhe ist der Bodhisattva eher ein Treibender als ein Getriebener. Er ist ein Gewordener, insofern Erschaffener und als solcher auch Schöpfer, weil er die ihm gegebenen Optionen nicht leugnet, sondern tatkräftig angeht, soweit ihm das in seinem Wirkungsraum möglich ist. Als Schöpfer maßt er sich nicht an, dass das von ihm Vorgefundene von ihm erschaffen wurde. Diese Haltung des "Bessern-Wollens" ist also keine Blasphemie und nicht einmal Größenwahn. Sie überschreitet allerdings den Kleinheitswahn. Cool ist ein Bodhisatta nicht, das wäre Abschottung. Als Bodhisattvas sind wir nahbar.
Vom Ich um zum Wir
Den Sinn des Lebens finden wir jedenfalls nicht vor, so sehr wir auch danach suchen. Es gibt ihn erst, wenn wir ihn erschaffen. Jede für sich als Einzelne. Jeder für sich als Einzelner. Aber auch kollektiv. Womit wir beim Weg vom Ich zum Wir wären, beim Geben ist seliger denn Nehmen. Denn mit zunehmender individueller Reife suchen wir immer weniger nach dem, was wir bekommen können. Stattdessen beglückt uns, was wir geben können.
Wolf Sugata Schneider, Jg. 52. 1985-2015. Hrsg. der Zeitschrift Connection. Autor von »Sei dir selbst ein Witz« (2022). www.connection.de, www.bewusstseinserheiterung.info, www.ankommen.website
Hinweis zum Artikelbild: © Dmitry – AdobeStock
Sehnsucht nach Geborgenheit und Verbundenheit ... von Clara Welten
Eine Erinnerungsspur, die unser Leben begleitet
Sehnsucht - eine schmerzliche oder sich gut anfühlende Emotion? Ist sie überhaupt ein Gefühl oder eher eine Erinnerung aus weit entfernten Zeiten? Und wonach sind wir sehnsüchtig?
Vielleicht ist es so, dass viele Menschen eine eher unbeschreibliche, wage Vorstellung von der Sehnsucht haben, sie jedoch manchmal als ein Ziehen im Solarplexus spüren, im oberen Bauch? Vielleicht nimmst du auch ein Fernweh wahr, das dich ruft, und doch weißt du nicht genau, woher und wohin? Möglicherweise ist es auch eine leise Melodie im Hintergrund deines Daseins, eine sanfte Musik, die dich begleitet und immer da ist?
Ich habe den Eindruck, dass wir die Sehnsucht dann wahrnehmen, wenn wir "vermissen" - Liebe, Geborgenheit, Wärme, tiefe Zufriedenheit. Jedoch in dem Moment, in dem wir glücklich und beseelt sind, scheint sie in den Hintergrund zu treten. Ist sie dann weg oder hat sie sich quasi erfüllt?
Ich persönlich nehme Sehnsucht als ein Ziehen in der Magengegend wahr, wenn ich geliebte Menschen meines Herzens über einen längeren Zeitraum hinweg nicht sehen kann, wenn ich die Wärme und Geborgenheit des Miteinanders, aus dem wir schöpfen, wenn wir beieinander sind, "nur noch" als Sehnsucht fühle, als ein "sehnen nach". Dann schmerzt sie, süßlich warm, weil daran erinnernd, wie schön es war, in dem Gefühl der Verbundenheit gemeinsam zu wohnen und rot stechend, weil ein Vermissen meinen Innenraum im Körper ausfüllt.
Wie es auch für dich sei: Ich möchte dich auf eine tiefenpsychologische und spirituelle Reise mitnehmen, die ich bereits seit über 30 Jahren so spannend finde. Damals begann ich, mich mit dem Gefühl der Sehnsucht psychoanalytisch auseinanderzusetzen, und mich berührte exakt die Frage, wonach ich mich denn eigentlich, körperlich schmerzlich, so stark sehne? Ich fand eine Antwort, die ich an dieser Stelle gerne mit dir teilen möchte: Dafür nehme ich dich dank der Wissenschaft der Tiefenpsychologie in den vorgeburtlichen Raum mit, in die erste pränatale (vorgeburtliche) Zeit der menschlichen Existenz, in dem zwei Menschen das einzige Mal im irdischen Dasein miteinander so verbunden sind, dass das heranwachsende Menschenkind sich EINS fühlt mit der Person, in der es aufwächst: Wir sprechen hier von der physischen Symbiose, die wir später als seelische Verbundenheit, als Einheitsgefühl wieder erinnernd suchen. Wie können wir uns diese Zeit im Mutterleib vorstellen?
Wird die Eizelle befruchtet, beginnt Leben, und ein Kind wächst heran. Der Embryo befindet sich in einer Blase, gefüllt mit Wasser. Er dehnt sich darin aus über die Zeitspanne von 9 Monaten. Er schwimmt. Er kann sich drehen um seine eigene Achse, kann später auch die Innenwände seiner weichen beweglichen Hülle ertasten. Aber lange Zeit nimmt er gar keine Begrenzung wahr. Die Temperatur beträgt ungefähr 38° C. Das Licht, das durch die Bauchdecke scheint, wird als rötlich und warm beschrieben. Das Menschenkind dehnt sich aus in diesem Raum, bewegt sich, nährt sich durch die Nabelschnur. Manchmal lutscht es auch an seinem Daumen, so ab der 24. Woche. Wir wissen sogar, dass das Heranwachsende Träumer erlebt, in REM-Phasen (nachweislich durch intensive Augenbewegungen charakterisierte Phasen). Wovon träumt es wohl?
Es ist warm dort im Körper der Mutter, es fließt, das Element Wasser trägt, das Menschenkind kann sich bewegen, es kann nuckeln, träumen und vor allem: sich nähren - ganz selbstständig, automatisch, ohne "nachfragen" und ohne bitten zu müssen. Es gibt kein Bedürfnis, kein Verlangen, weil kein Bewusstsein für ein Fehlen vorhanden ist. Denn alles, was der Embryo zur Entwicklung braucht, ist da. In der Tiefenpsychologie sprechen wir fachbegrifflich von der Homöostase - von einem ozeanischen Gefühl. Vielleicht ist es der erste Ozean, den wir Menschen kennen, das Fruchtwasser, in dem wir schwimmen, als Ozean oder Meer wahrgenommen, zumindest solange wir die Hülle, den Mutterleib physisch gar nicht ertasten können? Der Zustand der Homöostase beschreibt gleichzeitig ein völliges Gleichgewicht, in dem alle physischen und seelischen Bedürfnisse ohne Anstrengung unmittelbar gestillt werden. Die Zeit dieses Zustandes ist das JETZT; die Aneinanderreihung der Momente als Präsenz. Der Beginn unseres Lebens nährt sich aus vollkommener Harmonie: Homöostase.
Große Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker haben diese Zeit auf unterschiedliche Art und Weise erforscht und sie als Hort der Sehnsucht nach Einheit, nach Verschmelzung beschrieben: Verbundenheit im Bewusstsein von Allheit, da es keine Trennung von Innen und Außen oder auch vom Selbst zur Mutter gab - kein Bewusstsein von Isolation oder Zweiheit. Die Tatsache, dass das Kind sich nährt, automatisch, bedingungsfrei trinken kann, führt zu der Gegebenheit, dass es in diesem Zustand menschlicher Entwicklung keine gefühlte Abhängigkeit gibt. Zweifelsohne ist das Heranwachsende abhängig und bedürftig. Da es sich jedoch um eine körperliche Symbiose handelt, ist das existentielle Erfordernis nach Nahrung nicht bewusst. Bewusstsein ist hier noch eins mit Bewegung, mit Beweglichkeit, mit Verbundenheit, Geborgenheit und Wärme: aus Zweien IST eines, in diesem ersten Raum unserer Entstehung.
Mit dem Anfang des Auf-die-Welt-kommens erlebt das Menschenkind Abhängigkeit, und zwar von sekund-an existentielle! Um zu essen und um zu überleben muss es brüllend bitten. Kommt die Mutter Minuten später zum Stillen, weiß dieses kleine Wesen nicht, ob sie überhaupt kommen wird: Ein Neugeborenes hat kein Empfinden weder für den Ort, wo es nun gelandet ist im bis dato unbekannten Erd- und Luftelement, noch für die Zeit. Eine vergangene Minute ohne Bedürfnisbefriedigung heißt Ewigkeit, weil das Wesen noch nicht verstehen kann: "Aha, die Mutter ist beim Abwaschen und kommt gleich wieder!" Gleich ist in diesem Zustand immer Jetzt. Alles IST - im Moment selbst. Und wenn nicht, dann ... ja wann? Zeitspanne ist (noch) nicht fühlbar. Abhängigkeit beginnt in diesem Zustand und in diesem Gefühl: Jetzt bin ich abhängig, wenn ich trinken, also Nahrung zu mir nehmen möchte, also überleben will. Diese Abhängigkeit ist absolut.
Wenn ein Mensch geboren wird, ist der vorhergehende "ozeanische" Zustand unweigerlich beendet, für immer. Und doch tragen wir die Ahnung dieses Gefühls ins uns. Immer, wenn wir lieben, immer, wenn wir uns sehnen nach jemandem tragen wir diese Erinnerungsspur in uns. So heißt es in der Tiefenpsychologie: Das Zeitgefühl löst sich auf im Nirgendwo, das JETZT regiert. Wir schwimmen gedanklich und in unseren Gefühlen mit dem anderen Menschen verbunden: aus ZWEI wird EINS, vorübergehend.
Auch die Selbstliebe, Bedingung für eine Fähigkeit zur schöpferischen Kraft, stammt aus dieser pränatalen Lebenszeit: Die Sehnsucht nach der Verbundenheit mit uns selbst, nach Verschmelzung mit unserem eigenen Tun, nach Begeisterung im Schöpfungsprozess, nach Eins-sein im kreativen Akt des ozeanischen. Weshalb? Der Embryo fühlt sich ganz in seinem Universum, das diese Blase ist, von der er lange nichts weiß. Er ist autonom in seinem Kosmos. Der einstige Raum der Symbiose kann auch emotional und seelisch nachempfunden werden - als ein Ort der Wohltat in uns. Da wir als Embryo in der Homöostase des Gleichklangs existierten, haben wir auch in unserem Innersten diesen Abdruck, dieses Gedächtnis in uns wohnen, von Bewegungsfreiheit und Selbst-sein: eine Kapazität zur Schöpfungskraft. Kunst und Kreativität erfordern Selbst-Verbundenheit und eine Atmosphäre der Fülle.
An dieser Stelle trifft für mich die Tiefenpsychologie auf die Spiritualität, denn auch im meditativen Zustand verlieren wir das Zeitgefühl und gehen in die Stille, lauschen ihr, nehmen Weite wahr, Unbegrenztheit und Einheit. Wenn wir in die Verbundenheit der 7 Chakren gehen oder lediglich das Scheitel- oder Stirn-Chakra öffnen, können wir auch da Anschluss an Licht eröffnen; können kosmische Weite als ozeanisch wahrnehmen; Schwingungen und Frequenz als Wellen: Bewusstsein spiritueller Einheit und Non-Dualität. Auch beim Meditieren gelten vorgeburtliche Gesetze, wie eben Zeitlosigkeit, Verhaftung im Moment, Gewahrsein von Grenzenlosigkeit und Verbundenheit - kein Trennungsbewusstsein, denn der Embryo denkt oder fühlt nicht: Mutter und Ich, sondern ein Universum des Existierens.
Sehnsucht im Leben … Sehnsucht in deinem Leben?
Gut zu wissen ist, dass sie uns nicht auf ein Fehlen verweist, sondern ganz im Gegenteil auf etwas hinweist, was da ist: in unserer Existenz gespeichert, zellulär, physisch und Voraussetzung für den weiten Raum des Liebesbewusstseins mit sich selbst und mit anderen: Körper, Seele und Geist sind eins. In diesem Sinne ist Sehnsucht der Beweis für das Vorhandensein einer Erinnerungsspur, die in jedem von uns wohnt. Gut zu wissen ist auch, dass du dich stets erinnern und seelisch oder spirituell dich da hineinbegeben kannst - dann, wenn der Raum der Stille mit dir allein oder zu zweit oder sich in Gemeinschaft hinein in die Wellenbewegung der Verbundenheit öffnet und du mit einem tiefen Ausatmen fühlst: Angekommen. Zuhause. In mir. Mit dir. In meinem Selbst. Ursprung.
Clara Welten ist Gründerin und Leiterin des deutsch-französischen „Welten-Instituts für Tiefenpsychologie und Spiritualität“ in Berlin, München und Genf. Sie bietet Therapie als psychospirituelle Seelenbegleitung für Einzelne oder Paare an. Sowie Ausbildungen. Ihr aktuelles Buch: „Wir sind Hebammen des Lichts! Wie Reisen in Reinkarnationen dein Dasein erhellen“ ist im März 2024 erschienen. Regelmäßige Chakren-Meditationen und Meditationen zu den 5 Elementen zur Ausrichtung in deinem Alltag können Sie besuchen auf Clara Weltens YouTube Kanal, auf Insight Timer und auf Spotify. Weitere Infos zu Ausbildungen und aktuellen Veranstaltungen unter www.welten-institut.de
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Sehnsucht – Die Suche nach dem Heiligen Gral ... von Tatjana Haas
Es gibt Gefühle, die sich kaum in Worte fassen lassen. Sie sind leise und doch allgegenwärtig. Sie begleiten uns ein Leben lang, manchmal verborgen, manchmal so kraftvoll, dass sie unser gesamtes Denken bestimmen. Eines dieser Gefühle ist die Sehnsucht. Sie kündigt sich oft in den stillen Momenten an, wenn der Tag zur Ruhe kommt und der Lärm des Alltags verstummt … wenn wir nach einem langen Weg zurückblicken und uns fragen, ob das Erreichte wirklich alles ist … oder, wenn wir trotz einem scheinbar erfüllten Leben, Erfolg, Beziehungen spüren, dass tief in uns eine Tür noch verschlossen ist. Sehnsucht ist mehr als der Wunsch nach einem bestimmten Ziel. Sie ist das tiefe Empfinden, dass es irgendwo etwas gibt, das uns vollkommen macht - einen Ort, einen Menschen, eine Wahrheit oder einen Sinn. Sie ist die leise Ahnung, dass das Leben mehr für uns bereithält, als wir mit unseren Augen sehen können. Manchmal wissen wir gar nicht, wonach wir uns eigentlich sehnen. Das ist der Anfang der Suche. Seit Tausenden von Jahren erzählt sich die Menschheit Geschichten über den Heiligen Gral. Was ist dieser geheimnisvolle Kelch? Wo ist er? Existiert er wirklich, oder ist er das Sinnbild für das, wonach wir alle suchen? Manche glauben, er schenke ewiges Leben. Andere sehen in ihm göttliche Erkenntnis oder die Vollendung des eigenen Seins.
Was ist unser persönlicher Gral?
Jeder Mensch trägt seine eigene Sehnsucht in sich. Für den einen ist sie die Suche nach Liebe. Für den anderen nach Freiheit, Erfolg, Anerkennung oder innerem Frieden. Manche verbringen ihr ganzes Leben mit dem Versuch, diese Sehnsucht im Außen zu stillen - durch Besitz, Karriere, Familie, Wissen, Macht, Vergnügen oder Status. Und oft stellt sich nach dem Erreichen des lang ersehnten Ziels eine überraschende Erkenntnis ein: Die Sehnsucht bleibt. Vielleicht deshalb, weil es nicht der Weg ist, die Sehnsucht auf ein Objekt, auf ein äußeres Ziel, auf ein Idealbild zu richten. Vielleicht möchte die Sehnsucht uns nicht an einen bestimmten Ort, zu einem bestimmten Menschen oder zu bestimmten Lebensumständen führen, sondern zu uns selbst. Osho sagt: "Wenn sich die Sehnsucht auf die äußere Welt richtet, wird sie zum Begehren. Du suchst nach Besitztümern, Partnern, Status oder Erlebnissen. Dies führt unweigerlich zu Frustration, da äußere Objekte niemals die durstige Seele im Inneren sättigen können. Du läufst einer Illusion hinterher." In den alten Gralslegenden mussten die Ritter zahlreiche Prüfungen bestehen. Sie kämpften nicht nur gegen äußere Gegner, sondern vor allem gegen ihre eigenen Ängste, Zweifel und Versuchungen. Erst wer Demut, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit entwickelte, durfte den Gral überhaupt erblicken.
Ist das nicht auch unsere Lebensreise?
Jede Krise, jede Enttäuschung, jede Frustration fordert uns heraus, tiefer zu schauen hinter die Fassade des Alltags … hinter unsere Rollen … hinter das Bild, das wir von uns selbst erschaffen haben. Vielleicht besteht der wahre Schatz nicht darin, etwas in der Welt zu finden, sondern Schicht für Schicht zu erkennen, wer wir wirklich sind. Sehnsucht ist deshalb kein Mangel. Sie ist ein innerer Kompass. Sie erinnert uns daran, dass wir Menschen auf Entwicklung ausgelegt sind, dass unser Herz nach Sinn sucht und unsere Seele nach Verbundenheit. Vielleicht liegt der Heilige Gral also nicht in einer verborgenen Höhle, nicht in einem alten Schloss und auch nicht am Ende einer langen Reise. Vielleicht ruht er seit jeher in unserem Inneren - in der Tiefe unseres Herzens, verborgen unter Ängsten, Erwartungen und Gewohnheiten. Die Suche nach dem Gral ist letztlich die Suche nach unserem ur-eigenen, wahren Wesen.
Von der Suche zur Untersuchung
Und vielleicht geschieht das größte Wunder genau in dem Moment, in dem wir aufhören, den Gral im Außen zu suchen, und beginnen, die Sehnsucht als Wegweiser zu verstehen und die Suche nach innen zu lenken. Nach innen zu gehen bedeutet das äußere Laufen, die Jagd nach immer neuen Idealen, die das Leben wertvoller machen sollen, zu stoppen. Sobald wir erkennen, dass kein Objekt, kein Ideal der Welt uns dauerhaft und in der Tiefe erfüllen kann, kommt der Geist zur Ruhe. Auf dieser inneren Suche ist mir die Untersuchung meiner Angstgedanken und festgefahrenen Gewohnheiten begegnet. In diesem Moment des Innehaltens richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen. Auf dieser ungewöhnlichen Reise wurde es plötzlich klar. Eine strahlende Freiheit erscheint im Inneren, wenn sich die Tore des begrenzenden Verstandes öffnen. Dies habe ich bisher nicht für möglich gehalten. Ist das der Heilige Gral? Ich bin das - wahre Selbst. So wurde in mir selbst klar, Sehnsucht ist nicht das Zeichen dafür, dass mir etwas fehlt - sondern der Ruf meines tiefsten Selbst, endlich nach Hause zu kommen.
Die Umkehr - der Weg nach innen, ins Bewusstsein
Hier geschieht die Umkehr. Es ist der Wendepunkt. Die Suche kehrt sich um nach innen, die innere Reise beginnt. Es ist der weglose Weg des Bewusstseins. Dieser Weg bedeutet standhalten, nicht mehr aus Angst zu handeln. Der wahre Held kämpft nicht gegen die Angst. Er ist bereit die Angst zuzulassen. Gegen Drachen zu kämpfen bedeutet nicht, die Angst zu bekämpfen, sondern durch die Angst in die Freiheit zu gehen. Es ist ein heiliger Weg, auf dem sich das Heiligtum als das wahre Selbst in mir offenbart. Es ist Erwachen im Bewusstsein, das Ich-bin. Hier bin ich angekommen. Ich bin Eins mit dem Leben, das Ich selbst bin. Ich bin ganz, vollkommen, angekommen. Ich bin das Leben selbst.
Die Mystikerin Mayakarina hat genau diese innere Reise in einem ihrer Umkehrgedichte wunderbar symbolisch zum Ausdruck gebracht.:
Parzival und der heilige Gral
Ein Narr im weltlichen Sinne
läuft nicht mehr an der Angst-Leine,
es irritieren ihn keine Grabsteine.
Messerscharf klar,
liebt der wahrhaft Unwissende den Platz der Gefahr.
Er weiß, dass dieser Platz betretbar,
ganz und gar ertragbar.
Es ist Parzival, der findet den heiligen Gral.
Solche Narren sind rar.
Ihm ist klar, der heilige Gral ist nicht greifbar,
er ist offenbar.
ICH BIN der "Kelch", der stets umkehrbar.
Innen hohl und doch immer voll,
BIN ICH der Mitte Ruhepol
und unzerstörbar.
DAS, was sich offenbart, ist Wunder-bar.
Für jeden jederzeit verfügbar,
wenn er sich nach innen wendet,
wo jeder Angst-Gedanke endet.
Der Weg, ihn im Innern zu finden, ist scharf und kurz.
Es ist die Umkehr, die befreit von Angst und Schmerz.
Ist die spontane Interpretation durchschaut als Illusion,
ist gestoppt die falsche Tat, denn das Bewusstsein ist parat.
Es ist ein Symbol, "Parzival und der heilige Gral"
und der äußere Weg der Interpretation eine tätliche Aktion,
die sich ausdrückt durch viele verwirrende Geschichten,
die den Grals-König, der ICH bereits BIN, gedanklich hinrichten.
Die Gewalt der Schuld,
die nicht bewusst durch die Umkehr getilgt,
läuft immer mit, im selben Schritt.
Was fehlt, ist die innere Sammlung,
die "Tafel-Runden-Eröffnung".
Der Gral ist kostbar und keineswegs rar,
doch ist er unvorstellbar.
Seine WEISHEIT ein Mensch nicht finden kann,
der lebt in der Suche Bann.
Der unerschöpfliche Kelch, der tiefes Bewusstsein ist,
ist das "Wasser des ewigen Lebens",
das tief verborgen im Menschen fließt.
Es ist das "Land" jenseits der Suche und des Schreckens.
Es ist die "Luft" der Liebe und des Friedens,
der Freiheit und des Sich-selbst-ergebens,
wo sich offenbart der blühende Garten des ewigen Lebens.
Die Sehnsucht, die Suche bleibt unerfüllt, wenn wir im Außen nach einem Ideal, einem idealen, wertvollen Leben, unserem persönlichen "heiligen Gral" suchen. Es muss so sein, damit erkannt wird, dass sich die tiefe Sehnsucht in uns nicht durch das Erreichen äußerer Ziele stillen lässt. Denn in Wahrheit ist es die Sehnsucht des Lebens nach sich selbst, die nur in sich selbst erfüllt ist. Hier und jetzt ist die Sehnsucht als die Wunde der Trennung in sich selbst geheilt. Der heilige Gral ist innen. Es ist das wahre Wesen, das Ich-bin. Es ist die Vollendung der Suche. Die Sehnsucht hat ihre Aufgabe als Wegweiser erfüllt.
Tatjana Haas ist Coach und Autorin der geistreich Bewusstseinsschule. Sie bietet Einzelbegleitungen und Workshops in Berlin, auf La Gomera und online an.
www.geistreich-sein.de
Mayakarina ist Mystikerin und spirituelle Wegbegleiterin. Sie leitet den Umkehrkurs hin zum Erwachen der inneren Liebe. www.umkehrkurs.de
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Es braucht die Leere – Wenn Sehnsucht einen anderen Raum öffnet ... von Yvonne Wöbcke
Als ich als Jugendliche vor den Herausforderungen stand, die das Erwachsenwerden mit sich brachten und mir nicht immer gefielen, kam eine nostalgische Sehnsucht nach etwas Vergangenem und Vertrautem auf: nach den Jahren, die ich als Kind in der liebevollen Zuwendung durch meine Großeltern erlebt hatte. Zum Haus meiner Großeltern gehörte ein großer Garten voller Abenteuer und Leckereien. Auf den Teller gab es, was dort wuchs: Gemüse aus den Beeten, Obst von den Bäumen. Was nicht sofort verbraucht wurde, ging in den Vorratskeller.
Als Teenager beobachtete ich, wie mit zunehmendem Alter meiner Großeltern immer weniger in den Vorrat kam. Schließlich wurde gar nichts mehr aufgefüllt. Der Bestand bekam Lücken. Irgendwann waren die Regale leer. Und schließlich waren die Großeltern nicht mehr. Eines Tages stand ich dort im Keller, erfüllt von dieser nostalgischen Sehnsucht, und betrachtete die leeren Regale. Ich kramte in meiner Erinnerung, suchte die Reihen der Einmachgläser, suchte nach ihrer Information außerhalb der Zeit. Dann schloss ich die Augen. Plötzlich war ich nicht mehr da, nicht mehr dort im Keller, sondern in einem anderen, leeren Raum. Ich fühlte mich wie in eine andere Welt versetzt. Es war reines, körperloses Bewusstsein. Ich erschrak. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich öffnete die Augen. Ich stand wie gehabt vor den Regalen. Für einen Moment war ich weg gewesen wie in einem sehr tiefen Tagtraum. "Danke, aber dafür stehe ich nicht zur Verfügung", war prompt meine innere Reaktion und ich kehrte dieser unbekannten Welt den Rücken, um mich dem Irdischen zu widmen.
Jahrzehnte später schulte ich meine Wahrnehmung. Ich übte, meine Wahrnehmung auf das zu fokussieren, was außerhalb der körperlichen Wahrnehmung liegt. Da war ich wieder in diesem anderen Raum. Diesmal erschrak ich nicht. Ich verstand, dass ich damals etwas wahrgenommen hatte, das ich noch nicht einordnen konnte. Für mich ist es ein Raum neben der materiellen Welt, den ich nicht mit den körperlichen Sinnen betrete. Und ich verstand noch etwas: Es hatte die Sehnsucht und die Leere gebraucht. Die Zeit war vergangen, die Menschen und das Vertraute waren nicht mehr da. Die Regale waren leer gewesen. Es gab nichts mehr zu betrachten, nichts mehr zu suchen, nichts, womit ich mich beschäftigen konnte. Dadurch wurde ein anderer Raum sichtbar.
Leere zulassen
Leere wird meist als etwas betrachtet, wo etwas fehlt. Sie kann einen Sog erzeugen, der als Sehnsucht nach Liebe, Gesundheit, Reichtum, Harmonie oder etwas anderem erlebt wird, die im eigenen Leben zu fehlen scheinen. Sehnsucht kann als Fernweh oder Heimweh auftreten, als nostalgische Hinwendung zu vergangenen Zeiten, Menschen, Gegenständen oder Lebensweisen. Hinter all diesen Formen kann das Bedürfnis nach Verbindung stehen. Fehlt die ersehnte Verbindung, drängt Leere nach Füllung. Es wird leicht nach etwas Äußerem gesucht, das an ihre Stelle treten kann. Ein Nachmittag wird mit dem Ansehen alter Fotoalben gefüllt, eine freie Stunde mit dem Schwelgen in Erinnerungen verbracht. Die Sehnsucht richtet die Aufmerksamkeit auf das, was einmal war, was wieder sein soll. So kann die Hinwendung zu Vergangenem der Versuch sein, eine schmerzliche Leerstelle zu schließen. Die Erinnerung lässt das Verlorene für einen Moment wieder gegenwärtig werden und lindert den Schmerz über das, was nicht mehr da ist. Aus meiner Sicht muss diese Leerstelle nicht geschlossen werden. Sie ist ein Wahrnehmungsraum. Diese Leere lässt sich körperlich als eine Art Unterdruck beschreiben: Etwas wird nicht sofort gefüllt, sondern bleibt offen. Die Aufmerksamkeit muss nicht mehr nach außen gelenkt werden. Dadurch kann wahrnehmbar werden, was von der anderen Seite kommt. Eine Sehnsucht, die sich äußerlich nicht erfüllen lässt, kann darauf aufmerksam machen, dass etwas im Inneren wahrgenommen werden möchte.
Aus Sehnsucht träumen
Sehnsucht muss uns nicht nur in Erinnerungen führen, sie kann uns auch ins Träumen führen. Dabei lohnt sich eine Unterscheidung. Es gibt etwas, was ich als aktives Träumen beschreibe: Eine Vorstellung wird bewusst aufgebaut, eine Geschichte wird innerlich ausgeschmückt. Die eigene Aufmerksamkeit gestaltet das innere Bild. So gibt es eine passive Form des Träumens, ganz ähnlich dem Träumen im Schlaf. Die äußere Welt tritt in den Hintergrund. Die eigene Aktivität weicht dem Empfangen. Bilder, Szenen oder Eindrücke tauchen auf, ohne bewusst hervorgebracht zu werden. Hier geschieht etwas anderes. Es wird nicht mehr gestaltet, sondern empfangen. Diese Form des Träumens kann einen Zugang zu anderen Wahrnehmungsebenen öffnen. Die Aufmerksamkeit löst sich von den äußeren Informationen und wird empfänglich für das, was von anderen Ebenen kommt. Für mich geschieht das in einem außerkörperlichen Bewusstsein, wenn die Wahrnehmung von allen äußeren Sinneseindrücken geleert ist und die Aufmerksamkeit nicht mehr an sie gebunden ist. Der Raum ist frei für andere Eindrücke. Informationen der anderen Ebenen können als Bilder, Szenen, Personen oder andere Eindrücke auftauchen. Sie werden nicht bewusst erdacht. Sie zeigen sich. Das ist der Unterschied. Beim aktiven Träumen wird eine innere Welt zusammengesetzt. Beim empfangenden Träumen wird eine innere, passive Wahrnehmung zugelassen.
Die andere Seite
Wie kommt der außerkörperliche Raum ins Bewusstsein? Der Mensch hat, wie ich es wahrnehme, nicht nur die äußere, umsetzende Seite. Diese aktive Seite sucht im Außen, denkt nach, entscheidet und handelt. Sie nimmt das Laute, die Materie, Gedanken und Gefühle wahr. Sie macht und tut. Sie schlägt das Fotoalbum auf, sucht nach dem vertrauten Geschmack, ruft eine Erinnerung hervor oder hat Vorstellungen davon, wie etwas auszusehen hat, weil es vorgelebt wird. Es gibt jedoch auch eine empfangende Seite, die meist überhört wird. Sie muss nichts herstellen. Sie nimmt auf und es kommt von Innen durch. Damit diese Seite wahrnehmbar wird, braucht es keine Aktivität, sondern Aufmerksamkeit. Und es braucht die Leere, um dieser Seite zu zuhören. Beide Seiten gehören zum Menschen. Die Sehnsucht muss nicht nur auf das vermisste Fehlende im Außen gerichtet sein. Sie kann auch auf das eigene Innere weisen. Damit diese leisen Informationen wahrnehmbar werden, braucht es die Leere. Deshalb ist die Leere kein Zustand, vor dem man sich fürchten braucht. Ich gehe noch weiter: Betrachte ich mich als Schöpfer meiner Realität, kann eine unerfüllbare Sehnsucht eine andere Bedeutung bekommen. Sie muss nicht zwingend etwas sein, das beseitigt werden muss. Sie kann als Gegebenheit betrachtet werden, die einen Raum offenhält und den Zugang ermöglicht. Die Informationen, die dort wahrgenommen werden, stehen nicht außerhalb des Lebens. Sie gehören dazu. Sie haben aus meiner Sicht einen Bezug zum Leben wie eine Saat. Die Leere macht etwas sichtbar, das aus der bisherigen Perspektive nicht erkennbar war. Die Leere muss nicht gefüllt werden. Sie darf Raum sein für das, was sich zeigt, wenn die umsetzende Seite still wird und die empfangende Seite zu Wort kommen kann.
Die Sehnsucht ist ein Hinweis darauf, dass etwas Aufmerksamkeit zieht. Die Aufmerksamkeit kann nach außen auf das vermeintlich Fehlende gerichtet bleiben oder nach innen führen, in die Verbindung mit einem eigenen Raum, der zwar körperlos ist, aber zum Menschsein dazugehört.
Yvonne Wöbcke, Spezialistin für die Kind-Mutter-Kommunikation. Mit ihrer Gabe Muttersegen nimmt sie sowohl die wesentliche Kind-Mutter-Kommunikation wahr als auch die seelischen Informationen. Diese Einsichten ermöglichen es ihr, die feinstofflichen Verstrickungen zu erkennen, die Streitigkeiten zwischen Erwachsenen und ihren Müttern begünstigen. Als Coach begleitet sie auf dem Weg in die emotionale Freiheit. Weitere Infos unter www.muttersegen.de
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Die falsch verstandene Liebe ... von Caroline Raasch (aus dem Buch: Wie aus Gott Google wurde)
Der materiellen Welt mit ihren vielen Verhinderungen und Verdrängungen von allem, was uns unangenehm erscheint und was auch unsere Kinder schon mittragen, steht auf der anderen Seite eine Evolution gegenüber, die nach Bewusstseinsentwicklung drängt. Wenn wir an dieser (®) Spaltung etwas verändern wollen, die Welt wieder friedlicher werden soll, müssen wir zuerst nach innen schauen - im Besonderen auf unsere Partnerschaften, aus denen unsere Kinder entstehen. Denn gerade in unseren Liebesbeziehungen erreicht die Spannung dieser Gegensätze oft einen explosiven Höhepunkt.
Viele Menschen führen in ihren Partnerschaften auf der einen Seite regelrecht einen Kleinkrieg um missverstandene Bedürfnisse oder offengelassene Zahnpastatuben. Auf der anderen Seite stehen sie dann fassungslos vor dem Krieg, der auf gesellschaftlicher Ebene geführt wird. Aber solange wir in unseren Partnerschaften nicht begreifen, warum wir streiten und warum wir damit oft auch nicht aufhören können, wird sich daran wenig ändern.
Anfangs jedoch ist meist noch alles ganz anders. Die Begegnung mit einem neuen Partner fühlt sich in totaler Verliebtheit an, als hätte man im anderen genau das gefunden, was einem selbst zu fehlen schien. Man sagt ja auch: "Ich habe meine bessere Hälfte gefunden." Wir sehen dann nur die guten Seiten unseres Gegenübers, es ist ein innigstes Verschmelzen und ein unglaubliches Gefühl des Glücks in dieser Einheit, die man sich zwar gewünscht, aber kaum für möglich gehalten hat - weil es so schön ist! Wir fühlen uns wie im Paradies. Alles ist vollständig, wir scheinen angekommen. Dieser Zustand ist letztlich der, den wir unbewusst unser ganzes Leben suchen - die göttliche Einheit, der wir entstammen - und die Emotionen in solchen Momenten sind wahrscheinlich dem Gefühl dieser Ur-Einheit ganz nahe.
Wir werden jedoch in die Trennung dieser Einheit hineingeboren und in uns schlummert eine tief angelegte innere Sehnsucht, diese Einheit wieder zu erleben, jedoch auf einer höheren Bewusstseinsstufe. Dieser sinnhaft in uns angelegte Weg führt uns durch die polare Welt, zu der nicht nur die Erfahrung der materiellen und der geistigen Welt gehört, sondern ebenso alle Polaritäten, die in ihrem Ursprung immer eine männliche und eine weibliche Seite aufweisen, genau wie sie die konkreten väterlichen und mütterlichen Anteile mit einschließen. Zu diesen Bereichen gehört ebenfalls das Verdrängte oder uns noch Unbewusste und auf der anderen Seite das erlöste, bewusste Sein. Für all das braucht es die polare Erfahrung von Lösung und Bindung, um irgendwann diese alles durchdringende Einheit in uns selbst mehr und mehr spüren zu können und so aus dem Innersten heraus stabil im Leben stehen.
Dafür müssen wir den Schmerz der Unvollständigkeit überwinden, was im Grunde erst einmal nur bedeutet, dass ich das mir Fehlende nicht im Außen, sehr wohl aber über das äußere Erleben in mir selbst finde. Niemand hat sich das je ausgedacht; diese archaischen Grundmuster, die alle Mythen im Kern auf ähnliche Weise erfasst haben, sind die Triebkräfte unseres unbewussten Handelns. Man kann sie auch betrachten wie ein auf diese Erde mitgebrachtes Wissen unserer Seele.
Jede Beziehung spiegelt uns unsere unbewussten Seelenanteile, die Schatten und unerlösten Familienthemen, die zur Wiederholung anstehen. Jeder Mensch löst auf seinem Lebensweg mit jedem bewussten Begreifen der Zusammenhänge die Gegensätze in sich und in der Welt ein Stück auf. So können wir uns der inneren Einheit nähern und begreifen, dass wir alle nur auf der physischen Ebene getrennt, auf der kosmischen jedoch untrennbar verbunden sind und das auch immer bleiben werden.
Solange wir es nicht schaffen, uns dieser Einheit, in der es Körper, Geist und Seele an nichts Grundsätzlichem mangelt, aus uns selbst heraus zu nähern, versuchen die meisten Menschen das ersatzweise über Bedürfnisbefriedigung auf verschiedenste Art im Außen zu finden. Das gelingt meist nicht, denn wir spüren, dass dennoch Elementares fehlt. Das erhoffen wir uns in aller Regel dann von einem Partner, der diese Lücke aber nie füllen kann und letztlich auch gar nicht füllen darf. Würde er sie füllen, käme jede seelische Entwicklung auf beiden Seiten zum Stillstand.
Aber er schenkt uns etwas anderes ganz Wunderbares: Er ist derjenige, der es überhaupt erst ermöglicht, zu erkennen, was uns fehlt. Das geht am besten in einer Partnerschaft, weil uns niemand so nah kommt wie ein Mensch, mit dem wir das eigene Leben auch im Intimsten teilen. Ebenso dürfen wir durch einen Partner begreifen, dass die Lösung, genau wie das Fehlende, lange schon in uns selbst schlummert. Unsere Partner spiegeln uns das durch ihr Verhalten und helfen uns beim Finden, weil sie, in der Regel unbewusst, alle Knöpfe drücken, die unangenehme Emotionen oder alte Ängste aktivieren, von denen man an manchen Stellen gar nicht gewusst hat, dass sie überhaupt vorhanden sind. Können wir das als Chance annehmen, begreifen wir mehr und mehr, dass das Ziel eines menschlichen Erdenlebens Bewusstseinswachstum ist und durch nichts Äußeres erreicht oder ersetzt werden, sondern nur aus uns selbst kommen kann, wenn wir bereit sind, in den Spiegel zu schauen.
Alles, was wir als Embryo, als Baby oder kleine Kinder erlebt haben, ist uns meist nicht bewusst. Bei negativen oder bedrohlichen Emotionen gehört es sogar zum menschlichen Überlebensmechanismus, die Gefühle, die wir nicht verarbeiten konnten, abzuspalten. Später suchen wir diese vertrauten Situationen jedoch wieder.
Das geschieht ganz instinktiv, die eigene Seele zwingt uns nahezu, solange, bis uns bewusst wird, was uns treibt und was uns widerfahren ist. Erst durch die erneute Konfrontation mit dem Verdrängten taucht der Schmerz auf, den wir erhofften, zu umgehen. Mit ihm taucht jedoch gleichzeitig die Möglichkeit der Lösung und Veränderung auf. Deshalb trägt alles, was wir erleben und was uns begegnet, so schlimm es manchmal auch sein mag, zur Bewusstwerdung bei. Erst dann kann es sich auf einer tiefen Ebene auflösen und die ungesunden Verhaltensmuster verlieren ihre Macht über uns.
Das braucht viel Geduld, denn was die Seele kennt, lässt sie erstmal Sicherheit empfinden - nur so begreift man, warum eine Frau, die als Kind vom Vater ständig geprügelt wurde, oder gleiches vielleicht bei der Mutter mitansehen musste, sich später einen Mann sucht, der irgendwann dieselben Verhaltensmuster zeigt. Und wie schwer fällt es ihr, zu gehen! So oft steht man im Außen beinahe fassungslos davor und begreift nicht, warum sie bleibt. Aber sie kann erst gehen, wenn sie bereit ist, den Schmerz über das, was ihr vom eigenen Vater angetan wurde, bewusst werden zu lassen und ihn somit zu erlösen. Löst sie ihn nicht, schafft es aber dennoch, diesen Mann irgendwann zu verlassen, wird sie sich wahrscheinlich in der nächsten Bindung mit einer erneuten Wiederholung des Musters konfrontiert sehen.
Es geht auch weniger dramatisch, was es nicht einfacher macht, denn die Strukturen der Muster sind zum einen immer dieselben und zum anderen ist es häufig noch eine zusätzliche Hürde, sich des weniger Offensichtlichen überhaupt erstmal bewusst zu werden. So braucht der emotionale Mann, der vielleicht unter einer gefühlsarmen Ehefrau leidet, womöglich etwas länger, zu begreifen, dass er von seiner Mutter ganz ähnlich behandelt wurde und die Frau, die sich über ihren, sie bevormundenden Mann ärgert, versteht irgendwann, dass ihr Vater ihr ebenfalls nie eigenständige Entscheidungen zugetraut hat.
Ein sehr verbreitetes Beispiel sind die vielen Menschen, die es gewohnt waren, in der Kindheit nur für Leistung gelobt zu werden oder wenn sie sich gut um die Geschwister oder andere familiäre Notwendigkeiten gekümmert haben. Sie konnten nie das Gefühl entwickeln, einfach so gut und ausreichend zu sein, wie sie sind. So wird es schwer, ein eigenes Wertgefühl zu entwickeln. Mit Sicherheit werden sie dieses Verhaltensmuster in einer Partnerschaft wiederholen. Sie strampeln sich ab für den Partner, machen möglichst alles perfekt, sorgen gut für ihn und vergessen dabei sich selbst. Und dann beklagen sie sich irgendwann, dass sie vom Partner gar nicht wahrgenommen werden.
Dabei hatte der andere wahrscheinlich kaum eine Chance. Sie haben ihn an fast keiner Stelle spüren lassen, dass es für sie selbst vielleicht doch zu viel gewesen sein könnte. Aber der eigentliche Punkt ist, dass der eine durch sein Verhalten, seine Nichtwahrnehmung, die kindlichen Emotionen in dem anderen wieder berührt hat und wir werfen ihm vor, was wir als Kind den Eltern nicht vorwerfen konnten. Womöglich haben wir uns bis heute noch nicht getraut, diese alten Verletzungen dort anzusprechen, wo sie hingehören. Sonst müsste sich das nicht in einer Partnerschaft wiederholen.
Das ist im Grunde ein Schlüsselbeispiel für die meisten Beziehungsprobleme. Wir gehen als verletzte und bedürftige Kinder in eine (erwachsene) Liebesbeziehung und fordern vom Partner die Erfüllung unserer kindlichen Bedürfnisse. Der gute, erlösende Weg wäre, die Zusammenhänge zu erkennen und zu kommunizieren, seine eigenen Grenzen zu achten und zu lernen, sich liebevoll um sich selbst zu kümmern.
Anfangs wird, um bei dem gerade genannten Beispiel zu bleiben, die Angst mitschwingen, dass der Partner einen ablehnen könnte, wenn man sich plötzlich nicht mehr nur um ihn dreht oder deutlich sagt, was man selbst braucht - so wie man als Kind fürchtete, von den Eltern abgelehnt zu werden, wenn man nicht mehr funktioniert hätte. Der Partner wird einen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ablehnen, sondern eher dankbar sein für die Hinweise und so entsteht nach und nach die Nähe, die wir uns alle wünschen.
Aus astrologischer Sicht wird ganz klar, dass es in der Tat in allererster Linie die Partnerschaften und die erlebten Elternbeziehungen sind, die uns "zwingen", in den Spiegel zu blicken. Beides ist im Tierkreis in seiner Analogie vor allem im 8. Haus zu finden. Das ist die Phase des Skorpions, welche ebenso den verdrängten Schatten zugeordnet ist. Aus diesem Zusammenhang heraus wird deutlich, dass wir so häufig erstmal das bei und mit den Eltern Erlebte in unseren eigenen Beziehungen wiederholen (müssen), um uns der erfahrenen kindlichen Umgebung in der Tiefe bewusst zu werden und die inneren Schatten erkennen zu können. Damit steht die Phase des Skorpions in gleicher Weise für den Schritt in die persönliche geistige Reife, wenn wir es schaffen, uns aus diesen Wiederholungen zu lösen.
Daher liegt es im Grunde auf der Hand, dass ein Partner, über den man sich womöglich ärgert oder von dem man sich schlecht behandelt fühlt, in der Regel nicht weniger entwickelt ist als man selbst, auch wenn man sich in diesem Gedanken manchmal gerne "ausruhen" mag. Es passt immer perfekt - in der Verdrängung, genau wie in der Lösung. Im Grunde sind wir alle füreinander Erfüllungsgehilfen des Schicksals und der Himmel führt uns immer punktgenau so zusammen, dass sich das Angelegte zur richtigen Zeit im Bewusstsein erlösen kann.
Erst, wenn wir das verinnerlicht haben, werden wir vom Partner aus der kindlichen Bedürftigkeit heraus nichts mehr brauchen oder erwarten. Dann kann eine erwachsene Beziehung beginnen. Solange uns das jedoch nicht bewusst ist, verlangen wir häufig viel zu viel von einer Partnerschaft. Sie soll uns alles geben, was wir nicht selbst in uns finden. Der Beginn einer neuen Liebesbeziehung nährt meist die Hoffnung auf Erlösung unserer Sehnsüchte und Schwierigkeiten, der inneren Schatten und alten Verletzungen, aber gerade in einer Liebesbeziehung haben wir keine andere Chance, als ihnen gnadenlos ins Auge zu sehen, wenn wir nicht in Rosenkriegen oder anderen Formen von abhängig-zerstörerischen Beziehungen steckenbleiben wollen.
Das Ungelöste taucht immer auf, selbst wenn wir in bester Absicht gestartet sind, eine gesunde Beziehung führen zu wollen. Wir fühlen uns oft so erwachsen und mögen das in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens auch sein, aber in unseren Liebesbeziehungen sind wir häufig auf der kindlich bedürftig-betroffenen Bewusstseinsebene steckengeblieben. Auf dieser Ebene mag es zwar reichlich Eheschließungen geben, aber keine wirkliche Seelenverbindung. Wir sind dann umso enttäuschter, wenn nach der ersten Verliebtheit der Partner plötzlich Seiten an sich zeigt, die wir gar nicht mögen oder die uns verletzen. Dann sind wir oft wütend auf den anderen, fangen an zu kritisieren und stören uns an bestimmten Eigenschaften. Wenn wir jedoch in der Wut und im Vorwurf steckenbleiben, wird sich am destruktiven Beziehungsmuster nichts ändern.
Vielmehr darf man sich fragen, was es denn unter der Oberfläche ist, was uns eigentlich stört? Denn die Eigenschaften eines anderen, die wir ablehnen oder die uns verletzen, stehen meist nur stellvertretend für unser eigenes (oft noch unerkanntes) Problem. Sonst würden sie uns weder stören noch müssten wir dagegen ankämpfen. Auch hier findet sich stets das Gesetz der Resonanz. Ich muss keinesfalls alles gut finden an einem anderen Menschen, aber wenn es mich nicht betrifft, dann kann ich es dem anderen - vielleicht nicht immer freudig - aber zumindest klaglos lassen oder ohne Vorwurf mitteilen.
Stecken wir auf der "Kinderebene" fest, möchten wir in der Regel, dass der andere so bleibt, wie er am Anfang war. Mit diesem Zustand würden wir jedoch nichts anderes erreichen, als den eigenen unerlösten Zustand zu manifestieren, der nur ein funktionales Vervollständigen der fehlenden inneren Anteile wäre. Erfüllt der andere unsere ungesunden Forderungen, bleibt er in gleicher Weise in seinem eigenen unerlösten Muster stecken.
Unbewusst spürt man meist dennoch, man müsste einen Schritt zurückgehen, auf gesunde Weise loslassen, um erwachsen auf diese Konflikte schauen zu können. Wenn das (noch) nicht gelingt, beginnt oft schon in diesen Momenten die Verlustangst. Nichts erscheint uns gerade schmerzhafter, als wenn der andere sich einen Schritt von uns entfernt. Einer oder beide beginnen dann, eher früher als später, das Klammern und steuern damit direkt in die üblichen Beziehungsdramen.
Dieses Klammern empfinden wir anfangs als Leidenschaft, die wir wiederum lange mit Liebe verwechseln, aber letztlich ist es nichts anderes als ein Klammern an seiner eigenen "anderen" Hälfte, auf die man regelecht Besitzansprüche entwickelt hat. Man will diesen Teil von sich nicht mehr loslassen - und loszulassen, wenn man im Anderen einen fehlenden Anteil von sich empfindet, ist verständlicherweise auch sehr schwer. Für viele in diesem Bewusstseinsstadium schlicht nicht möglich. Es erscheint unerträglich schmerzhaft, denn es fühlt sich ja im ersten Moment an, als würde ein Teil von einem selbst regelrecht abgeschnitten, und das tut weh. Man glaubt fast, man bräuchte den anderen zum Überleben. So entsteht Abhängigkeit und da gibt es keine Entscheidungsfreiheit mehr.
Diesen Schmerz des Getrenntseins von einem Anteil seines Innersten kann man nicht dadurch überwinden, indem man versucht, mit einem anderen Menschen zu Einem zu verschmelzen. Es ist auf diese Weise - egal, ob still oder aggressiv gelebt - immer zerstörerisch. Dauernd erwartet man vom anderen etwas, was man sich selbst nicht geben kann. Man will, dass der andere einen glücklich macht und hat beinahe in jeder Sekunde Angst, den anderen wieder zu verlieren. Und das will man auf keinen Fall, denn dann wäre die eigene innere Leere deutlicher spürbar als vor der Beziehung, als man sich bestimmter Anteile noch gar nicht bewusst war.
Bleiben diese Mechanismen unbewusst, kommt es häufig noch zu einem weiteren Phänomen. Die meisten von uns kennen es: Wenn eine Beziehung zu Ende geht oder wir in einer Liebesbeziehung schlimmste Auseinandersetzungen haben, taucht plötzlich das drängende Bedürfnis nach sexuellem Kontakt mit dem anderen auf - selbst wenn man das manchmal bereits verloren glaubte. Bei vielen, durch zerstörerische LEIDEN-schaft geprägte Beziehungen, gehört dieses Muster allerdings meist schon lange zum Alltag. Nach dem schlimmsten Streit haben wir plötzlich den besten Sex, oder aber die Beziehung scheint zu zerbrechen und wir müssen uns unbedingt noch mal vereinigen.
Für diesen Moment, in dem wir nun auf der körperlichen Ebene ersatzweise (und damit im Grunde auf der funktionalen Ebene) die ersehnte Einheit erleben, verschwindet aller Schmerz. Aber immer nur für kurze Zeit, bis das uns eigentlich Fehlende im Alltag wieder durchbricht und die nächsten Auseinandersetzungen, Schuldzuweisungen und Vorwürfe folgen. Der Schmerz der seelischen Trennung vom anderen ist kaum auszuhalten, die erneute körperliche Vereinigung betäubt den Schmerz. Vorübergehend. Der Kreislauf beginnt von Neuem.
Zur Leidenschaft gehört auch meist die Eifer-SUCHT. Es ist immer eine Sucht, wenn ich das Gefühl habe, ich bin ohne den anderen nicht mehr lebensfähig. Deshalb fühlen sich Trennungen aus solchen Strukturen meist an, als würde man einen Alkoholentzug durchstehen müssen. Man kann an nichts anderes mehr denken als an den anderen, kann seiner Arbeit nicht mehr ordentlich nachgehen, nicht essen, man ist nervös und fahrig und die Konzentration auf etwas anderes gelingt nur schwerlich.
Dennoch halten wir an der Leidenschaft oft fest wie kaum an etwas anderem. Solange wir mit dem Partner kämpfen, verhindern wir jegliche Erkenntnis. Wir bleiben Teil des kranken Systems, aus dem wir uns eigentlich lösen müssten, und wenn das nicht gelingt, stecken wir meist in gegenseitigen Vorwürfen fest. Wenn man jedoch weiß, dass es für Menschen kaum etwas Schlimmeres gibt als ignoriert zu werden, versteht man, warum zerstörerische Beziehungen häufig über Jahre aufrechterhalten werden. Kinder ganz ohne Zuwendung und Berührung würden sterben. Lieber lässt man sich schlecht behandeln oder bleibt über den Kampf im Kontakt und bekommt auf diese Weise eine gewisse Energie.
Man kann darin steckenbleiben. Dann hat man manchmal am Ende wirklich alles zerstört und alles dafür getan, vor den eigenen dunklen Anteilen die Augen zu verschließen und sie dem anderen anzulasten. Im Grunde verletzt man sich immer nur selbst im anderen. Erkennt man diesen Zusammenhang nicht, bleibt am Ende meist wenig übrig, es sei denn, man schafft es das zerstörerische Muster zu durchbrechen oder, wenn der andere "blind" bleibt, ihn zu verlassen. Manche entkommen ihr Leben lang einer solchen Beziehung nicht. Man meint, den anderen so sehr zu lieben, dass man einfach zusammengehört, sich nichts anderes und niemand anderen an seiner Seite vorstellen kann.
Lesen Sie diesen Artikel zuende im Buch oder am besten gleich das gesamte Buch von Caroline Raasch. Es lohnt sich!
Buchauszug mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Caroline Raasch arbeitet seit 1997 als Astrologin und Heilpraktikerin in eigener Praxis in Berlin-Lichterfelde. Sie war 10 Jahre Schülerin bei Wolfgang Döbereiner, dem Begründer der "Münchner Rhythmenlehre" und dem sicher bedeutendsten Astrologen unserer Zeit. Er befreite die Astrologie von Aberglaube, Unterhaltung und unseriösen Voraussagen und füllte sie stattdessen mit tiefem Inhalt, indem er altes Wissen mit neuen Strukturen verband, die Homöopathie und vor allem die griechische, aber auch die biblische Mythologie in sein Deutungssystem mit einbezog. Dieses Buch ist die Essenz einer langjährigen beratenden Arbeit in den Bereichen Psychologie, Homöopathie, Phytotherapie, Traumdeutung und Gesichterlesen - alles immer im Kontext und auf Basis dieser Astrologie. | Webseite: www.caroline-raasch.de
Tipp: Schauen Sie sich auf Youtube einen beeindruckenden und herzergreifenden Vortrag von Caroline Raasch "Die entscheidenden 20 Jahre 2025-2043" an, den sie in der Schweiz im November 2025 vor einem begeisterten Publikum gehalten hat: https://www.youtube.com/watch?v=OLQPYE9ns1E
Buchtipp: Caroline Raasch "Wie aus Gott Google wurde" Tredition 9.2024, 516 Seiten, mit Hardcover, Softcover oder als E-Book überall im Handel erhältlich.
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Wenn vertraute Wege sich leise trennen ... von Claudia und Stephan Möritz
Es gibt Abschiede, die keinen Streit kennen. Kein lautes Wort. Keine verschlossene Tür. Keine Entscheidung, die an einem einzigen Tag getroffen wird. Sie geschehen leise. Fast unmerklich. Wie ein Fluss, der über Jahre seinen Lauf verändert. Zunächst fällt es kaum auf. Eine Nachricht bleibt etwas länger unbeantwortet. Ein Treffen wird verschoben. Ein Gespräch endet früher als sonst. Nichts davon scheint bedeutsam. Doch spürst du irgendwann, dass etwas anders geworden ist. Nicht unbedingt zwischen euch, sondern in dir.
Vielleicht sitzt du einem Menschen gegenüber, mit dem du viele Jahre deines Lebens geteilt hast. Ihr habt gemeinsam gelacht, Krisen überstanden, Familien gegründet oder schwierige Zeiten miteinander getragen. Dennoch entsteht plötzlich eine eigentümliche Stille. Nicht, weil ihr euch nichts mehr zu sagen hättet, sondern weil eure Gespräche euch nicht mehr dorthin führen, wo ihr euch früher begegnet seid. Viele Menschen empfinden diesen Moment zunächst als Verlust. Sie fragen sich, ob sie sich zu wenig bemüht haben. Ob sie sich verändert haben oder ob Beziehungen heute einfach flüchtiger geworden sind. Vielleicht lohnt sich jedoch eine andere Perspektive. Vielleicht verabschieden sich gar nicht die Menschen. Vielleicht verabschiedet sich eine frühere Version von dir.
Beziehungen entstehen in einer gemeinsamen Welt.
Menschen begegnen sich selten zufällig. Sie finden zueinander, weil sie in einem bestimmten Lebensabschnitt ähnliche Fragen bewegen, ähnliche Werte teilen oder eine vergleichbare Sicht auf das Leben haben. Jede Freundschaft entsteht in einer gemeinsamen inneren Welt. Doch diese Welt bleibt nicht immer dieselbe. Im Laufe des Lebens verändern sich unsere Fragen. Während wir früher vielleicht wissen wollten, wie wir erfolgreicher werden, wie wir Sicherheit finden oder den Erwartungen anderer gerecht werden können, entsteht irgendwann eine andere Sehnsucht. Plötzlich fragen wir nicht mehr: "Wie kann ich mein Leben verbessern?" Sondern: "Entspricht dieses Leben eigentlich mir?" Diese Frage verändert selten sofort unser Leben, aber sie verändert den Blick auf unser Leben. Damit beginnt häufig etwas, das zunächst kaum sichtbar ist.
Wenn sich die Sprache des Herzens verändert
Über viele Jahre ist uns immer wieder dieselbe Beobachtung begegnet. Wenn Menschen beginnen, sich selbst ernster zu nehmen, verändern sich oft nicht zuerst ihre äußeren Lebensumstände. Es verändern sich ihre Gespräche. Was gestern noch spannend war, wirkt heute oberflächlich. Was früher selbstverständlich erschien, verliert an Bedeutung. Nicht, weil es falsch geworden wäre, sondern weil etwas anderes wichtiger wird. Es entsteht der Wunsch nach Tiefe. Nach Wahrhaftigkeit. Nach Gesprächen, die nicht nur den Alltag beschreiben, sondern das Leben berühren. Vielleicht kennst du den Satz: "Zeig mir deine fünf engsten Freunde und ich sage dir, wer du bist." In diesem Gedanken könnte mehr Wahrheit liegen, als wir zunächst vermuten. Denn die Menschen, mit denen wir unser Leben teilen, spiegeln oft unsere damalige Sicht auf die Welt. Sie bestätigen unsere Überzeugungen, unsere Werte und manchmal sogar unsere Grenzen. Wenn sich unser Blick auf das Leben verändert, verändert sich deshalb häufig auch unser Umfeld. Nicht, weil jemand schuld daran wäre, sondern weil sich die gemeinsame Sprache langsam verändert.
Entwicklung verlangt keinen Schuldigen
Gerade in dieser Zeit beginnen viele Menschen, an sich selbst zu zweifeln. Sie fragen sich: Hätte ich mich mehr bemühen müssen? Bin ich schwieriger geworden? Verlange ich heute zu viel? Diese Fragen sind verständlich. Dennoch führen sie häufig in die falsche Richtung. Vielleicht geht es gar nicht darum, wer recht hat, oder wer sich verändert hat. Vielleicht geht es darum, dass Entwicklung manchmal bedeutet, Abschied von einer früheren Lebensphase zu nehmen. Nicht gegen andere, sondern für dich selbst. Jeder Mensch entwickelt sich in seinem eigenen Rhythmus. Manche Wege verlaufen viele Jahre nebeneinander. Andere trennen sich irgendwann still. Nicht aus Mangel an Zuneigung, sondern weil das Leben neue Fragen stellt.
Die Natur kennt keinen Stillstand
Vielleicht fällt uns das Loslassen deshalb so schwer, weil wir glauben, Beziehungen müssten ein Leben lang unverändert bleiben. Doch die Natur kennt diesen Anspruch nicht. Ein Baum hält seine Blätter nicht fest, wenn der Herbst kommt. Nicht weil sie ihm gleichgültig geworden wären, sondern weil neues Leben Raum braucht. Vielleicht gilt das auch für unsere Begegnungen. Manche Menschen begleiten uns, damit wir Wurzeln schlagen.
Andere schenken uns den Mut, Flügel auszubreiten. Beides ist wertvoll. Manchmal besteht die größte Wertschätzung darin, den anderen ziehen zu lassen.
Wenn Raum entsteht
Zunächst fühlt sich dieser Raum oft ungewohnt an. Der Kalender wird ruhiger. Das Telefon klingelt seltener. Manche Wochenenden sehen anders aus als früher. Doch vielleicht ist diese Leere gar kein Mangel. Vielleicht ist sie ein Zwischenraum. Ein Raum, in dem neue Fragen entstehen dürfen. Neue Begegnungen. Neue Freundschaften. Menschen, die nicht zu der Person passen, die du einmal warst, sondern zu der, die du gerade wirst. Vielleicht beginnt genau hier etwas, das viele Menschen später als einen der wichtigsten Wendepunkte ihres Lebens beschreiben. Nicht spektakulär, sondern leise. Fast so, als würde das Leben selbst behutsam Ordnung schaffen.
Ob man diesen Prozess persönliche Reifung, innere Entwicklung oder den Ruf der eigenen Lebensaufgabe nennt, ist letztlich zweitrangig. Entscheidend ist vielleicht etwas ganz anderes: Dass du den Mut findest, diese Veränderung nicht vorschnell als Fehler zu bewerten, sondern als Einladung, den Menschen kennenzulernen, der du gerade wirst.
Ein kleines Experiment
Nimm dir heute zehn Minuten Zeit und zeichne drei Kreise auf ein Blatt Papier. In den ersten Kreis schreibst du die Namen der Menschen, die dich vor zehn Jahren besonders geprägt haben. In den zweiten Kreis notierst du die Menschen, mit denen du heute über das sprechen kannst, was dich wirklich bewegt. Der dritte Kreis bleibt zunächst leer. Er steht für die Menschen, die deinem weiteren Lebensweg vielleicht noch begegnen werden. Betrachte anschließend die ersten beiden Kreise. Welche Themen haben euch damals verbunden? Welche verbinden euch heute? Welche Eigenschaften schätzt du heute an Menschen, die dir früher vielleicht gar nicht wichtig waren? Frage dich: Was hat sich in mir verändert, dass sich auch mein Umfeld verändert hat? Lege das Blatt anschließend einige Tage beiseite. Die interessantesten Antworten entstehen oft nicht beim Nachdenken, sondern mitten im Leben.
Vielleicht verabschieden sich manche Menschen nicht deshalb aus deinem Leben, weil eure Verbindung zu schwach war. Vielleicht war sie genau stark genug, um dich bis zu dem Punkt zu begleiten, an dem dein eigener Weg beginnt.
Stephan und Claudia Möritz (als Geschäftsführerin) arbeiten zusammen in ihrem Unternehmen „Lebensaufgabe“. Stephan Möritz benennt seit über zwei Jahrzehnten die Lebensaufgabe von Menschen – direkt nach Rücksprache mit ihrer Seele – ohne Methoden, ohne Persönlichkeitstest, Ohne vorgefertigte Konzepte. Viele Menschen erleben die Gespräche mit ihm als klar, präzise und lebensverändernd – nicht, weil ihnen etwas „gegeben“ wird. Sondern weil sie beginnen zu erkennen, warum sie wirklich hier sind. Weitere Infos unter: www.lebensaufgabe.com | Essayreihe: www.stephan-moeritz.de
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Kiefergelenkschmerzen und Zähneknirschen ... Interview mit der Zahnärztin Dr. med. dent. Mandy Scheunchen
"Unser Kausystem ist ein Stressventil, das sehr sensibel auf Belastungen reagiert ... Die Ursachen für Kiefergelenkbeschwerden und deren Folgen sind so vielfältig wie unser moderner Alltag. Ich betrachte die Betroffenen nie nur durch die Zahnarzt-Brille, sondern mit ganzheitlichem Blick: Eine Craniomandibuläre Dysfunktion - kurz CMD - fängt selten beim Zahn allein an und hört selten beim Kiefer auf. Daher ist es mir wichtig, nicht nur die Symptome zu deckeln, sondern die echten Ursachen an der Wurzel zu packen und den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand zu geben."
Was ist die Ursache von Kiefer-/Gesichtsschmerzen, Verspannungen, Schwindel oder Tinnitus, und warum treten diese so häufig auf?
Dr. Scheunchen: Die Ursachen sind so vielfältig wie unser moderner Alltag. Unser Kausystem reagiert sehr sensibel auf Belastungen, und das nicht nur mechanisch. Neben klassischen körperlichen Auslösern wie Zahnfehlstellungen, schlechtsitzendem Zahnersatz oder Haltungsfehlern ist es vor allem unser Lebensstil, der hier Einfluss nimmt. Warum die genannten Probleme so häufig vorkommen? Das Kausystem ist ein Stressventil. Wenn wir unter Strom stehen, "beißen wir uns durch" oder "beißen die Zähne zusammen". Dieses nächtliche oder unbewusst tagsüber stattfindende Zähneknirschen und -pressen überlastet die Muskeln und Gelenke. Da das Kiefergelenk eng mit der Halswirbelsäule sowie den Kopf- und Ohrnerven verschaltet ist, strahlt der Schmerz oft aus. Die Folgen sind dann nicht nur Zahnschmerzen, sondern auch Nackenverspannungen, Schwindel oder Tinnitus.
Sie haben sich auf CMD spezialisiert. Was versteht man unter dieser Bezeichnung, und was ist das Besondere an Ihrer Behandlungsmethode?
Dr. Mandy Scheunchen: CMD steht für Craniomandibuläre Dysfunktion. Das klingt kompliziert, bedeutet aber nur, dass das Zusammenspiel zwischen dem Schädel (Cranium) und dem Unterkiefer (Mandibula) aus dem Takt geraten ist, also eine Fehlfunktion vorliegt. Das Besondere an meinem Ansatz ist der ganzheitliche Blick. Ich betrachte den Patienten nie nur durch die Zahnarzt-Brille. Eine CMD fängt selten beim Zahn allein an und hört selten beim Kiefer auf. In meiner Behandlung verbinde ich die klassische, präzise Zahnmedizin und Kieferorthopädie mit Aspekten aus der Physiotherapie, der Schmerztherapie und der Stressbewältigung. Mir ist es wichtig, nicht nur die Symptome mit einer Schiene zu deckeln, sondern die echten Ursachen an der Wurzel zu packen. Mein Buch erklärt das Phänomen CMD, zeigt Behandlungswege auf und gibt den Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand.
Worin bestehen die vielfältigen Aufgaben des Kausystems, und wie kommt es zur Entstehung von Fehlfunktionen?
Dr. Scheunchen: Wenn wir an das Kausystem denken, fällt uns zuerst das Essen und Kauen ein. Aber es leistet viel mehr - es ist essenziell für das Sprechen, Schlucken und Atmen. Darüber hinaus stabilisiert es über Muskelketten unseren gesamten Kopf und beeinträchtigt die Körperhaltung bis hinunter zu den Füßen. Und es ist unser emotionales Ventil zur Stressverarbeitung. Eine Fehlfunktion entsteht, wenn dieses hochsensible System aus der Balance gerät. Das kann ein schleichender Prozess sein, z. B. durch eine dauerhafte Fehlhaltung am Schreibtisch oder chronischen Stress. Es kann auch akut ausgelöst werden, z.B. durch den Verlust eines Zahnes, ein Trauma oder eine neue Krone, die nur minimal zu hoch ist. Der Körper versucht das lange zu kompensieren, aber irgendwann ist das Fass voll, und die Symptome brechen aus.
Welche Symptome treten bei psychischem/emotionalem Stress auf, und welche Möglichkeiten der Diagnostik stehen zur Verfügung?
Dr. Scheunchen: Wenn die Seele den Kiefer stresst, sehen wir das oft an typischen Verschleißerscheinungen - abgeschliffene Zahnkanten (Facetten), Risse im Zahnschmelz oder Zahnfleischrückgang durch den enormen Druck. Viele Betroffene wachen morgens mit einem Katergefühl im Gesicht auf, haben Schläfenkopfschmerzen oder eine völlig verhärtete Wangenmuskulatur. In der Diagnostik folgt auf das persönliche Gespräch (Anamnese) die klinische Funktionsanalyse. Bei Bedarf arbeite ich auch mit bildgebenden Verfahren oder ziehe Spezialisten aus der Physiotherapie, Orthopädie oder Osteopathie hinzu, um ein klares Gesamtbild zu bekommen.
Welche Therapieansätze haben sich als besonders wirksam erwiesen?
Dr. Scheunchen: Die besten Erfolge erziele ich immer mit einer Kombinationstherapie, die den Körper und die Geistebene gleichermaßen abholt. Auf der körperlichen Ebene ist eine maßgefertigte, präzise Aufbissschiene der erste wichtige Schritt, um das Gelenk zu entlasten und die Zähne zu schützen. Begleitend ist eine spezialisierte Physiotherapie (Manuelle Therapie) Gold wert, um die Verspannungen zu lösen. Langfristig ist anzuraten, dass der Patient lernt, die Überaktivität seiner Muskeln im Alltag selbst wahrzunehmen und herunterzuregeln. Dies kann durch die Integration von Entspannungsverfahren und Biofeedback in den Alltag gelingen. In meinem Buch vermittle ich zahlreiche hilfreiche Übungen, aufschlussreiche Selbsttests und weiterführende Anregungen.
Welche Übungen empfehlen Sie Betroffenen zur Selbstbehandlung, und wann sind kieferorthopädische Maßnahmen erforderlich?
Dr. Scheunchen: Für die Selbstbehandlung empfehle ich eine gesunde Mischung aus Dehnung, Mobilisation und Entspannung. Hier setzt unser Audio-Übungsprogramm an - es hilft, die Wahrnehmung zu schulen und das Nervensystem herunterzufahren. Sanfte Wärme oder Selbstmassagen der Wangenmuskulatur bewirken oft Wunder. Kieferorthopädische Maßnahmen werden notwendig, wenn festgestellt wird, dass eine strukturelle Fehlstellung der Zähne oder des Kiefers die Hauptursache für CMD ist. Wenn die Zähne einfach nicht harmonisch ineinandergreifen und das Gelenk dadurch gezwungen wird, in einer unnatürlichen Position zu arbeiten, müssen wir die Zahnstellung korrigieren - sei es durch Schienen, Zahnspangen oder prothetische Anpassungen -, um ein stabiles, schmerzfreies Fundament zu schaffen.
Dr. med. dent. Mandy Scheunchen ist Zahnärztin mit kieferorthopädischem Schwerpunkt (M.Sc. Kieferorthopädie) und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz der Kieferorthopädie, der auch Thema ihrer Masterarbeit, ihrer Veröffentlichungen und Vorträge (u.a. bei der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie, DGFDT) ist. Sie hat zahlreiche Fortbildungen absolviert und besitzt langjährige Erfahrung in der Behandlung von Kiefergelenkbeschwerden und Craniomandibulärer Dysfunktion (CMD).
Buchtipp:
Dr. med. dent. Mandy Scheunchen: Kiefergelenkschmerzen, CMD und Zähneknirschen. Kompakt-Ratgeber. Prävention, praktische Selbsthilfe und Behandlungsempfehlungen inkl. zwei geführte Audio-Übungen. Mankau Verlag, 1. Auflage Juli 2026, Klappenbroschur, 159 Seiten, 14 Euro. Auch erhältlich als MP3-CD mit Übungsprogramm, + 8 seitiges Booklet, 18 Euro oder als Download für 12,99 Euro
Hinweis zum Artikelbild: © Dr. Mandy Scheunchen / Mankau Verlag
Der Queller oder „Meeresspargel“ ... von Barbara Simonsohn
Eine leckere Heilpflanze aus "Neptuns Vorgarten", den Salzwiesen
Der Queller oder lateinisch Salicornia ist das vielleicht bekannteste "Gemüse" der Salzwiesen der Nordsee, die jährlich bis zu 250-mal vom Meer überflutet werden. Wie schaffen das die Pflanzen bloß, welche Anpassungsstrategien haben sie entwickelt? Ist nicht Salzwasser der Tod für die allermeisten Gewächse? Die Pflanze mit kleinen grünen Stängeln wächst ganz vorn am Watt. Sie toleriert nicht nur Salzwasser, sondern braucht es geradezu zum Überleben. Es handelt sich um die salzresistenteste Pflanze überhaupt, die noch voller gesunder Inhaltsstoffe wie Mineralstoffen und Spurenelementen steckt. Darunter natürliches pflanzengebundenes Jod, das nicht zu einer Jodallergie führt. Der Queller ist knackig, er schmeckt salzig und nach Meer, so wie die Gischt an einem Sturmtag riecht, mit angenehm grün-gesunder Note, leicht säuerlich, leicht pfeffrig-scharf. Das Tolle: Das Salz im "Meeresspargel" treibt den Blutdruck nicht in die Höhe, im Gegenteil, Queller senkt sogar einen zu hohen Blutdruck, und hat außerdem jede Menge gesundheitliche Vorzüge. Kein Wunder, dass die salzige Wildpflanze mit eicht pfeffrigen Aroma gerade die Gourmet-Tempel rund um den Globus erobert, aber auch die Gesundheitsküche.
Die noch eher unbekannte Delikatesse ist in fast allen gemäßigten Küstenregionen der Nordhalbkugel heimisch, nicht nur an der Nord- und Ostsee und der Atlantikküste. In vielen Fischläden und auf etlichen Fischmärkten wird der Queller zur Erntesaison zwischen Mai bis August frisch angeboten, aber auch in Feinkostgeschäften. Man kann ihn aber auch eingelegt und getrocknet bekommen. Weil viele Quellergebiete zum Nationalpark Wattenmeer gehören, kommt der Queller bei uns meistens aus Frankreich, Israel oder Holland.
Etwas zur Botanik
Der Gattungsname Salicornia ist lateinischen Ursprungs und bedeutet sal für Salz und cornu für Horn, weil die Sprossenden der Pflanze oft hornartig gebogen sind. Der Queller gehört zur Familie der Fuchsschwanzgewächse, und die wiederum zur Ordnung der Nelkenartigen. Der Queller oder "Meeresspargel" wächst fünf bis 40 Zentimeter hoch. Die einjährigen Sprossachsen sind fleischig und blattlos. Der Queller ist vor allem auf der Nordhalbkugel verbreitet und besiedelt die Wattböden der Meeresküsten. Die Pflanze wird als Halophyt oder Salzpflanze bezeichnet. Die Stängel sind einfach bis mehrfach verzweigt. Die fleischigen Laubblätter stehen gegenständig und sind an der Basis verbunden. Sie tragen ährenartige Blütenstände, die zwischen einem winzigen Tragblatt und der Hauptachse eingesenkt sind. Die kleinen Blüten enthalten ein bis zwei Staubblätter und zwei Griffel. Die Samen stehen vertikal und haben eine gelbliche behaarte Samenschale.
Der Queller, das ist das ganz Besondere an dieser Pflanze, ist ohne Salzzufuhr nicht lebensfähig. Er reichert Salzionen aus dem Boden an, um die osmotische Saugkraft des Salzbodens zu überwinden und Wasser aufzusaugen. Dadurch steigt der Salzgehalt in der Pflanze an, und zum Ausgleich nimmt sie zusätzliches Wasser in ihr Gewebe auf, um die Salzkonzentration zu verdünnen. Nach sechs Monaten hat der Queller seinen Lebenszyklus vollendet, wird rötlich-braun und stirbt ab. Einen farbenprächtigen "Indian Summer" kann man also auch im Watt erleben! Die Pflanze hat durch bis zu 10 000 Samen pro Pflanze ihr Weiterleben gesichert. Sie behalten im Boden eine Keimfähigkeit von bis zu fünfzig Jahren. Im Frühjahr wachsen die Jungpflanzen schnell heran. Im August werden die unscheinbaren Blüten vom Wind bestäubt. Quellersamen im Spülsaum der Meere bilden im Winter eine wichtige Nahrungsquelle für Ohrenlerche, Bergfink, Berghänfling, Birkenzeisig und weitere Singvögel.
Die Inhaltsstoffe und ihre Bedeutung
Weil die Wurzeln sowohl ins Meerwasser als auch in die Tonerde reichen, enthält Meeresspargel alle Nährstoffe und Mineralstoffe des Meeres und der Tonerde wie Natrium, Kalium, Magnesium, Schwefel, Kalzium, Phosphor, Eisen, Zink, Mangan und Kupfer. Es handelt sich darüber hinaus um unsere reichhaltigste natürliche Jodquelle mit hoher biologischer Wertigkeit. Das Meer ist die größte Jodquelle überhaupt, und Salicornia ist reich an Jod. Der durchschnittliche Jodgehalt liegt bei bis zu vier Milligramm pro hundert Gramm Trockensubstanz.
Der Queller ist mit 35 Kilokalorien auf 100 Gramm sehr kalorienarm und enthält mit 0,6 Gramm pro 100 Gramm kaum Fett. Hundert Gramm Meeresspargel enthalten außerdem 4,4 Gramm Kohlenhydrate, 6,8 Gramm Ballaststoffe, 2.6 Gramm hochwertiges Eiweiß, Natrium für die Zellgesundheit und den Wasserhaushalt, Kalium für den Säure-Basen-Haushalt und die Herzgesundheit, Magnesium für ein reibungsloses Zusammenspiel der Muskeln, Jod als essentielles Spurenelement für eine gesunde Schilddrüsenfunktion, Schwefel für ein gesundes Immunsystem, was Entzündungen ausbremst und entgiftet, Calcium für gesunde Knochen und Zähne, Phosphor für die Zellgesundheit und einen gesunden Energiestoffwechsel, Eisen für die Blutbildung und den Sauerstofftransport in unsere Zellen, Zink für ein gesundes Immunsystem, als Bestandteil von etwa 300 Enzymen und für gesunde Schleimhäute, und Mangan zum Aufbau von gesunden Knochen und einem fitten Abwehrsystem (Werte aus "Zentrum der Gesundheit", Silke Gugenberger-Wachtler, "Meeresspargel- gesundes Wildgemüse aus dem Meer" vom 15.8.2014).
Meeresspargel - die gesunde Jodquelle
Jod wurde schon 1811 von dem französischen Chemiker Bernard Courtois in der Asche von Seetang entdeckt. Dieses essentielle Spurenelement ist für Säugetiere wie den Menschen lebensnotwenig. Die größte Konzentration von Jod mit acht bis fünfzehn Gram von maximal zwanzig Milligramm befindet sich in der Schilddrüse. Deutschland gehört zu den mittleren Jodmangelgebieten dieser Erde. Unsere Böden sind an Jod verarmt, weil das Spurenelement schon während der letzten Eiszeit mit dem Schmelzwasser der Gletscher aus dem Boden ausgewaschen und ins Meer geschwemmt wurde. Die industrialisierte Landwirtschaft hat zu einer weiteren Auslaugung der Böden beigetragen. Nitrate, die durch Nahrung und Wasser aufgenommen werden, behindert die Aufnahme von Jod in den Körper. 33 Prozent von 100 Deutschen oder rund siebenundzwanzig Millionen Deutschen leiden daher an einem Jodmangel oder einem durch Jodmangel verursachten Kropf (vgl. Barmer.de vom 30.8.2024). Etwa ein Drittel der Bevölkerung weist damit eine Jodzufuhr unterhalb des geschätzten mittleren Bedarfs auf (Bundesinstitut für Risikobewertung, Stichwort "Jod").
Japaner mit ihrem hohen Konsum an Algen und Meeresfrüchten nehmen mehrere Milligramm Jod pro Tag auf und sind statistisch gesehen das gesündeste Volk mit der höchsten Lebenserwartung und die niedrigste Krebsrate für viele Tumorarten (vgl. Kyra Hoffmann und Sascha Kaufmann, "Neues aus der Joddiagnostik und -Therapie", heilpraktikerverband.de und dieselben, "Jod - Schlüssel zur Gesundheit. Die Wiederentdeckung eines Heilmittels", Systemed Verlag 2016). Jod wirkt antioxidativ, antiseptisch gegen Bakterien, Pilze und Parasiten, zellteilungsregulierend und damit krebsvorbeugend, alkalisierend und tumorabwehrend durch die Einleitung der Apoptose, einem Selbstmordprogramm der Krebszelle. Zellen, die Jod in ihr Inneres hineinpumpen, befinden sich nicht nur in der Schilddrüse, sondern auch im Magen-Darm-Trakt, in den Eierstöcken, Prostata, Teilen des Gehirns, in den Speicheldrüsen, Nebennieren und Brustdrüsen (vgl. ebd.). Ein Jodmangel betrifft daher den Gesamtorganismus.
Der menschliche Körper benötigt Jod zur Produktion von zwei lebenswichtigen Schilddrüsenhormonen Thyroxin T4 und Triiodthyronin T3. Die Schilddrüsen-Hormone regulieren die Körpertemperatur, den Wasserhaushalt, den Sauerstoffverbrauch, die Funktionen des zentralen Nervensystems, den Stoffwechsel, das Wachstum und die körperliche Entwicklung. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse sind alle Stoffwechselprozesse verlangsamt. Typische Jodmangelsymptome sind Antriebsarmut, depressive Verstimmungen, extremer Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Kälteempfindlichkeit, trockener Haut und Haarausfall. Jod spielt auch als Regulator der Hormonsynthese und -freisetzung eine Rolle (vgl. R. Winkler u.a., "Jodid - ein potentielles Antioxidans und Sauerstoff-Radikalenfänger und seine Rolle bei Peroxidase-Reaktionen", VitaMinSpur 7, 124-134 (1992) und für eine gesunde Knochendichte.
Was ist mit jodiertem Speisesalz, das in vielen Fertigprodukten und Backwaren eingesetzt wird? Warum leiden dann noch so viele Menschen unter einem Jodmangel? Künstliches Jod als Kaliumjodat wird übrigens aus Natriumjodat gewonnen, das vor allem in Chile beim Abbau von Salpeter abfällt. Jodmangel kann durch erhöhte Nitratwerte im Boden und Grundwasser entstehen und zu einer Jodverwertungsstörung führen (vgl. D. Brauschweig-Pauli, "Der Jahrhundert-Irrtum", Natur & heilen 8/2001). Ein verbreiteter Mangel an Zink und Selen kann sich nachteilig auf die Jodaufnahme auswirken. Halogenid-Ionen wie Fluorid behindern den Transport von Jod in die Schilddrüse (vgl. D. Brauschweig-Pauli, "Der Jahrhundert-Irrtum", Natur & Heilen 8/2001). Die "Fluoridierung" der Bevölkerung durch Zahnpasta und Fluortabletten ist vor dem Hintergrund der mangelhaften Jodversorgung daher kritisch zu beurteilen. Es ist außerdem ein großer Unterschied, ob künstliches oder Jod aus natürlichen Quellen aufgenommen wird. Jodallergiker vertragen problemlos natürliches Jod in Obst und Gemüse. Beim Verzehr von Kalbfleisch von Tieren, die künstlich jodiertes Futter erhalten haben, kommt es hingegen zu schweren Jodschocks (vgl. R. Fuchs, "Wie uns die Pharma-Industrie zwangsjodiert", Raum & Zeit 12/2001).
Wer nicht täglich 100 Gramm Meeresfisch essen möchte, was den täglichen Jodbedarf decken würde, kann durch die normale Kost kaum seinen täglichen Jodbedarf von etwa 200 Mikrogramm laut DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) und WHO (Weltgesundheitsorganisation) decken. Die Meere sind überfischt, und Meeres-Fische mit Schwermetallen und Mikroplastik belastet. Dieser in meinen Augen viel zu niedrig errechnete Bedarf von 200 Mikrogramm reicht vielleicht für die Versorgung der Schilddrüse aus, aber nicht für die weitere Organsysteme (vgl. Kyra Hoffmann und Sascha Kauffmann, a.a.O.). Meeresalgen enthalten zwar Jod, speichern aber auch Schwermetalle wie Cadmium oder Arsen und reichern unphysiologisch hohe Jodmengen an, die der Organismus nicht kennt. Außerdem kommen essbare Algen in unseren heimischen Meeren, der Nord- und Ostsee, kaum vor. Hier kommt der Queller ins Spiel. In Salicornia liegt Jod natürlich gebunden vor, in einer Form, wie sie der Mensch seit Jahrtausenden kennt. Die Gefahr von Allergien ist damit gebannt, und durch den Verzehr von Salicornia wird das Jodid nach und nach aus seiner pflanzlichen Bindung freigesetzt. Sie können entweder Queller frisch oder getrocknet zu sich nehmen. In "Jod Bio Salicornia Tabletten" von Dr. Pandalis liegt pflanzlich gebundenes Jod aus dem europäischem Queller vor. Salicornia ist darin mit Wildhafer kombiniert, einer Pflanze reich an natürlichem Zink, was die Jodaufnahme otimiert. Mit einem Pressling decken Sie mit 50 Mikrogramm Jod bereits ein Drittel Ihres Tagesbedarfs.
Die weiteren Heilwirkungen und Nutzungsmöglichkeiten des Queller
Der Meeresspargel wird im asiatischen Raum zur Blutreinigung, als Stärkungsmittel für Leber und Niere und zur Entwässerung empfohlen. Während Speisesalz den Blutdruck in die Höhe treibt, kann Meeresspargel den Blutdruck senken, wie eine Studie aus dem Jahr 2016 ergab. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, "dass Meeresspargel als Alternative zu Salz verwendet werden kann, um so Bluthochdruck zu verhindern bzw. zu verbessern." (S. Patel, "Salicornia: evaluating the halophytic eytremophile as a food and a pharmaceutical candidate", Biotech. 2016 Ju.) Queller senkt nachweislich die Blutfettwerte, wirkt antibakteriell und antiseptisch, senkt den Blutzuckerspiegel, schützt die Leber und senkt erhöhte Leberwerte, optimiert das Immunsystem und schützt als Osteoporose-Prophylaxe die Knochen (vgl. ebd.).
Die Pflanze ist als Meeresspargel (oder Französisch Salicorne) ein wertvolles und schmackhaftes Wildgemüse mit leicht pfeffrigem und salzigem Geschmack. Queller kann als Rohkost im Salat, blanchiert oder als Einlage in gesalzenem Essig als Beilage gegessen werden. Es werden nur die Spitzen von jungen Pflanzen verarbeitet. Mehr als sieben Prozent der Landfläche ist von Übersalzung betroffen, Tendenz steigend, davon rund 45 Millionen Hektar landwirtschaftliche Fläche. Queller gilt hier als Hoffnungsträger und gesundes Gemüse der Zukunft (vgl. K. Hrynkiewicz u. a., "Salicornia europaea L. as an underutilized saline-tolerant plant inhabited by endophytic diazotrophs", Jurnal of Advanced Research (vom 9.5.2019). Queller kann man ohne Übertreibung als heimisches Superfood mit Gourmet-Qualitäten bezeichnen. Vielleicht hält die schmackhafte Wildpflanze auch bald Einzug in Ihre heimische Gesundheits-Küche. |> Infos zu Rezepten, Bezugsquellen von Quellerprodukten finden Sie u. a. auf der Webseite: www.Queller.org
Barbara Simonsohn (geb. 1954) ist Ernährungsberaterin und Reiki-Lehrerin. Seit 1995 hat Barbara Simonsohn zahlreiche Ratgeber im Bereich der ganzheitlichen Gesundheit veröffentlicht. Ihre Webseite: www.barbara-simonsohn.de
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Algenöl statt Budwig Öl-Quark – Die bessere Omega-3-Quelle ... von Rainer Taufertshöfer
Ein Mythos auf dem Prüfstand
Seit mehr als einem halben Jahrhundert wird die sogenannte Öl-Eiweiß-Kost nach Johanna Budwig in der alternativen Szene fast wie ein Heilsdogma behandelt. Leinöl und Quark, zu einer einfachen Mischung verrührt, sollten den Stoffwechsel aufblühen lassen und Krankheiten, insbesondere Krebs, entgegentreten. Viele Patienten schwören darauf, und die Szene hat diese Ernährungsform über Jahrzehnte beinahe unantastbar gemacht.
Doch die entscheidende Frage lautet:
Gilt eine Ernährungsweise, die in den 1950er-Jahren bahnbrechend war, auch heute noch als die beste Lösung für unsere Gesundheit? Oder sind wir inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem Budwigs Prinzipien zwar weiterleben, ihre praktische Umsetzung jedoch überholt und sogar riskant erscheint?
Budwig: Pionierin ihrer Zeit
Johanna Budwig war eine außergewöhnliche Frau. Sie erkannte in einer Zeit, in der Margarine, Transfette und Industriefette als Fortschritt gefeiert wurden, dass diese künstlich gehärteten Fette den menschlichen Stoffwechsel zerstören. Sie wies nach, dass ungesättigte Fettsäuren essenziell für die Zellgesundheit sind, und sie verstand, dass Eiweiß die Bioverfügbarkeit dieser Fette erhöhen kann. Ihr Öl-Quark-Modell war für ihre Zeit genial, ein Leuchtfeuer inmitten einer industrialisierten Ernährungskultur. Und doch darf man nicht übersehen: Budwig war Kind ihrer Epoche. Sie hatte keine Möglichkeit, auf moderne Trägersysteme zurückzugreifen. Algenöle waren unbekannt, pflanzliche Lecithinpräparate nicht verfügbar, und pflanzliche Protein-Isolate standen noch nicht zur Verfügung. Quark war schlicht das, was sie zur Hand hatte - praktisch, regional, verfügbar.
Elektronen, Photonen und die Sprache des Lichts
Budwigs vielleicht kühnste und zugleich am meisten missverstandene Idee war ihre Elektronentheorie. Sie sah die mehrfach ungesättigten Fettsäuren - reich an Doppelbindungen - als Träger freier Elektronen. Diese Elektronen könnten, so ihre Vorstellung, in Resonanz mit Photonen treten, also mit Lichtquanten, die sie als kosmische Informations- und Energieträger verstand. "Ohne diese Fettsäuren kann kein Licht in die Zelle eintreten." (Johanna Budwig, sinngemäß aus ihren Schriften).
Für die akademische Biochemie der 1950er Jahre war das reine Häresie. Doch heute wissen wir aus der Biophotonenforschung, dass lebende Zellen tatsächlich schwache Lichtemissionen abgeben - sogenannte Biophotonen. Diese speichern Information, sie werden rhythmisch emittiert, und sie können als Kommunikationsmedium zwischen Zellen dienen. Fritz-Albert Popp und andere konnten nachweisen, dass Zellen über Photonenfelder in einer Art Lichtnetzwerk miteinander kommunizieren. Damit erhält Budwigs Intuition eine völlig neue Aktualität. Photonen sind Informationsspeicher und Informationsübermittler. Nahrung ist nicht nur chemische Substanz, sondern auch Informationsträger.
Milch als Risikocluster - biochemisch und informatorisch
Und genau hier beginnt Budwigs Irrtum. Sie sah Quark als neutralen Eiweißträger. Heute wissen wir, dass Milchprodukte alles andere als neutral sind: Milch enthält ¥á-Casein, das in Versuchen Tumorzellen stimuliert und schützende Genprogramme unterdrücken kann. Milch steigert den IGF-1-Spiegel, einen Wachstumsfaktor, der das Zellwachstum antreibt. Milch aktiviert den mTOR-Signalweg, der unkontrollierte Zellproliferation fördert. Epidemiologisch zeigen sich höhere Raten und aggressivere Verläufe von Brust- und Prostatakrebs in Regionen mit hohem Milchkonsum. Das bedeutet: Quark ist nicht nur ein fragwürdiges Vehikel - er kann genau jene Prozesse befeuern, die man eigentlich verhindern will. Doch es geht noch tiefer. Milchprodukte sind nicht nur Molekülträger, sie sind auch Informationsspeicher. Ein Tier, das unter Stress und Angst lebt, speichert diese Muster - biochemisch durch Hormone und Entzündungsstoffe, biophysikalisch durch Photonenprofile. Fleisch und Milchprodukte sind damit auch Träger von Leid-Informationen. Ich sagte schon in 2005: "Krebszellen lieben Milch."
Pflanzen als reine Informationsquellen
Algen stehen in fundamentalem Gegensatz dazu. Sie entstammen der Pflanzenwelt, und Pflanzen tragen eine gänzlich andere Signatur. Sie sind im Wesen nicht auf Flucht und Angst programmiert, sondern auf Ordnung, Lichtaufnahme und Wachstum. Experimente zur Pflanzenwahrnehmung, etwa die frühen Polygraph-Versuche von Cleve Backster, zeigten: Pflanzen reagieren kaum auf Erntehandlungen, aber stark auf sinnlose Vernichtung wie Feuer. Das bedeutet: Pflanzen folgen keiner Angst- oder Fluchtlogik, sie tragen ein dienendes, lichtvolles Informationsmuster. Damit wird klar: Der Konsum von Pflanzen, insbesondere von Algen, ist nicht nur biochemisch sauber, sondern auch informatorisch unbelastet. Sie sind reine Speicher von Photonenenergie, frei von der Signatur des Leidens.
Algenöl als biochemische Vollendung
Während Leinöl alpha-Linolensäure (ALA) liefert, muss diese erst mühsam in die eigentlich wirksamen Fettsäuren EPA und DHA umgewandelt werden - mit einer Ausbeute von nur 5-10 % für EPA und 2-5 % für DHA.
Algenöl liefert EPA und DHA direkt: EPA (Eicosapentaensäure) und DHA (Docosahexaensäure) sind die bioaktiven Formen, die in Zellmembranen, im Nervensystem und in Entzündungsprozessen unmittelbar wirksam sind. Sie besitzen noch mehr Doppelbindungen als ALA - fünf bei EPA, sechs bei DHA. Das bedeutet: noch größere Elektronenwolken, noch empfindlichere "Antennen" für Photonenresonanzen. Biochemisch verbessern sie die Fluidität der Membranen, fördern die neuronale Signalübertragung, regulieren Entzündungen und unterstützen den Sauerstofftransport. Damit ist Algenöl nicht nur eine Alternative, sondern die konsequente Vollendung dessen, was Budwig sah: ungesättigte Fettsäuren als Lichtantennen.
Die Porphyrin-Analogie: Blut und Chlorophyll
Ein faszinierendes Detail unterstreicht diese Sicht. Chlorophyll, das grüne Pigment der Alge, ähnelt in seiner Struktur dem menschlichen Hämoglobin verblüffend.
Beide bestehen aus einem Porphyrinring. Im Zentrum beim Menschen: Eisen für den Sauerstofftransport. Im Zentrum bei der Pflanze: Magnesium für die Lichtaufnahme. Zwei Varianten derselben universellen Matrix - das "Blut" der Pflanzen und das Blut des Menschen. Dieser Parallelismus zeigt: Pflanze und Mensch sind tief miteinander verwandt. Wer Algenöl konsumiert, nimmt nicht nur Fettsäuren zu sich, sondern dockt an eine gemeinsame Grundarchitektur des Lebens an - biochemisch und informatorisch.
Algen als Urquelle
Auch ökologisch zeigt sich diese Wahrheit. Fische enthalten EPA und DHA nur, weil sie Algen fressen. Die Alge ist die ursprüngliche Quelle der Omega-3-Fettsäuren auf diesem Planeten. Wer direkt zur Alge greift, geht an die Wurzel. Und mehr noch: Er umgeht die Informationslast tierischer Produkte und nimmt die reine, lichtvolle Signatur der Primärproduzenten auf.
Vollendung statt Dogma
Budwig hatte recht - und sie irrte zugleich. Richtig war ihr Prinzip: ungesättigte Fettsäuren sind Lichtantennen, Elektronen- und Photonenfänger, essenziell für die Gesundheit. Falsch war ihre Fixierung auf Quark und Leinöl als Dogma. "Wer Budwig wirklich ehrt, muss sie überwinden - und ihre Einsicht in das Licht, die Elektronen und die Fettsäuren in eine neue Zeit tragen." (Rainer Taufertshöfer, 2013) Diese neue Zeit heißt: Algenöl - biochemisch überlegen, spirituell rein, energetisch kohärent und ökologisch nachhaltig.
Dieser Artikel wurde in 9.2025 bei der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) archiviert und ist dort als Veröffentlichung verzeichnet: https://d-nb.info/1379127084/34. Die Veröffentlichung bei KGS-Berlin erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Rainer Taufertshöfer ist freier Medizinjournalist, Heilpraktiker, Forscher, Seminarleiter und Referent. Sein Motto: "Wer nur bekämpft, was sichtbar ist, verpasst, was dahinterliegt". Zu Rainer Taufertshöfer kommen Menschen, die schon viel versucht haben: Schulmedizin, Naturheilkunde, die bekannten Zentren, die einschlägigen Namen - Jahre der Suche, Regale voller Bücher, Ordner voller Befunde. Manche haben alles durch und stehen trotzdem noch am Anfang. Für diese Menschen arbeitet er. Weitere Infos telefonisch +49 (0)5536-2353056 oder auf www.rainer-taufertshoefer-medizinjournalist.de
Bücher von Rainer Taufertshöfer:
Neue schwarze Salbe. Handbuch: Die (r)evolutionäre Kraft der neuen schwarzen Salbe und ihrer ‚Indian Herbs Kapseln' gegen Krebs. Jim Humble Verlag 11.2023. Hardcover, 200 Seiten, 36,90 Euro
Clordioxid. Potenzial und Grenzen. Weitergedacht. Was weder Befürworter noch Kritiker sagen. BoD 4.2026, Hardcover, 444 Seiten, 54 Euro
Hinweis zum Artikelbild: © Elena – AdobeStock
